Zu Unrecht verhaftet und in die Psychiatrie gesteckt

Von: Guido Jansen
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Ein Anruf und ein folgenschwerer Verdacht: Weil eine Frau der Polizei meldete, dass sich ihre Internetbekanntschaft umbringen und auch anderen etwas antun wolle, gerät Manfred S. ins Visier eines Spezialeinsatzkommandos der Polizei. Foto: dpa
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Ein Tatort, der keiner war: Polizisten stehen am 4. Mai vor Manfred S. Haus im Jülicher Land. Foto: Guido Jansen

Titz. Dieses eine Telefongespräch wird Manfred S. (Name von der Redaktion geändert) sein Leben lang nicht mehr vergessen. Das Gespräch am 4. Mai war das denkwürdigste in einer Reihe seltsamer Konversationen, die S. Anfang Mai geführt hat.

Er wird es nicht vergessen, weil der Mann an der anderen Seite sehr langsam gesprochen hat. Und weil der Wortlaut sich in S. Gedächtnis eingebrannt hat. „Hier spricht die Polizei. Kommen Sie ganz langsam mit erhobenen Händen zur Haustüre raus.“ Und er wird es nie vergessen aufgrund der Ereignisse in den Sekunden, Stunden, Tagen und Monaten danach. S. wird von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei überwältigt und festgenommen, am Abend des 4. Mai sitzt er in der geschlossenen Abteilung der LVR-Landesklinik in Düren. Er soll eine Gefahr für sich selbst und andere Menschen sein.

Davon war die Polizei an diesem 4. Mai ausgegangen. Heute spricht die Polizei von einem „nichtigen Anlass“. Aber das konnte damals tatsächlich niemand wissen. Bis auf S. selbst, der unfreiwillig zum Hauptdarsteller eines Ereignisses geworden ist, das er heute noch als „falschen Film“ bezeichnet. Niemand wollte ihm zuhören, als die Automatismen eines SEK-Einsatzes abliefen. Dann ist keine Zeit, um zuzuhören. Dann muss gehandelt werden. So war das am 4. Mai auch.

In der nächsten Szene des falschen Films wenige Sekunden nach dem Anruf steht S. mit erhobenen Händen in seiner Haustüre und wird von mehreren bewaffneten und mit schwarzen schusssicheren Westen bekleideten Personen überwältigt. „Die kamen von überall, links, rechts, oben, unten“, beschreibt er und klingt dabei so, als sei er ein unbeteiligter Betrachter. „Später habe ich von meinen Nachbarn erfahren, dass die Scharfschützen bei ihnen im Dachgeschoss, in einem Kuhstall, in einem Pferdestall und auf einer Wiese gelegen haben.“ Im Visier hatten sie S.

Heute weiß S., wie er ins Visier des Sondereinsatzkommandos geraten konnte. Eine Frau hatte die Polizei angerufen und gesagt, dass S. sich selbst und anderen Menschen etwas antun wolle. S. ist passionierter Jäger, er ist als Waffenbesitzer registriert. Das hatte er der Frau aus Aachen erzählt, als sie sich am Tag vorher, einem Sonntag, getroffen hatten. Über das Internet hatte er die Aachenerin freitags kennengelernt. Zuerst hatten sie im Internet gechattet, am Samstag dann telefoniert. Beim Treffen sonntags habe sie irgendwann von ihrem Alkoholproblem erzählt, das sie schon seit über 20 Jahren habe. „Ich habe da versucht, auf ihre Wellenlänge zu kommen, habe ihr erzählt, dass ich auch Probleme habe“, sagt er. Schließlich sei das Leben nach der Trennung von seiner Frau vor mittlerweile knapp vier Jahren auch nicht immer einfach gewesen. Nach dem Treffen sonntags habe S. entschieden, den Kontakt zu der Frau abzubrechen. „Ich war zu feige, ihr das direkt ins Gesicht zu sagen, auch, weil ich befürchtet habe, dass sie direkt wieder zur Flasche greift.“

Wieder zu Hause blockiert S. die Rufnummer der Frau, schaltet seinen Internetzugang ab. Am Montagmorgen erreicht sie ihn trotzdem über den Nachrichtendienst WhatsApp. Sie hätten hin und her geschrieben, er habe mitgeteilt, dass es ihm nicht gut gehe und dass er nicht wolle, dass sie vorbeikomme. Das habe sie nämlich vorgeschlagen. Ende der Kommunikation. Ob die Frau aus gekränkter Eitelkeit oder aus wirklich empfundener Sorge bei der Polizei angerufen hat, bleibt unklar. S. hat bis heute keine Strafanzeige gestellt, die Sache wird nicht weiter verfolgt. Jedenfalls meldet sie am 4. Mai, dass S. sich umbringen wolle und dass er sie davor gewarnt hat, die Polizei zu informieren, weil er sonst auch auf die Beamten schießt. S. bestreitet, Derartiges gesagt zu haben.

Er ist selbstständiger Ingenieur. An diesem Montagmorgen habe er starke Kopfschmerzen gehabt und deswegen entschieden, nicht zu arbeiten und wieder ins Bett zu gehen: Rollladen runter, Telefon aus, Türklingel abgestellt. Davon, dass der Polizeieinsatz schon am Mittag lief, das von knapp 600 Menschen bewohnte Dorf abgeriegelt und sein Haus umstellt war, habe er nichts mitbekommen. Kurz nach 16 Uhr wird er wach, er vermutet wegen eines Anrufs in Abwesenheit auf seinem Mobiltelefon.

„Ich habe zurückgerufen, das hätte ja auch ein Kunde sein können.“, sagt S.. Dass am anderen Ende die Polizei war, die ankündigt, bei ihm vorbeischauen zu wollen, habe ihn nicht beunruhigt. Registrierte Waffenbesitzer haben hin und wieder solche Besuche, weil die Polizei kontrolliert, dass alle Waffen richtig aufbewahrt werden. Er sei noch im Schlafanzug gewesen und habe um einige Minuten Zeit gebeten. Der Mann am Telefon habe auf einen Rückruf gedrängt. Dann folgt jenes denkwürdige Gespräch.

„Ich nehme das der Polizei nicht übel. Sie haben da ihren Job gemacht. Wenn jemand wirklich so eine Gefahr darstellt, dann hoffe ich, dass die Polizei eingreift“, sagt S. heute. Ein alleinstehender Mann, der in Trennung lebt, im Besitz mehrerer Schusswaffen ist und der angekündigt haben soll, sich selbst und anderen etwas anzutun: „Dann fährt die Polizei das große Programm, dann wird die Eigensicherung großgeschrieben“, sagt Melanie Mallmann, Sprecherin der Kreispolizeibehörde Düren. Dass die Beamten seine Waffen mitgenommen haben, kann S. heute nachvollziehen. Kein Verständnis hat er für den Polizisten, der in diesem Moment mit hämischem Grinsen zu ihm gesagt habe: Junge, die Waffen siehst du nie wieder. „Diese Vorverurteilung hat mich richtig sauer gemacht.“

Anschließend wird er zur Wache nach Jülich gebracht. Später willigt er in eine Fahrt in die Landesklinik in Düren ein, wo in der psychiatrischen Abteilung geklärt werden soll, ob er gefährlich ist. Danach, so habe man ihm versprochen, könne S. wieder nach Hause. „Ich hatte nichts zu verbergen und wollte, dass die Sache schnell vom Tisch kommt.“ Es folgt laut S. das nächste denkwürdige Gespräch.

Ein Assistenzarzt in der Landesklinik habe mit ihm in einem Tonfall gesprochen, in dem vielleicht Schuldirektoren mit ungezogenen Schülern sprechen. „Ich hatte nicht mal zwei Sätze gesagt, da fiel er mir ins Wort, sagte, dass er das alles gar nicht wissen wolle. Er hat mich nur gefragt, was ich glauben würde, warum ich jetzt hier sei“, berichtet S.. Zudem sei ihm gesagt worden, dass er sich darauf einstellen könne, dass er länger bleibt. Er habe sich erneut vorverurteilt gefühlt und gesagt, dass er nichts mehr sagt und dass er sich das Gesicht des Arztes merkt. „Das war dann meine Eintrittskarte in die geschlossene Abteilung.“ So hat S. das empfunden.

Wenn Menschen, die möglicherweise eine Gefahr für sich und andere sind, in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden, dann läuft ein Automatismus ab. Die Eintrittskarte ist der Beschluss eines Ordnungsamtes. Liegt der vor, dann wird nicht geredet, sondern gehandelt. „Wir führen den Beschluss dann nur aus“, sagte eine LVR-Sprecherin. Innerhalb von 24 Stunden muss ein Richter entscheiden, wie es weiter geht.

Ohne Zahnbürste, Seife und Handtuch sei er weggesperrt worden, nur mit dem, was er am Leib trug. Die Beruhigungsmittel, die man ihm geben wollte, habe er verweigert. Wütend sei er gewesen, aber doch nicht verrückt. „Ich fühlte mich plötzlich aller meiner Menschenrechte beraubt“, erzählt S. von seiner Nacht in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, dem Tiefpunkt des falschen Films. Der erste Mensch, der ihm zugehört habe, sei die Oberärztin am nächsten Morgen gewesen, die in einem Gutachten festhält, dass „keine Suizidalität sowie keine Fremdaggression“ vorliegen. Und dann die Richterin, die veranlasst, dass der Antrag des Ordnungsamtes seiner Heimatkommune auf Einweisung in die geschlossene Abteilung abgelehnt wird und dass S. sofort entlassen wird.

Heute ist S. aus Sicht der Polizei rehabilitiert. Seine Waffen hat er zurückerhalten, nachdem ein Facharzt ein waffenrechtliches Eignungsgutachten erstellt hat, in dem bescheinigt wird, dass er überdurchschnittlich intelligent sei und „die zum Erwerb/Besitz von Waffen zwingend erforderliche persönliche Eignung gegeben ist“.

Übrig geblieben sind die Erinnerungen an einen falschen Film, der den unfreiwilligen Hauptdarsteller über Wochen zum Gesprächsthema Nummer eins im Dorf gemacht hat, und Rechnungen. Den Selbstkostenanteil für die Fahrt im Krankenwagen von Jülich nach Düren und für die zwei Tage Aufenthalt in der Landesklinik hat S. mittlerweile bezahlt. Das Eignungsgutachten wird er vermutlich auch übernehmen müssen. „Ich will die Sache hinter mir lassen.

Und ich habe für den Moment sicher keine Lust mehr, eine Partnerin über das Internet kennenzulernen.“ Darüber, was gewesen wäre, wenn die Oberärztin und die Richterin ihm nicht zugehört hätten, will S. nicht nachdenken. „Ich säße wahrscheinlich immer noch in der Geschlossenen. Für mich ist das unfassbar, wie man in eine solche Situation rutschen kann. Ich hätte nie geglaubt, dass es in einem Rechtsstaat möglich ist, auf einen Schlag so vieler Rechte beraubt zu sein.“

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