Aachen - Zwei Männer mit Seltenheitswert: Grundschullehrer

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Zwei Männer mit Seltenheitswert: Grundschullehrer

Von: Jutta Geese
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„Es macht eine unglaubliche Freude, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten“: Frank Alda singt jeden Tag mit seiner Klasse an der Grundschule Feldstraße im Nordosten Aachens. Foto: Heike Lachmann
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Fühlt sich wohl an der Grundschule Verlautenheide: Referandar Sebastian Lewrenz. Foto: Jutta Geese

Aachen. Wenn Sebastian Lewrenz erzählt, was er beruflich macht, erntet er immer wieder ein Überraschtes „Oh, an einer Grundschule?“. Vor allem in Aachen, sagt der 25-Jährige, wo viele Ingenieure ausgebildet werden. Sebastian Lewrenz hat zwar Mathematik und Naturwissenschaften studiert, aber er hat sich entschieden, Grundschullehrer zu werden.

Er gehört damit zu den Männern mit Seltenheitswert: NRW-weit sind gerade mal knapp neun Prozent aller Lehrkräfte an Grundschulen männlich, in der Städteregion Aachen sind es gar nur 7,6 Prozent. „Das Land hat mich nach Aachen geschickt“, erklärt Sebastian Lewrenz, der in Soest geboren wurde und in Paderborn studiert hat.

An der Grundschule Aachen-Verlautenheide absolviert er seit Mai vergangenen Jahres sein Referendariat. Aachen stand zwar nicht ganz oben auf seiner Wunschliste, war aber drauf. „Ich habe es hier gut getroffen“, stellt er fest – und das nicht nur, weil er inzwischen nicht mehr allein unter lauter Frauen ist, sondern einen männlichen Kollegen hat, eine Zeit lang waren es sogar zwei. Das Team habe ihn sehr gut aufgenommen und von Anfang an in alles eingebunden. „Die Eltern hatten ein bisschen gemischte Gefühle“, erinnert er sich an die erste Zeit. „Ich weiß nicht, ob es so war, weil ich ein Mann oder weil ich unerfahren bin. Vielleicht war es eine Kombination aus beidem. Ich glaube aber, dass sie es jetzt positiv aufnehmen, dass ein Mann da ist.“

Und die Kinder? „Die waren anfangs überrascht, aber das hat nicht lange gedauert.“ In manchen Situationen spüre er, dass einige nicht genau wissen, wie sie sich einem Mann gegenüber verhalten sollen. Speziell Jungs brauchen seiner Meinung nach in der Grundschule einen männlichen Ansprechpartner bei Fragen und Problemen, über die sie mit einer Lehrerin nicht unbedingt reden würden. „Das habe ich hier auch schon erfahren. Zu mir sind Jungen gekommen, obwohl sie mich gar nicht gut kannten.“

Das kennt er auch aus seiner eigenen Grundschulzeit: „Einmal habe ich als Kind einen Referendar erlebt. Der war nur ein paar Wochen da, aber er ist mir positiv in Erinnerung geblieben.“ Das sei ein Grund, weshalb er Grundschullehrer werden wollte. Kinder sollten erleben, wie ein Mann sich verhält. In den ersten Jahren seien viele aber meist nur von Frauen umgeben. Grundschullehrer wollte er aber auch werden, weil es viel Freude bereite zu erleben, mit welcher Begeisterung Kinder lernen, wie neugierig sie auf alles Neue zugehen und welch enorme Entwicklung sie in den ersten Schuljahren nehmen.

Das ist es auch, was Frank Alda immer noch fasziniert an seinem Beruf. Keinen Tag hat er es bislang bereut, dass er nach zehn Jahren Berufstätigkeit als Krankenpfleger zum Grundschullehrer umgeschult hat. 30 Jahre alt war er, als er 1994 das Studium – Mathematik, Deutsch und Sport – in Köln aufnahm. Nach dem Referendariat an der Grundschule Herzogenrath-Pannesheide, fünf Jahren als Lehrer an der Montessori-Grundschule in Aachen und zwei Jahren an einer richtig großen Grundschule in Spich bei Troisdorf unterrichtet er seit neun Jahren an der Grundschule Feldstraße in Aachen.

80 bis 90 Prozent der Kinder haben hier einen Migrationshintergrund, sagt er. Viele Familien seien auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen, der Anteil der Alleinerziehenden sei hoch. Außerdem unterrichtet die Schule seit zwei Jahren auch Kinder mit besonderem Förderbedarf. Klingt nach einer großen Herausforderung. Ist es auch, sagt Alda. Aber die Arbeit erfülle ihn mit großer Freude.

„Riesenvorurteile“ bestimmen das Bild von Grundschullehrern und -lehrerinnen – in der Bevölkerung, aber auch bei den Kollegen an weiterführenden Schulen, sagt Alda. „Ich staune manchmal, wie wenig die Kollegen wissen, was an einer Grundschule los ist. Bei uns geht es um Pille-Palle? Weit gefehlt! Das ist sehr anspruchsvoll. Kinder haben beispielsweise noch keinen Zahlenbegriff, den müssen sie erst entwickeln. Auch der Erwerb der Schriftsprache ist etwas Hochkomplexes“, zählt er auf.

„Außerdem haben wir es mit sehr heterogenen Kindergruppen zu tun.“ Aber bei aller Anstrengung: „Es macht eine unglaubliche Freude, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten“, sagt Alda. Für ihn ist es das Größte zu erleben, wenn ein Kind etwas für sich entdeckt, plötzlich einen Text lesen kann und auf einmal freudestrahlend ruft: „Da steht Sofa!“ Oder wenn ein unruhiges, vielleicht sogar aggressives Kind zur Ruhe kommt, weil es Geborgenheit in der Gemeinschaft spürt.

An mangelnder intellektueller Herausforderung liegt es nicht, dass sich immer noch so wenig Männer dafür entscheiden, Grundschullehrer zu werden, meint Alda. Wohl eher schrecken die mangelnden Aufstiegschancen und die im Vergleich zu Lehrkräften an weiterführenden Schulen geringe Bezahlung Männer ab. Beides hat bei der Berufswahl weder für Alda noch für Lewrenz eine Rolle gespielt. Alda empfindet die geringere Einstufung heute aber schon als ungerecht. Und Lewrenz sagt, er wisse nicht, wie er in 30 Jahren darüber denke.

Vielleicht ist die Gerechtigkeitslücke bis dahin ja auch längst geschlossen. „Es muss sich etwas ändern“, sagt Schulamtsdirektorin Ulla Roder, die es gerne sähe, wenn mehr Männer an die Grundschulen kämen. „Wir brauchen sie für die Kinder als Ansprechpartner, für die Väter als Vorbilder und für die Kollegien, weil Männer eine andere Sicht auf die Welt haben.“

Die Regel „einmal A 12 immer A 12“ bei der Bezahlung von Lehrkräften an Grundschulen, während schon das Einstiegsgehalt an weiterführenden Schule bei A 13 liege, dürfe keinen Bestand mehr haben. „Begründet hat man den Unterschied damit, dass die Ausbildung kürzer sei. Aber das stimmt heute nicht mehr“, sagt Roder.

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