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Berufskolleg Alsdorf: Wenn Schule plötzlich wieder Spaß macht

Von: Michael Grobusch
Letzte Aktualisierung:
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Auch Kochen gehört zu den Modulen der Ausbildungsvorbereitung am Berufskolleg Alsdorf. Yannick (17, links) und Dominik (18) beteiligen sich an der Zubereitung eines vegetarischen Auflaufs. Foto: Michael Grobusch
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Der stellvertretende Schulleiter Jürgen Weckler und Förderbereichsleiterin Gaby Thedt-Kalf koordinieren die Tageslernaufgaben.

Städteregion. Aus seiner Skepsis macht Thomas Becker auch im Nachhinein keinen Hehl. „Ich war der Bedenkenträger Nummer eins und habe gedacht, dass das nie klappen wird“, räumt der Schulleiter ein. Ausbildungsvorbereitung war viele Jahre lang ein schwieriges Thema.

Das gilt für Alsdorf ebenso wie für die übrigen acht Berufskollegs der Städteregion. Und wohl auch darüber hinaus. „Viele schulmüde Jugendliche, hohe Fehlzeiten, mangelnde Disziplin und geringe Motivation“, beschreibt Becker in Stichworten das, was er bei der Arbeit mit bildungsfernen jungen Menschen, die keinen Abschluss gemacht bzw. keine Ausbildungsstelle gefunden haben, regelmäßig erlebt hat. Die Folge: „Der Frust war bei Lehrern und Schülern gleichermaßen groß und die Situation für alle Beteiligten unbefriedigend.“ Sämtlicher Bemühungen zum Trotz.

Mittlerweile aber kann der Leiter von ganz anderen Verhältnissen berichten. Das Wort von der „Wohlfühloase“ macht zunehmend die Runde, und Frustration scheint beinahe aus dem Vokabular gestrichen zu sein. Die Trendwende ist das Resultat eines neuen Konzeptes. Und bei dem hat der Zufall eine nicht unwesentliche Rolle gespielt: „Ich habe 2014 in einer Gewerkschaftszeitschrift von einem Modell der Ausbildungsvorbereitung gelesen, das das Berufskolleg Frechen-Bergheim mit großem Erfolg eingeführt hat“, erzählt Gaby Thedt-Kalf. Die Deutsch- und Englischlehrerin ist auch Leiterin des Förderbereichs. Nach einer ersten Hospitation stand für sie fest: „Dieses Modell wäre auch für unsere Schule genau das Richtige.“

Ein Jahr lang dauerte zunächst die Überzeugungs- und dann die Vorbereitungsarbeit. Zum Beginn des Schuljahrs 2015/16 ist schließlich der Startschuss gefallen. Und der sorgt bis heute für einen kräftigen Widerhall – im positiven Sinne.

Vorbei sind die Zeiten, in denen die Schüler in der Ausbildungsvorbereitung festen Klassen zugeordnet und an drei Tagen in der Woche zu einem Praktikum verpflichtet waren. Stattdessen werden nunmehr eine Reihe von Tageslernaufgaben angeboten, unter denen die Schüler montags, dienstags, donnerstags und freitags frei auswählen können – mit der Auflage, dass am Ende des Halbjahres genügend Stunden in allen Lernbereichen belegt und die Klausuren in den Pflichtfächern Mathe, Deutsch und Englisch geschrieben worden sein müssen.

Die Themenpalette bei den Tagesangeboten reicht von Misch- und Durchschnittsrechnungen im „Saftladen“ über die Arbeit im Schulgarten, das Bewerbungstraining und die Drogenprävention bis hin zum Balance- und Bewegungstraining in einem Reitstall.

Das regelmäßige Berufspraktikum wurde derweil auf den Mittwoch beschränkt. „Denn die Praxis hat gezeigt, dass viele Jugendliche ansonsten früher oder später abspringen“, erklärt Gaby Thedt-Kalf. Und das widerspreche elementar dem Ziel, das die Verantwortlichen mit der Ausbildungsvorbereitung verfolgen: „Für uns ist es wichtig, dass die Schüler jeden Tag beschäftigt sind und eine Struktur in ihrem Leben haben, damit sie innerhalb eines Jahres die Ausbildungsreife erlangen können“, betont die Förderbereichsleiterin. Dazu gehört auch die Entscheidungsfreiheit und die Übernahme von Verantwortung, die den jungen Menschen durch die Wahl der Tageslernaufgaben eingeräumt wird.

Der Erfolg ist nach Aussage des stellvertretenden Schulleiters Jürgen Weckler „überwältigend“: „Noch im vergangenen Schuljahr hatten wir eine Anwesenheitsquote von 20 Prozent. Mittlerweile liegt sie bei 85 Prozent.“ Daran habe, so paradox das zunächst erscheinen mag, auch die tägliche Benotung einen großen Anteil. „Die Schüler finden das attraktiv und sind sehr motiviert, weil sie am Mittag eine gute Note bekommen möchten“, freut sich Thedt-Kalf und ergänzt: „Viele von ihnen haben das schon seit Jahren nicht mehr gehabt.“ Außerdem sinke durch die tägliche Bewertung die Bedeutung der Klausuren, was viele Jugendliche als Entlastung empfinden.

Für die beteiligten 24 Lehrer ist das neue Modell der Ausbildungsvorbereitung mit reichlich Arbeit verbunden. „Aber die vielen positiven Rückmeldungen zeigen uns, dass sich der Aufwand lohnt“, betont Jürgen Weckler. Das hat sich mittlerweile in der Städteregion herumgesprochen, die Zahlen steigen stetig. Waren zum Beginn des Schuljahres gut 150 Jugendliche angemeldet, sind es jetzt schon 280. Das Berufskolleg nimmt deshalb vorläufig nur noch Interessenten aus dem Nordkreis auf. Und geht davon aus, dass andere Einrichtungen dem Alsdorfer Beispiel folgen und dadurch zusätzliche Kapazitäten schaffen werden. „Das Modell wird sich durchsetzen“, ist Gaby Thedt-Kalf überzeugt.

Zum Beispiel am Berufskolleg Simmerath/Stolberg. Dieses ist mit den Alsdorfer Kollegen seit Monaten in einem intensiven Austausch. „Und wir haben einen Kollegen für einen Tag pro Woche abgeordnet, um erste praktische Erfahrungen zu sammeln“, berichtet Ingrid Wagner. Die Schulleiterin plant die Einführung der „neuen“ Ausbildungsvorbereitung für den Beginn des nächsten Schuljahres am Standort Stolberg, wo 1900 der insgesamt 2400 Schüler des Berufskollegs unterrichtet werden. „Wir erleben immer wieder, dass Schüler, deren bisheriger Weg nicht unbedingt von Erfolg geprägt war, in ein altes Schema gepresst werden und dann scheitern.“ Das neue Modell soll ab dem Sommer auch in der Kupferstadt für eine Trendwende sorgen.

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