Heinrich Böll: Nachbarn aus Langenbroich bei Kreuzau erinnern sich

Zum 100. Geburtstag: Zwei frühere Nachbarinnen erinnern sich an Heinrich Böll

Von: Peter Pappert und Christoph Driessen
Letzte Aktualisierung:
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Spaziergang in Langenbroich: Heinrich Böll (re.) und der ausgebürgerte sowjetische Regimekritiker Alexander Solschenizyn im Februar 1974. Foto: dpa
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Im Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich: die früheren Nachbarinnen von Böll, Brigitte Kälter (links) und Gisela Steffens. Foto: Ingo Latotzki

Langenbroich/Köln. Ein kleiner Ort in der Voreifel, von dem Spötter sagen würden, man fahre leicht daran vorbei. Er liegt ein wenig versteckt und hatte damals in den 70er Jahren knapp hundert Einwohner, als er plötzlich von einem Tag auf den anderen zu weltpolitischer Bedeutung gelangte und die altehrwürdige „New York Times“ einen ihrer Artikel mit folgender Ortsmarke begann: „Moskau/New York/Langenbroich“...

So erinnert sich jedenfalls Gisela Steffens (76) an jene beiden historischen Tage im Februar 1974. Der von den sowjetischen Machthabern in Moskau ausgebürgerte Schriftsteller und Regimegegner Alexander Solschenizyn fand erste Zuflucht im Haus seines Freundes Heinrich Böll in Langenbroich. „Da waren hier im Ort mehr Journalisten als Einwohner“, erzählt Steffens. „Solschenizyn war nur zwei Nächte hier in Langenbroich. Die beiden gingen spazieren, aber kein Reporter durfte in Bölls Haus.“

Eine Ausnahme gab es nur für ein paar Grundschulkinder, die dem russischen Gast einen Blumenstrauß bringen wollten und hereingelassen wurden. „Mein Sohn Marcus war auch dabei; er war sechs Jahre alt. Solschenizyn hat im Haus allen Kindern einen Kuss gegeben. Das fanden die, glaube ich, nicht so toll – wegen seines langen Bartes.“

„Einer wie du und ich“

1966 hatte Böll, der am Donnerstag 100 Jahre alt geworden wäre, das Haus und ein Stück Land gekauft. „Einer wie du und ich – so war Heinrich Böll“, sagt Steffens. Ihre Freundin Brigitte Kälter (69) erinnert sich, wie sie 1978 nach Langenbroich umzog. „Er kam auf seinen Spaziergängen fast täglich an unserem neuen Heim vorbei. Er interessierte sich für die ganz alltäglichen Dinge, fragte, was die Arbeiten am Haus machen. Er hat uns sogar mal ein Stück von seinem Garten für Gemüseanbau angeboten“, erinnert sich Kälter.

Wer heute mit Bölls früheren Nachbarinnen spricht, erfährt, dass der Nobelpreisträger offensichtlich genau so war, wie er in der Öffentlichkeit wirkte: bodenständig, menschennah, zugewandt, sehr direkt. „Er war kein distanzierter Intellektueller – überhaupt nicht“, sagt Steffens.

Die beiden sprechen voller Sympathie und Zuneigung über ihren langjährigen prominenten Nachbarn: „Die Langenbroicher sind sehr stolz auf ihn und den Nobelpreis“, den Böll 1972 erhielt. Böll habe die Natur geliebt und sei jeden Tag unterwegs gewesen. „Und immer die Baskenmütze auf dem Kopf und eine Zigarette im Mund“, wirft Ehemann Franz Steffens (83) ein. Ganz wichtig sei für ihn die Freundschaft mit dem Priester und Maler Herbert Falken gewesen, der den berühmten Schriftsteller 1985 auch kirchlich beerdigte, obwohl Böll aus der katholischen Kirche ausgetreten war.

