Aachen - Zu wenige Schüler: Referendare bangen um ihre Zukunft

Zu wenige Schüler: Referendare bangen um ihre Zukunft

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
Ungewisse Aussichten: Für Ref
Ungewisse Aussichten: Für Referendare, die im November 2011 ihre Ausbildung begonnen haben, zeigt die Kurve kaum nach oben. Denn mit ihnen wird der doppelte Abiturjahrgang fertig - und der Bedarf an neuen Lehrern geht zurück.

Aachen. Die Aussichten für 4400 Referendare in Nordrhein-Westfalen sind doppelt schlecht. Genau genommen doppelt doppelt. Denn im nächsten Jahr verlässt nicht nur der doppelte Abiturjahrgang die Schulen und sorgt so für weniger Lehrerbedarf, es kommt auch noch der doppelte Referendarsjahrgang.

Gemeinsam mit den November-Referendaren, die als erste die verkürzte, nur noch 18-monatige Ausbildung erfahren, werden auch noch tausende junge Kollegen fertig, die noch die alte, 24-monatige Ausbildung durchlaufen haben.

Insgesamt wurden 2011 in NRW 16.000 Referendare gezählt. Sie alle suchen einen Job just dann, wenn die Gymnasien Nordrhein-Westfalens fortan einen Jahrgang weniger zählen und entsprechend weniger Lehrer brauchen.

Klaus Leyendecker spricht von „Angst”, die viele seiner Kollegen begleitet. Leyendecker ist Sprecher der Referendare, die im November 2011 am Seminar in Aachen ihre Ausbildung begonnen haben. 250 sind dies, und die meisten bangen um ihre Zukunft.

Zwar werden in den nächsten 20 Jahren nach Angaben des NRW-Schulministeriums an öffentlichen und privaten Schulen im Land 100.000 Lehrerstellen neu zu besetzen sein. Die allerwenigsten davon fallen aber in den Sommer 2013, wenn die meisten Referendare fertig werden und auf Jobsuche gehen.

Eigentlich keine Zeit

Leyendecker lehrt an der Europaschule, einer Gesamtschule in Herzogenrath. Er gibt Sport und Englisch mit dem Drittfach Biologie - einem Mangelfach als möglichem Türöffner für eine Anstellung. „Eigentlich haben wir während der Ausbildung gar keine Zeit, um uns über die Zukunft so viele Gedanken zu machen. Aber alle suchen nach freien Planstellen”, erklärt er. Und die Suche ähnelt je nach Fächerkombination - etwa bei Englisch/Deutsch - der nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Im Schulministerium NRW beschreibt Pressesprecherin Barbara Löcherbach die Situation so wie sie ist: „Insgesamt bestehen in den Schulen Nordrhein-Westfalens gute Einstellungsmöglichkeiten. Für Lehrkräfte sogenannter Mangelfächer - beispielsweise Mathematik, Informatik, Physik, Kunst, Musik - bestehen weiterhin günstige Beschäftigungsaussichten, auch an Gymnasien.

Im Bildungsportal des Schulministeriums wird allerdings schon seit längerer Zeit darauf hingewiesen, dass die Gymnasien zum Sommer 2013 weniger Stellen als in den Vorjahren besetzen können”, erklärt sie. „Die Landesregierung plant, den starken Bedarfsrückgang im Gymnasium auf Grund des doppelten Abi­turjahrgangs im Entlassjahr 2013 und gegebenenfalls auch noch in 2014 mit Stellen aus demografischen Effekten vorübergehend abzufedern.”

In den Prognosen dieses Portals zum Lehrerarbeitsmarkt steht im Abschnitt „Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen” : „Ab 2013, also nachdem der doppelte Abiturjahrgang die Gymnasien verlassen hat, kehrt sich der Lehrerarbeitsmarkt fürs Lehramt um. Da der Lehrerstellenbedarf an öffentlichen und privaten Gymnasien im Jahr 2013 abrupt sinkt und gleichzeitig auch demografisch bedingt voraussichtlich bis 2016 zurückgeht, besteht rechnerisch erst danach wieder Einstellungsbedarf.”

