Behinderte Menschen drücken aufs Tempo

Von: Jutta Geese
Letzte Aktualisierung:
6403516.jpg
Prioritäten setzen: Bei der städteregionalen Inklusionskonferenz haben die Teilnehmer 70 Maßnahmen nach Dringlichkeit bewertet. Sie fordern die Politik auf, den Inklusionsplan zügig zu beschließen. Foto: Dirk Müller

Städteregion. Sieben Jahre ist es her, dass die Vereinten Nationen die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verabschiedet haben. Seit immerhin fünf Jahren ist diese auch in Deutschland gültig. Aber mit der Umsetzung der UN-Konvention, die Menschen mit Behinderung nicht nur das Recht auf Hilfe, sondern auch das Recht auf uneingeschränkte Teilhabe an der Gesellschaft garantiert, ist es noch nicht weit her. Auch nicht in der Städteregion. Doch das soll sich Schritt für Schritt ändern.

Dabei drücken vor allem Menschen mit Behinderungen und ihre Verbände aufs Tempo: Bei der zweiten städteregionalen Inklusionskonferenz setzten sie jetzt durch, dass eine Beschlussempfehlung an den Städteregionstag zur Verabschiedung eines Inklusionsplanes und zur Installation eines Inklusionsbeirates mit dem Zusatz „in dieser Legislaturperiode“ versehen wird. Denn sie befürchten, dass die politische Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion ansonsten auf die lange Bank geschoben wird, da im Mai nächsten Jahres Kommunalwahlen stattfinden. „Dann wird es 2015, ehe etwas passiert. Und das ist zu spät“, mahnte der sehbehinderte Jörg Sachse-Schüler schon zu Beginn der Konferenz in Stolberg. Und er stellte gleich in Richtung Politik klar: „Inklusion gibt es nicht umsonst. Inklusion kostet das, was wir in den vergangenen Jahren für Integration nicht bezahlt haben.“

Inklusion ist, vereinfacht gesagt, die konsequente Weiterführung von Integration. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Nicht der behinderte Mensch muss sich an ein bestehendes System – etwa Schule – anpassen, um teilhaben zu können, sondern das System muss sich so ändern, dass niemand ausgegrenzt wird. Kein leichtes Unterfangen. Schon gar keines, das von heute auf morgen zu verwirklichen ist. Das wissen auch die Menschen mit Behinderung. „Es ist illusorisch, alle Barrieren aus der Welt schaffen zu wollen“, erklärte etwa Rollstuhlfahrerin Simone Rögels. Es gehe vor allem auch darum, die Barrieren in den Köpfen nicht behinderter Menschen einzureißen. Angst und Unsicherheit prägen, so auch die Erfahrung anderer Teilnehmer an der Konferenz, den Umgang mit behinderten Menschen. Was geradezu zwangsläufig immer wieder zu Situationen führt, in denen behinderte Menschen Hilfe als „erniedrigend“ erleben, wie es Simone Rögels formulierte. Oder aber Kontakt von vornherein vermieden wird. Bei Gehörlosen kommt laut Horst Sieprath und Isa Werth hinzu, „dass wir eine andere Sprache haben“. Alle anderen behinderten Menschen kommunizieren untereinander und mit nicht Behinderten mit Lautsprache. „Wir nicht. Inklusion ist für uns also etwas völlig anderes als für andere.“

Doch wie kann die Städteregion dazu beitragen, Barrierefreiheit herzustellen? Bei der ersten Inklusionskonferenz im März hatten die Teilnehmer Ideen für rund 70 Maßnahmen zur Verwirklichung von Barrierefreiheit in Bereichen wie Bildung, Wohnen, Arbeit, gesellschaftliche Teilhabe oder Gesundheit gesammelt. Die wurden von Arbeitsgruppen, in denen Menschen mit und ohne Behinderung vertreten waren, konkretisiert und nun in Stolberg noch einmal kritisch unter die Lupe genommen. Zugleich wurde eine Art Prioritätenliste erstellt. Denn klar ist, dass nicht alle 70 Maßnahmen gleichzeitig umzusetzen sind. Und: Die Städteregion selbst kann nur in begrenztem Umfang tätig werden. Zuständig sind in der Regel die Kommunen, in manchen Fällen auch das Land oder der Bund. Dennoch soll der Städteregionstag die Maßnahmenliste, angereichert um Daten und Fakten zur Situation behinderter Menschen in der Städteregion, als Inklusionsplan verabschieden, erklärte Sozialdezernent Günter Schabram. Das Werk soll dann als Empfehlung an die Kommunen weitergeleitet werden. Einige haben laut Schabram auch schon großes Interesse signalisiert, mit diesem Plan vor Ort zu arbeiten. Sie sollen auch im Inklusionsbeirat vertreten sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert