Zu viele Wespen lechzen nach Treibstoff

Von: Robert Esser
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Naturwissenschaftler rätseln über die derzeit unverhältnismäßig große Zahl aggressiver Wespen. Foto: dpa

Aachen. Wissenschaftler sprechen jetzt von einem Phänomen. Warum Wespen das nasskalte Frühjahr bemerkenswert besser verkraftet haben als hiesige Bienenvölker, ist ein Rätsel. Die getigerten Hautflügler nerven Grillfreunde, stürzen sich angriffslustig aufs Terrassen-Frühstück und schwirren zu Hunderten aus so manchem Altglascontainer. Wieso so viele?

„Wir wissen es nicht“, räumt Dr. Bruno Weyers ein. Der Lehrbeauftragte der RWTH Aachen erforscht die anderthalb Zentimeter kurzen Tierchen seit 20 Jahren. Dass nun Mitte August unverhältnismäßig viele Wespen bei ihrer Nahrungssuche keinen Menschenkontakt scheuen, beobachtet der Biologe genau: „2012 gab’s eigentlich kaum Wespen und darum wenig Nachwuchs. Und im Frühjahr 2013, als die Königinnen ihre Nester bauten, war die Witterung denkbar mies“, wundert er sich. Die Natur behält eben noch viele Geheimnisse für sich.

Wie auch immer die Wespen das Schmuddelwetter überlebt haben: Weyers warnt vor Panikmache. „Es ist keine Plage. Nur: Langsam geht die natürliche Nahrung aus – weil Blüten verwelken und Beutetiere knapp werden.“ Da sich dennoch ungezählte Larven in den Nestern nach Nahrung verzehren, „schauen sich die Wespen in ihrer Not nach Alternativen um“, wie Weyers erklärt. Außerdem lechzen die Dauersurrer nach Treibstoff. „Ohne Zucker läuft nichts“, stellt der Experte fest. Wespen fliegen auf Marmelade, Düfte aus entleerten Wein- und Saftflaschen, auf Fleisch und vieles mehr. Süß soll’s sein.

Wobei Weyers betont, dass eigentlich nur zwei der acht heimischen Wespen-Arten eine gewisse Angriffslust an den Tag legen: die „Gemeine (gewöhnliche) Wespe“ und die „Deutsche Wespe“. Während etwa die doppelt so große, aber völlig harmlose Hornisse genauso wie die in kleinen Völkchen von maximal 300 Tierchen nistende „Feld-, Wald-, Mittlere und Sächsische Wespe“ in der Regel Ende August die Segel streichen, leben besagte zwei Verwandte deutlich länger. Mindestens bis Oktober, in seltenen Fällen sogar bis Dezember.

An Balkonen, unterm Dach, natürlich auch in Bäumen trifft man auf Nester. „Ungefähr alle 100 Meter gibt es eines“, sagt Weyers. Meist unbemerkt, doch vielfach von menschlichen Anwohnern als Bedrohung empfunden. Nur wenn es sich um die Brut- und Gefechtsstation der zwei langlebigen und deshalb hungrigen Wespen-Arten handelt, sollte man Hilfe suchen, rät der Biologe. Infos gibt’s im Internet unter www.hymenoptera.de, weil dies in der Insektenordnung der Fachbegriff für den Hautflügler ist. In Frage kommt dann der Anruf beim professionellen Schädlingsbekämpfer oder eine „Lebend-Umsiedlung“ des kompletten Nestes. Die führt Weyers regelmäßig persönlich durch. Da sind Abstandsregeln wichtig. Wespen kreisen in einem Aktionsradius von mehr als einem Kilometer.

Für den unbeschwerten Grillabend hat der RWTH-Dozent einen simplen Tipp: „Brutzeln Sie Würstchen und Schnitzel erst nach Einbruch der Dämmerung!“, rät er. Denn Wespen sehen schlecht. Zur Vermeidung von Flugunfällen hocken sie bei Dunkelheit nur zu Hause rum. Bei Tag kompensieren sie – übrigens wie Bienen und Fliegen – mangelhafte Sehschärfe durch zeitlich schnelleres Auflösungsvermögen. Je flotter die Bewegung vor dem Insekten-Auge, desto besser kann das Tier sie wahrnehmen – und reagieren. Darum wirkt der Flugkurs oft hektisch. Nach Wespen zu schlagen ist also keine phänomenale Idee.

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