Zusehen, wie Papier entsteht: Museum Alte Dombach

Von: Martin Thull
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Hier wird Papier gemacht: Klaus Klein bereitet die Labormaschine vor. Foto: Martin Thull
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Von Martin Thull Auf solch eine Idee muss ein Ausstellungmacher erst einmal kommen. Und sich dann die Umsetzung trauen. Dabei ist es so naheliegend, in einem Papiermuseum auch das Toilettenpapier zu thematisieren. Und wenn sich der Besucher in dem kle

Region. Auf solch eine Idee muss ein Ausstellungsmacher erst einmal kommen. Und sich dann die Umsetzung trauen. Dabei ist es so naheliegend, in einem Papiermuseum auch das Toilettenpapier zu thematisieren. Und wenn sich der Besucher in dem kleinen gekachelten Raum auf eine der beiden geschlossenen Kloschüsseln setzt, dann startet ein Video, das die Entwicklung des Toilettenpapiers mit der Evolution des Menschen in Verbindung setzt.

Augenzwinkernd zwar, aber nicht minder informativ. Wir befinden uns im Papiermuseum Alte Dombach in Bergisch-Gladbach, einem Standort des Rheinischen Industriemuseums des Landschaftsverbands Rheinland, das sich der Geschichte der Industriekultur in dieser Region verschrieben hat. In der fast 400 Jahre alten Papiermühle Alte Dombach wird heute kein Papier mehr für den Verkauf produziert. Das Mühlrad und eine Papiermaschine sind aber immer noch aktiv – denn im größten Papiermuseum Deutschlands kann man lernen, wie Papier hergestellt wird.

Ideenreich präsentiert

Aber nicht nur das: Es geht um die Entwicklung des Papiers vom Luxusgut zum Alltagsprodukt. Und unser Alltag ist trotz aller Digitalisierung immer noch vom Papier geprägt. Von A bis Z, vom Adventskalender über die Faltschachtel und das Knallbonbon bis zum Schmierzettel und der Zugfahrkarte. Papier allerorten, in Beruf und Freizeit. Das wird ideenreich präsentiert, Gucklöcher in vermeintlichen Aktenordnern geben Einblick in frühere Büros, Schubladen in einer alten Litfaßsäule. Nebenbei: Die in Jahrzehnten übereinander geklebten Papierplakate bilden eine zentimeterdicke Schicht – Informationen über die Werbung auf Papier in Zahlen und Grafiken.

Vor dem Eingang ist auf einem Globus der Papierverbrauch einzelnen Länder dokumentiert – für Deutschland 248 Kilogramm pro Einwohner und Jahr. Das war 2010. Im Jahr 1800 waren es nur 500 Gramm. Dass es sich danach änderte und stetig anstieg, lag unter anderem an der allgemeinen Schulpflicht und dem Umstand, dass dadurch immer mehr Menschen Lesen und Schreiben lernten – und praktizierten. In den zahlreichen Präsentationen des Museums erfährt der Besucher, wo diese Papiermenge bleibt: in unterschiedlichsten Druckwerken, also Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, in der Verpackung von Lebensmitteln, in Formularen für Betriebe und Behörden, als Taschen- und Kosmetiktücher, als Kartons oder als Pappmaché bis hin zu Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen.

Ein Riesenspaß

Dabei ist das Wissen um die Papierherstellung uralt und hat sich im Grundsatz über die Jahrhunderte nicht verändert: Ein Sud, der zu weit über 90 Prozent aus Wasser besteht, der Rest aus Pflanzenfasern, wird auf ein Sieb gegeben, die Fasern setzen sich ab, werden getrocknet, und das Papier ist fertig. Barbara Doubas, Mitarbeiterin des Museums, zeigt den kinderleichten Vorgang: Sieb mit Rahmen schräg eintauchen und waagerecht wieder herausheben (Schöpfen), das Wasser etwas abschütteln (Gautschen) und die „Papiermasse“ auf einem Trockentuch ablegen (Legen). Fertig. Und mit Wasserzeichen. Für Kinder ein Riesenspaß. Und anschließend können sie ein selbstgeschöpftes Papier – es hat die Konsistenz wie ein Löschpapier – mit nach Hause nehmen.

