Das Glück der Menschen hat einen Namen: Arbeitsstelle

Von: Michael Grobusch
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Integration
Sind begeistert von dem Qualifikationskurs „Beruf und Sprache“: Juan Enalo, Zarema Tisaeva (Mitte) und Leila El Lahkis. Foto: Michael Grobusch
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Neben dem Gruppenunterricht setzt das Programm in den sechs Monaten auf eine intensive individuelle Förderung.

Städteregion. Da sitzen sie nun an diesem ansonsten eher trüben Vormittag nebeneinander und strahlen um die Wette: Leila El Lahkis, Zarema Tisaeva und Juan Enalo sind aus verschiedenen Ländern nach Deutschland geflüchtet, können ganz unterschiedliche Lebensgeschichten erzählen, und besitzen doch eine Gemeinsamkeit: Sie haben es geschafft.

Geschafft, das heißt im konkreten Fall: Es ist ihnen gelungen, mit Hilfe des Kurses „Beruf und Sprache“ (BuS) einen Job zu finden und damit einen entscheidenden Schritt für ihr weiteres Leben zu vollziehen. Die Qualifizierungs- und Integrationsmaßnahme, die vom Jobcenter der Städteregion angeboten und vom TÜV Nord umgesetzt wird, richtet sich an Migranten, die bereits über grundlegende Deutschkenntnisse verfügen und in ihrer Heimat eine Ausbildung oder ein Studium absolviert haben.

2014 und 2015 zunächst als Pilotprojekt initiiert, zählen die Kurse seit diesem Jahr zum festen Bestandteil der Angebotspalette des Jobcenters. „Wir möchten die Teilnehmer in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln“, nennt Pressesprecher Horst Mendez das Ziel. Das kann durch die Aufnahme einer Umschulung sowie über die Aufnahme oder Fortführung einer Ausbildung geschehen.

Nur in wenigen Fällen bleiben die „BuS“-Absolventen in ihrem vorherigen Berufsfeld. Zu sehr unterscheiden sich die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen in den Ländern, aus denen sie gekommen sind, von denen in Deutschland. Deshalb ist eine vollständige Anerkennung von Abschlüssen auch eine Ausnahme. Leila El Lahkis, Zarema Tisaeva und Juan Enalo stört das aber nicht. „Wir sind glücklich“, betonen sie unisono.

Leila El Lahkis kam vor zwei Jahren aus dem Libanon, sie flüchtete mit ihren vier Kindern vor dem Krieg. Die Wirtschaftsinformatikerin und IT-Spezialistin spricht perfekt Französisch, Englisch und Arabisch. „Und auch im Deutschen macht sie unglaubliche Fortschritte“, lobt Gabriele Steffens. Die Bereichsleiterin beim TÜV-Nord war derart angetan von der Arbeit der 47-Jährigen, dass sie ihr im September eine Stelle in der Verwaltung angeboten hat. „Wir wollen ihr die Chance geben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Sie kann anderen Menschen mit Fluchtgeschichte als Vorbild dienen, ihnen von ihren Erfahrungen berichten.“

Diese Option hat Zarema Tisaeva auch. Vielleicht beim TÜV, wo sie derzeit ein Praktikum absolviert. Oder bei einem anderen Arbeitgeber. Für die 44-jährige Tschetschenin, die schon seit 2003 in Deutschland lebt und eine sechsjährige Tochter hat, haben sich mit der erfolgreiche Teilnahme am „BuS“-Kurs neue Perspektiven eröffnet.

In ihrer Heimat, wo sie später politisch verfolgt wurde, hat sie Finanzen und Wirtschaft studiert, in Deutschland musste sie sich aber mit Aushilfsjobs als Reinigungskraft, Pflegerin und Verkäuferin durchschlagen. Nun sieht sie ihre Zukunft im Bereich Verwaltung und Buchhaltung.

„Es hat mir sehr geholfen, mit so vielen Dozenten zusammenzuarbeiten. Ich bin jetzt viel selbstbewusster als früher und weiß, wo meine berufliche Zukunft liegen wird.“ Die eigenen Erkenntnisse möchte Tisaeva gerne mit anderen teilen: „‚Beruf und Sprache‘ ist keine Beschäftigungsmaßnahme, der Kurs führt zum Erfolg.“

In der Tat ist nicht nur die Abschluss-, sondern auch die Vermittlungsquote sehr hoch. „Das liegt an der intensiven und differenzierten Betreuung“, ist Heiner Labonde überzeugt. Der Psychologe gehört zum Dozententeam des TÜVs und begleitet die Teilnehmer während der gesamten sechsmonatigen Maßnahme. Diese ist in drei Phasen unterteilt. In der ersten gibt es eine umfangreiche Potenzialanalyse. „Denn die Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zu uns“, weiß Labonde.

Auf Basis der Ergebnisse, die in einem Berufswegeplan münden, wird dann ein modulares Kursprogramm für jeden Teilnehmer erstellt. Dazu gehört ein (berufsbezogener) Intensivsprachkurs ebenso wie beispielsweise IT-Fortbildungen, ein Schwesternhelferkurs oder die Erlangung eines Maschinenscheins. „Wenn die Frauen und Männer das nötige Rüstzeug haben, geht es auf den Arbeitsmarkt“, berichtet Heiner Labonde. In der Regel werden dann Praktika absolviert – verbunden mit der Hoffnung bzw. Aussicht, auf diesem Wege in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis zu kommen.

Juan Enalo ist das gelungen. Der Syrier, im Juni 2014 vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet, hat Soziologie studiert und als Sozialforscher gearbeitet. Seit einigen Wochen nun ist er Dozent für das Programm „KompAS“ (Kompetenzfeststellung, frühzeitige Aktivierung und Spracherwerb), das von der Bundesagentur für Arbeit in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aufgelegt worden ist. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf der Verzahnung von Spracherwerb und Berufsqualifikation.

Für Enalo ist das der Schlüssel zum Erfolg. „In der Vergangenheit ist einiges falsch gemacht worden. Lange war es so, dass man zunächst einmal Sprachkurse belegen musste. Und erst danach wurde weitergeguckt. Jetzt gibt es endlich Angebote, die alle Aspekte von Integration berücksichtigen: die Sprache, die Berufs- und die Gesellschaftsorientierung.“ Der 34-Jährige hat davon profitiert: „Es waren sechs wunderbare Monate beim TÜV Nord. Jetzt habe ich eine Arbeitsstelle und bin sehr stolz darauf.“

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