Als unangenehm, ja abstoßend hat Steffens die Debatte um die Rote-Armee-Fraktion (RAF) empfunden, in deren Verlauf Böll von Medien angefeindet und unfair attackiert wurde, obwohl er Gewalt stets und konsequent abgelehnt hatte. „Da waren hier die Straßen abgesperrt, sein Haus war von Polizei umstellt; und jede Menge Reporter liefen durch den Ort.“

Die beiden Frauen kennen sich gut aus im Werk von Heinrich Böll. Gisela Steffens nennt „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“; das sei ein ganz wichtiges Buch – „heute mehr noch als damals, weil es beschreibt, wie Medien Meinung manipulieren und Menschen fertigmachen können“. Kälter schätzt „Fürsorgliche Belagerung“ und weiß: „Da kommen auch Typen aus Langenbroich vor – natürlich ohne Namen.“

Was für ein Mensch war Heinrich Böll? Es gibt eine Szene, die ihn ziemlich gut beschreibt: Pressekonferenz in Köln – es geht um Hilfe für vietnamesische Flüchtlinge. Alle Fernsehsender haben Kameras aufgebaut, der Leiter des ARD-Studios Bonn, Friedrich Nowottny, ist erschienen; immerhin tritt der Literaturnobelpreisträger auf. Der Jungreporter eines unbekannten linken Blättchens verkündet, er wolle Böll nach der Pressekonferenz interviewen. Die Korrespondenten belächeln ihn: der und ein Einzelinterview!

Aber kaum ist die Pressekonferenz zu Ende, wendet sich Böll dem jungen Mann zu und beantwortet ihm geduldig und liebenswürdig jede Frage, lässt sich sogar auf eine Diskussion mit ihm ein. Die Korrespondenten müssen warten, einige kochen vor Wut. Noch lange danach erinnert sich Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck: „Böll hatte diese Fähigkeit, die ich selten bei sogenannten großen Leuten wiedergefunden habe: sich auf etwas Kleines einzulassen.“

Verdrängte Nazi-Vergangenheit

Den Großen dagegen begegnete Böll zeitlebens mit Misstrauen. Er legte sich mit allen an: mit der CDU, den Wirtschaftsverbänden, der Bundeswehr, dem Springer-Verlag, der katholischen Kirche, aber genauso mit der SPD.

Er konnte das, weil er selbst eine Macht war, die Verkörperung des „anderen Deutschlands“. Mitte der 70er Jahre wählten ihn führende Meinungsmacher zur einflussreichsten westdeutschen Persönlichkeit nach Bundeskanzler Helmut Schmidt, dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt und CSU-Chef Franz Josef Strauß. Jeder kannte dieses Gesicht mit den hängenden Backen, dem meist etwas geöffneten Mund und den melancholischen Augen.

In seinen Romanen behandelte der gelernte Buchhändler alle brisanten Themen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft: die verdrängte Nazi-Vergangenheit, das Durchregieren der alten Eliten, die Fixierung auf Konsum und Besitz, die Wiederbewaffnung, die Doppelmoral der katholischen Kirche. Jedes neue Buch von ihm war ein Bestseller, der die Medien wochenlang beschäftigte und eine breite gesellschaftliche Debatte auslöste. Dazu kamen Reden, Interviews, Artikel. „Unvergesslich: dieser wohltuende Mangel an Dämonie. Diese Stimme, das Gegenteil eines metallischen Organs, leise und vernehmlich auf Menschlichkeit beharrend, dem Spießertum in die Parade fahrend.“ So beschrieb ihn Willy Brandt.

Böll war einer der ersten, die in den 50er Jahren gegen das Verdrängen des Judenmords anschrieben. In der Nachkriegszeit wurde der Holocaust im Schulunterricht komplett ausgespart. Als Böll 1954 eine Kölner Klasse besuchte, hatte keiner der 40 Schüler je davon gehört. Daraufhin schrieb er: „Wir beten für die Gefallenen, für die Vermissten, für die Opfer des Krieges, aber unser abgestorbenes Gewissen bringt kein öffentliches, kein klar und eindeutig formuliertes Gebet für die ermordeten Juden zustande.“

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