Aachen - Crossgolfer: Bei ihnen ist jede Partie eine kleine Party

Crossgolfer: Bei ihnen ist jede Partie eine kleine Party

Von: Carmen Krämer
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Sie sind begeisterte Crossgolf-Spieler: (v.l.) Sascha Bien, Andreas Bender und Tobias Hoh. Foto: Carmen Krämer
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Crossgolf ist im Kommen: Ob in Städten, auf Straßen, in Industrieanlagen oder auch im Büro - diese Art von Golf kann man überall spielen, wo Platz ist, mit dem Schläger auszuholen. Foto: imago/Köhn

Aachen. Sascha Bien sucht mit seinen Sneakers Halt auf den Pflastersteinen vor dem Rathaus. Leicht seitwärts und nach vorn gebeugt, den Rücken zum Rathaus gewandt, hält er seinen Golfschläger in den Händen. Er holt aus - einmal, zweimal - beim dritten Mal trifft er den Ball, den er vorher auf einem Kronkorken positioniert hat. Mit vollem Schwung fliegt die kleine Kugel an ein paar Fußgängern vorbei und landet im Karlsbrunnen. Volltreffer! Sascha Bien hat ein ungewöhnliches Hobby: Er ist Crossgolfer.

„Tages-Du“ gibt es nicht

Unter dem Begriff „Crossgolf“ verstehen Sascha Bien und seine Mitspieler grundsätzlich golfen, aber nicht nur auf dem Rasen, sondern überall. Und da gibt es ganz verschiedene Varianten. Zum Beispiel kann man auf Ackern, Straßen, in Industrieanlagen, Parks, Städten oder in Büros spielen. „Eigentlich überall da, wo Platz genug ist, um mit dem Schläger auszuholen“, sagt er.

Und das geht oft sehr lustig zu. Im Crossgolf achte man nicht auf Etikette, so sein Mitspieler Andreas Bender. Im Prinzip sei jede Partie wie eine kleine Party, bei der auch das ein oder andere Bierchen getrunken wird. „Das wäre auf einem richtigen Golfplatz undenkbar“, sagt Bender, der selbst auf dem Rasen angefangen hat. Ebenso wird man auf dem Golfplatz wohl kaum so bunte Kostüme finden, wie sie Crossgolfer häufig tragen.

Ganz wichtig zu erwähnen sei ihnen auch, dass es kein „Tages-Du gibt“. „Beim richtigen Golfen ist der Professor auf dem Golfplatz der Willi. Und nachher ist er wieder der Herr Professor. So was gibt es bei uns nicht. Wir sind alle miteinander befreundet“, erklärt Sascha Bien.

Statt im Caddy ziehen die Crossgolfer, bei denen von zwölf Jahren an jede Altersschicht vertreten ist, zu Fuß weiter. Immer mit dabei sind ihre bunten Trolleys, die häufig selbst gezimmert und teilweise mit Kühlfach und Musikanlage ausgestattet sind. Die Schläger sind meist gebraucht und der Ball ist wesentlich leichter als ein normaler Golfball. Den kaufen sie in den Vereinigten Staaten, wo er als „neighborhood-safe“, also als „nachbarschafts-sicher“ angeboten wird.

Ob sie damit schon mal jemanden getroffen haben? „Wir passen natürlich gut auf. Aber es kann tatsächlich schon mal passieren, dass man einen Passanten trifft. Mit diesen Bällen kann man aber niemanden ernsthaft verletzen“, erklärt Tobias Hoh, der in Aachen mit dem Crossgolf angefangen hat und gerade dabei ist, eine Gemeinschaft in seiner neuen Heimat Köln aufzubauen. Denn nicht nur in Aachen, sondern in ganz Deutschland und sogar anderen europäischen Ländern wird Crossgolf immer beliebter.

Verhandlungen mit Golfverband

Derweil wird das nächste Ziel auserkoren: die Treppe, die am Rathaus vorbei zum Katschhof hinunterführt. Und Sascha Bien trifft – mit einem Schlag. Er ist der Vorsitzende von Crossgolf Aachen, dessen Mitglieder vor zweieinhalb Jahren angefangen haben und der seit Anfang des Jahres ein eingetragener Verein ist. Derzeit wartet er auf ein Gespräch mit dem Golfverband, in den sie gern aufgenommen würden. Und die ersten Meisterschaften haben sie auch schon hinter sich.

Ganz aktuell haben sie mit drei Mannschaften am EUGC, dem European Urban Golf Cup, in Paris teilgenommen. Gemeinsam mit sechs anderen Mannschaften aus ganz Deutschland, jeweils aus drei Spielern bestehend, bildeten sie hier das Nationalteam und gewannen die Meisterschaft. „Paris ist zum Crossgolfen ideal. Und die Franzosen sehen das alles so locker. Da sehen viele Autos aufgrund des französischen Einparkverhaltens ja sowieso aus wie Schrotthaufen, darum stört es da niemanden, wenn wir in den Wohngebieten spielen“, scherzt Andreas Bender.

Erstaunlich tolerant

Und auch in Deutschland sind die Passanten erstaunlich tolerant. „Ab und zu gibt es eine Beschwerde. Dann kommt das Ordnungsamt, aber es ist meistens okay, wenn sie denn weichen Ball gesehen haben“, erklärt Sascha Bien.

Und häufig seien es nicht die Omis, die sich beschweren, sondern Familien mit kleinen Kindern.

Weiter geht‘s: Auf dem Katschhof stellt ein Laster das nächste Ziel dar. Bis zu neun Ziele gibt es bei einer Partie, manchmal werden die „Löcher“ vorher festgelegt, manchmal spontan. Das Ziel des Spiels: in so wenig Schlägen wie möglich das „Loch“ zu treffen.

Leuchtende Bälle und Schläger helfen, wenn sie mal im Dunkeln spielen wollen, wie zum Beispiel einmal in einer Grotte. „Wir haben viel Spaß bei der Sache. Es gilt immer: Je verrückter desto besser. Aber man darf nicht vergessen, dass es sich beim Crossgolfen wirklich um einen Sport handelt, denn schließlich läuft man den ganzen Tag durch die Gegend“, sagt Sascha Bien und trifft den Ball zum dritten Mal.

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