Für Berthold Winterlich wird damit eine große Chance vertan. Der Leiter des Aachener Anne-Frank-Gymnasiums zählt neun Referendare, die im November 2011 ihre Ausbildung begonnen haben. „Einer ist besser als der andere”, sagt er. Mindestens drei müsste er aus fachspezifischem Mangel dringend behalten. Doch ob es so weit kommt, ist mehr als fraglich.

Denn zunächst gilt es, anderswo bald überflüssige - das ist allein quantitativ gemeint - Stellen auf die Schulen umzuverteilen. „Die Abfederung des starken Bedarfsrückgangs mit zusätzlichen Stellen wird grundsätzlich dazu führen, dass die Kollegien so bestehen bleiben können. Allerdings können vermehrte Abordnungen und auch Versetzungen zur Abdeckung des fächerspezifischen Bedarfes an anderen Schulen und damit zur Sicherstellung einer ausgewogenen Unterrichtsversorgung nicht ausgeschlossen werden”, erklärt Löcherbach.

Das bedeutet, dass zusätzliche beziehungsweise neue Stellen für neue Lehrer die Ausnahme bleiben werden, obwohl im NRW-Koalitionsvertrag vereinbart wurde, dass „durch rückläufige Schülerzahlen frei werdende Ressourcen im System Schule systematisch für pädagogische Innovationen und Qualitätsverbesserungen sowie notwendige Weiterentwicklungen genutzt werden”.

Dabei ist auch von kleinere Lerngruppen, der Inklusion (gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung) und dem Schulkonsens (Erhalt aller Schulformen) die Rede. Doch für wirklich kleine Klassen und große Kollegien fehlt Geld. Es hätte möglicherweise weniger ausgebildet werden sollen - aber rein praktisch wäre dies kaum organisierbar gewesen. Schon die Studienkapazitäten hätten dafür vor Jahren vorläufig zurückgefahren werden müssen.

Berthold Winterlich wird somit wie viele andere Kollegen auf die Einstellung der bewährten Referendare als Lehrer verzichten müssen. Die Chance, die Kollegien zu vergrößern, um kleinere Klassen zu bilden und den Schulleitern mehr Spielraum zu geben, werde verpasst. Noch mehr ärgert Winterlich aber der Umgang mit den jungen Lehrern.„Das kann mit einem sozialen Wissen so doch alles gar nicht hingenommen werden. Wenn diese jungen Leute keine Chance haben, verstehe ich die Welt nicht mehr. Wir brauchen sie dringend, sonst gehen sie in andere Bundesländer und fehlen uns später”, sagt Winterlich.

Klaus Leyendecker kennt diese Perspektive. „Aus meinem Bekanntenkreis bleibt wohl keiner hier”, berichtet Leyendecker. Die anderen angehenden Lehrer ziehe es meist zurück nach Hessen und ins Saarland. Auch im Wissen, dass es in NRW für sie kaum Stellen gibt.

Ohnehin kommen rund 20 Prozent der neuen Referendare in NRW aus einem anderen Bundesland, weil hier mehr ausgebildet wird. Dafür sind in anderen Ländern die anschließenden Einstellungschancen größer, und NRW verliert als Ausbilder viele seiner besten Ausgebildeten.

Eigentlich müssten sich Leyendecker und seine Kollegen allein auf die Ausbildung konzentrieren. Zwei Wochen Urlaub, dann beginnt die Vorbereitung auf das neue Schuljahr. Am 22. August geht es los.

Bis Januar werden die Referendare - das wurde von den Gewerkschaften bereits kritisiert - im bedarfsdeckenden Unterricht eingesetzt, von Januar bis März läuft das Examen. Die Zeit zwischen April und dem nächsten Einstellungstermin zum Schuljahr 2013/2014 müssen die neuen Lehrer dann ohnehin irgendwie überbrücken - auch finanziell. „Dafür sparen wir jetzt schon. Oder wir jobben. Oder ziehen erst mal wieder mit Ende 20 zu den Eltern”, beschreibt Leyendecker die Situation. Gute Aussichten sehen anders aus.

Klaus Leyendecker spricht von Druck und Belastung, die die Situation für die November-Referendare so schwer mache. „Wenn ein Lehrer frustriert ist, wirkt sich das auch auf die Schüler aus”, sagt er. „Die Kinder sollen doch am wenigsten unter dieser Situation leiden.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert