Zum Gruseln: Ausstellung in Brügge führt in Zeit der Hexenverbrennung

Von: Bernd Müllender
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Brügge für Hexen und Gruselfans: Bis zum Juni gehört auch eine Hexenausstellung zum touristischen Angebot. Foto: Johannes Vande Voorde
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Für Kinder werden spezielle Führungen angeboten. Foto: Sarah Bauwens
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Etwa 50.000 Frauen fielen in Europa der Hexenverfolgung zum Opfer. Allein in Deutschland waren es 20.000.

Region. Eine bucklige Frau, dürr und hässlich, krumme Nase, wehendes Haar. Gern reitet sie bei Vollmond, manchmal barbusig, auf einem Besen, flankiert von allerlei düsterem Getier: schwarze Katze, Fledermaus, Monstergestalten oder gleich Luzifer, leibhaftig. Fertig ist unser Bild der Hexe.

Es ist dies auch die Zutatenliste für ein Hexengemälde. Die beiden ersten Bilder mit all diesen Nuancen stammen vom flämischen Meister Pieter Breugel dem Älteren (circa 1525-1569), dem großen Detailgucker für Alltagsmotive. 1565 machte Breugel damit die böse Frau für alle schlagartig sichtbar. Und: Er setzte die Hexe als Erster jenseits von kaum gelesenen Lehrbüchern auf einen Besen. Bilder des Bösen und viele andere zeitgenössische Werke von Kollegen wie David Teniers und Frans Francken sind in der Ausstellung „Die Hexen von Breugel“ im ehemaligen Sint-Janshospitaal in Brügge zu sehen.

Düster ist es in den Speicherräumen des alten Krankenhauses, in dem es „kaum eine Medizin gab, sondern nur das Beten half“, mit seinen mächtigen mittelalterlichen Giebeln. Am Eingang bekommen Besucher eine E-Kerze in die Hand. Schauerlich ist die Welt von Breugels Drucken und Dutzenden anderer Bilder flämischer und niederländischer Meister, dazu viele Infos über die Geschichte der üblen Nachrede, Denunziation, Folter und dem Feuertod auf dem Scheiterhaufen.

Die Motive gehen am Ende in einem kleinen Hexenappendix nahtlos bis ins Heute: zu ersten ironischen Hexenbildern im 18. Jahrhundert in England, zu Darstellungen in Comics, Filmen, Märchen. Hexen standen bald nicht mehr für die reale Gefahr, sondern waren zur Gruselgestalt geworden oder zur Belustigung. Oder sie standen für Doppeldeutigkeiten: Der Hexenkessel, in dem der Satan seine Hexen böse Zaubersäfte brauen ließ, hat heute nur noch in der Fußballsprache eine Restbedeutung.

Im Europa des späten 16. Jahrhunderts hatte gerade die kleine Eiszeit begonnen – mit Hagelstürmen, heftigen Wintern, Überschwemmungen, Ernteausfällen, Hungersnöten. „Vögel sind wie Steine vom Himmel gefallen“, heißt es in einer zeitgenössischen Schrift, „und man sah Menschen, die auf Wiesen grasten.“ Das musste Teufelswerk sein – ausgeführt von seinen Gehilfinnen, den Hexen. Die Zeit der Massenhysterie begann. Brügge hatte zudem gerade seine Blütezeit als Handelsmetropole hinter sich, Antwerpen nebenan boomte. Und während dort nur wenige Hexenprozesse belegt sind, gab es in Brügge mehr als hundert dokumentierte Verbrennungen. Die verteufelten Frauen waren schuld an Hunger, Unfruchtbarkeit, Kindstod, Impotenz, dem falschen Wetter, Zwistigkeiten. Verhext halt.

Grundlage der atemberaubenden Ausstellung ist die Doktorarbeit der niederländischen Kunsthistorikerin Renilde Vervoort. „Niemand hatte je eine Hexe gesehen“, erläutert sie. „Alles war pure Vorstellung. Es gab sie ja auch nicht.“ Und plötzlich waren die Bilder da. Böse Frauen. Der Satan. „Hexen waren Erfindungen der klerikalen Eliten, die Sinnbilder brauchten für die Arbeit des Satans. Bald glaubte man sogar, Hexen hätten Sex mit dem Teufel.“

Vervoort ist sicher: „Die Künstler damals haben unser Hexenbild geschaffen und sind der Schlüssel zum Hexenverständnis.“ Breugel gab dem Aberglauben als Pionier eine augenfällige Vorstellung. So wurde er, wohl unfreiwillig, zum Helfershelfer der geschmeidigen Koalition aus kirchlichen und weltlichen Hetzern.

Die Hexenhistorikerin erzählt, sie habe seit den 90er Jahren „immer neue Bildnisse“ über den Wahn um die bösen Frauen gefunden. „Immer mehr, es war wie eine Explosion. Und niemand hatte je mit System darüber geforscht. Da hab ich mir gesagt: Dann mach ich das.“

Bald, so Vervoort, wurden Verbrennungen „zu einer Art Mode“. Etwa 50.000 Opfer waren es in Europa. Deutschland, so erläutert eine Schautafel in der Ausstellung, hält mit 20.000 Frauen den Europarekord. Schon Frauen ohne Hexenverdacht, hieß es im Gelehrtenbuch „Hexenhammer“ (lateinisch: Malleus maleficarum) des Dominikaners Heinrich Kramer, seien „begehrenswerte Katastrophen“. Und steckt nicht, hieß es, im Wort femina mit -mina ein minus, also ein Zeichen für Minderwertigkeit?

Das heute so prachtvolle mittelalterliche Brügge hat immer noch mehr Pflastersteine als Touristen (über fünf Millionen im Jahr), keine Satellitenschüsseln, wenig Reklamezumutungen im Stadtbild. Die vielen hexenhaften Hutzelhäuschen, nur zum Teil aufgehübscht, dienen dazu, den wenigen Raum zwischen den zahllosen Kirchen, Schokolademanufakturen und Museen auszufüllen.

Eines der Museen, in den Kellergewölben eines ehemaligen Gefängnisses untergebracht, widmet sich der Folter. Hier sieht man, wie man vor 500 Jahren aus Hexen und anderen unbotmäßigen Menschen Geständnisse herauspresste –mit Schädelpressen, Rattenkesseln, Daumenschrauben, glühenden Knochenbrechern und allerlei mehr mittelalterlichem Sadistenwerkzeug. An einer gut erhaltenen hölzernen Streckbank ist zu lesen, ungeübte Henkersleut hätten den Gefolterten im Übereifer auch mal ganz einen Arm ausgerissen, statt die Armen nur langsam steigernd in den Wahnsinn zu quälen. Aus den Lautsprechern schallt Mozarts Requiem.

Schon Alltagsstreit konnte Hexenprozesse auslösen. In der Breugel-Schau wird eine Frau gefesselt durch die Stadt zum Pranger getragen. Es ist die Brüggerin Maycken Karrebrouck. Eine Nachbarin hatte sie angezeigt, weil ihre Tochter epileptische Anfälle hatte. Fünf Stunden Folter und die geifernde Gaudi der Gaffer hielt die Beschuldigte durch. Dann gab sie zu, eine Hexe zu sein – und kam auf den Scheiterhaufen. Von Verbrennungen selbst gibt es fast keine Bilder. „Warum, weiß man nicht“, sagt Renilde Vervoort.

Billige Mythen, Angst vor dem Fremden, vor Außenseitern und Suche nach Sündenböcken – man kennt das bis heute. Über die Bedeutung der Hexen des Pieter Breugel mit ihren Besen sagt Relinde Vervoort: „Tja, die konnten also fliegen! Was für eine Waffe, welche Macht.“

Und wo passierte das alles in Brügge? Ein Spaziergang an Orte von öffentlicher Folter und Verbrennungen sollte aufklären. Doch die Frau vom Touristenbüro muss kurzfristig passen. „Ich kann kaum laufen“, sagt sie, „. . . der Rücken.“ Diagnose: Hexenschuss.

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