Gut eingespielte Teams von Schöpfer, Gautscher und Leger konnten früher Tausende Einzelblätter am Tag herstellen. Wenn 181 Exemplare zwischen den Filzen lagerten, kam der Stapel unter eine Presse, um überschüssiges Wasser auszudrücken. Auf dem Trockenboden wurden die Papierblätter dann, meist von Frauen, zum Trocknen aufgehängt, ehe man sie dann weiterverarbeitete, beispielsweise leimte, um ein Zerfließen der Tinte später zu vermeiden. Arbeitsgänge, die viele Hände benötigten.

Eine Laborpapiermaschine demonstriert dem Besucher die heutige maschinelle Papierherstellung. Und das Prinzip ist das Gleiche: Ein wasserreicher Brei wird auf ein Sieb gegeben, das in Endlosschleife die Masse nach vorne bewegt, während ständig Wasser entzogen wird. Über beheizte Filzlagen und Walzen wird die Masse weiter getrocknet. Und nach etwa vier Minuten kommt am Ende eine fertige Papierbahn heraus.

Klaus Klein betreut diese Anlage, die bei der Bayer AG zu Versuchszwecken stand, tatsächlich aber die Miniatur einer großen und heute gebräuchlichen Papiermaschine darstellt. Der große Bruder würde den gleichen Vorgang in etwa 20 Sekunden schaffen, voll elektronisch gesteuert und in einer Breite von bis zu elf Metern. Und doch das uralte Muster: Wasser mit Zellulose aus Pflanzen, Schöpfen, Trocknen.

In der Papiermaschinenhalle ein paar Schritte weiter steht eine solche „große“ Maschine, die 1889 gebaut wurde und bis 1991 in Betrieb war, also gut 100 Jahre. Sie lieferte 1,2 bis 4,2 Kilometer Papierbahnen pro Stunde. Und hatte zunächst – obwohl etwa 50 Meter lang – nur vier, später lediglich zwei Bediener. Aus statischen Gründen kann sie nicht mehr in Betrieb genommen werden, das Räder- und Walzenwerk ist dennoch auch im Ruhezustand eindrucksvoll. Infotafeln und bewegte Bilder erklären die Maschine.

Zwischen Maschinenhalle und Museum ist der Pflanzenpfad angelegt. Er zeigt anschaulich, dass zur Papierherstellung jede Pflanze mit Zellulosefasern verwandt werden kann. So stehen dort in abgegrenzten kleinen Beeten Bambus, Buche und Birke, Hanf, Flachs und Eukalyptus, Getreide und Baumwolle. Schon 1760 entdeckte Jakob Christian Schäffer diese Möglichkeiten. In Europa mag er der Erste gewesen sein, in China gab es schon seit fast 2000 Jahren Papier.

Industriegeschichte

Zurück ins eigentliche Museum: Es vermittelt auch Kenntnisse über die Baugeschichte der Gebäude, es gibt einen Zugang zu einer der früheren Arbeiterwohnungen, es zeigt auch die Industriegeschichte dieser wasserreichen Region. Bis zum 30. März 2014 wird zudem in einer Sonderausstellung gezeigt, welche Möglichkeiten sogenannte Pop-up-Bücher bieten.

Druckwerke, bei denen sich beim Öffnen neue Welten entfalten. So etwas wie eine dritte Dimension entsteht, wenn sich Figuren, Gebäude oder Landschaften auffalten, ein Hund mit dem Schwanz wackelt oder Planeten die Sonne umkreisen. Oder es lässt sich Schicht für Schicht das Innere von Menschen oder Tieren aufdecken – unblutige Anatomie.

Ein kleines Café mit kalten und warmen Speisen und Getränken lädt gleich neben einem Spielplatz zum Verweilen ein, ausreichende Parkplätze sind vorhanden. Für Rollstuhlfahrer gibt es einen Aufzug in zwei Ebenen, auch wenn wegen der historischen Gebäude nicht jeder Winkel befahren werden kann. Aber etwa 80 Prozent der Ausstellung sowie das gesamte Außengelände sind rollstuhlgerecht.

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