Aachen - Zu Besuch in einer der letzten Videotheken in unserer Region

Zu Besuch in einer der letzten Videotheken in unserer Region

Von: Christoph Classen
Letzte Aktualisierung:
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Hinter der Theke steht Sylvia Engel, Betreiberin der Videothek. Foto: Christoph Classen
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Das ist die Videothek von Sylvia Engel. Sie liegt hinter einer Tankstelle, gegenüber ist die Auffahrt zur Autobahn 44. Foto: Christoph Classen
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Da bleibt etwas hängen: Filme mit gelbem Hänger kosten in der Videothek von Sylvia Engel 1,40 Euro pro Kalendertag. Foto: Christoph Classen
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Die Erwachsenenfilme gibt es im hinteren Teil des Geschäfts. Foto: Christoph Classen
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Die Verkaufsware steht direkt vor der Theke. Foto: Christoph Classen

Aachen. Bei den Erotik-Filmen ist die Entwicklung noch ein bisschen dramatischer als bei den anderen Genres, und als wäre das nicht genug, droht nun auch noch der nächste Stammkunde wegzufallen. Einer von denen, die regelmäßig Filme ausleihen, die im hinteren Teil von Sylvia Engels Videothek zu finden sind.

Dort, wo nur rein darf, wer über 18 Jahre alt ist, so steht es an der Tür. Engel stützt sich auf eine Ladentheke, die beinahe so hoch ist wie sie selbst. Sie sagt: „Der Kunde hat sich jetzt einen Computer gekauft.“

Es klingt traurig. Engel geht davon aus, dass sie den Stammkunden nicht mehr oft sieht. Wer einen Computer hat, braucht keine Videothek, um einen Erotik-Film zu schauen. Für Sylvia Engel, 57, ist das ein Problem.

Engel betreibt in Brand eine von insgesamt zwei Videotheken, die in Aachen noch existieren, wobei die andere ausschließlich Erotikfilme anbietet. In der Region gibt es eine weitere Videothek in Baesweiler, zwei in Düren und eine in Jülich. Im Kreis Heinsberg gibt es noch eine Videothek, sie ist in Erkelenz.

Telefonbücher und Realität

In den Telefonbüchern ist die Zahl der Videotheken noch deutlich höher als in der Realität, ihr Verschwinden hat aktuell eine gewisse Dynamik. Wie viele Videotheken es in der Region vor fünf Jahren noch gab, kann Jörg Weinrich nicht sagen, weil der Interessenverband des Video- und Medienfachhandels (IVD), dessen Geschäftsführer er ist, auf dieser Ebene keine Zahlen erhebt.

Bundesweit sank die Zahl der beim IVD registrierten Videotheken in den vergangenen zehn Jahren von 4302 (2006) auf 936 (2016), ein Rückgang von knapp 80 Prozent. In NRW wurden im gleichen Zeitraum aus 853 Videotheken 179 (minus 79 Prozent). Geblieben ist die Frage nach dem Warum.

Sylvia Engel kann sich über eine Antwort Gedanken machen, auch an einem Freitagabend, was früher unmöglich gewesen wäre. Sie hat Wochenenden erlebt, da bedienten sie zu dritt, und vor der Theke reihten sich die Wartenden trotzdem in Schlangen ein. Es war nicht so, dass ihnen die Filme aus den Händen gerissen wurden. Aber es ging schon in die Richtung. Lange her. Wenn Engel heute über ihren Job spricht, sagt sie Sätze wie: „Du darfst nicht auf das Geld schauen und nicht auf die Zeit“.

Engels Videothek ist hinter einer Tankstelle zu finden, die Tankstelle liegt an einer vierspurigen Bundesstraße, gegenüber ist die Auffahrt zur Autobahn 44. Als Engel vor etwa 13 Jahren anfing, in der Videothek zu arbeiten, war diese noch in einem Gebäude direkt neben der Tankstelle untergebracht, die Räume waren deutlich größer, und der Inhaber Lizenznehmer bei einer großen Kette. Vor etwa zwei Jahren machte die Videothek zu und Engel musste sich überlegen, wie es für sie weitergeht.

Sie entschied sich für die Selbstständigkeit und machte ihre eigene Videothek ein paar Meter hinter der Tankstelle auf, in den Räumen war in den Jahren zuvor ein Imbiss untergebracht, der Betreiber wechselte einige Male. Das Gebäude ist alt, es besteht aus drei Zug-Waggons, sie wurden zusammengeschweißt. „Die waren noch von der Reichsbahn“, sagt Engel.

So wie die Atmosphäre in einer Videothek ist, ist sie nur in einer Videothek. Sie ist speziell, nicht zuletzt, weil es wenige Orte gibt, an denen nur ein paar Meter Erwachsenenfilme und Familienunterhaltung voneinander trennen. Ist das der Maßstab, ist die Atmosphäre in Engels Videothek noch mal spezieller, was daran liegt, dass sie sehr klein ist.

An der Decke hängen Neonröhren, die Decke selbst hat Flecken. Feuchtigkeit. Das Dach sei nicht mehr dicht, sagt Engel, und hört kurz der Musik nach, die in einer Videothek immer so beliebig ist wie der nächste Teil der Transformers-Reihe.

Engel setzt dieser Atmosphäre etwas entgegen, das sich Herzlichkeit nennen lässt. Herzlichkeit im klassischen Sinne ist es nicht. Sie gehört zu den Menschen, die einen wissen lassen, wo man bei ihnen dran ist.

Engel wurde in Sebnitz geboren, östliches Sachsen, und sie spricht so, dass sich die Kunden früher einen Spaß daraus gemacht haben, sie nach möglichst komplizierten englischen Filmtiteln zu fragen, weil sie darauf hofften, dass Engel sie ausspricht. Oder es versucht. Engel hat das schnell verstanden und sie hat mitgemacht, für sie war das okay. Sie sagt: „Ich hatte im Gymnasium Russisch und Französisch.“ Englisch hatte sie nicht. Engel hat in Leipzig Journalistik studiert, danach ein Volontariat gemacht. Nach Aachen kam sie, weil es dort einen Mann gab, den sie liebte.

Wenn ein Kunde vor Engel steht, der einen bestimmten Film nicht findet, sagt sie: „Froch doch mal de Muddi.“ Wenn ein Kunde das DVD-Verkaufsregal nicht in der Ordnung hinterlässt, in der er es vorgefunden hat, bekommt er das ziemlich sicher zu hören. „Ich habe einen Erziehungsauftrag“, sagt Engel. Wem das nicht passt, soll wegbleiben. Sie hat schon Kunden aus der Videothek geworfen. An diesem Freitagabend bleiben derartige Tumulte aus.

In zwei Stunden kommen 22 Kunden in die Videothek, von denen zwei aus der Wertung fallen, weil sie ein Päckchen abgeben. Die Kooperation mit einem Logistikdienstleister hat Engel vom Vorgänger übernommen, mit den Einnahmen deckt sie ungefähr die Hälfte der Ladenmiete. Die Einnahmen aus dem Verkauf von DVDs und Blu-Rays sind ein so unbeständiger Faktor, dass sich mit ihnen nicht kalkulieren lässt.

Was bleibt, ist das Verleihgeschäft. Engel kann noch davon leben, was daran liegt, dass das, was sie sich als Gehalt auszahlt, von der Agentur für Arbeit aufgestockt wird.

Bundesweit fielen die Umsätze der Videotheken im Leihgeschäft von 284 Millionen Euro (2006) auf 189 Millionen (2016), ein Rückgang von 33 Prozent. Die Zahl der Kunden sank im gleichen Zeitraum von 9,7 auf 3,9 Millionen (minus 60 Prozent). Statistiken, die Jörg Weinrich, den Interessenverbands-Geschäftsführer, von einem schwierigen Marktumfeld sprechen lassen. Als Hauptgrund für diese Entwicklung führt er die Piraterie an, das illegale Herunterladen von Filmen aus dem Internet. „Wer bezahlt bei uns für etwas, das er auf einem anderen Wege umsonst haben kann?“, fragt Weinrich.

Ein weiterer Faktor sei der „DVD-Boom“, der die Datenträger günstig gemacht und ihre Verfügbarkeit erhöht hat. Deswegen hätten die Videotheken für die Filmhersteller als Handelspartner dramatisch an Bedeutung verloren. In den 80er und 90er Jahren, der goldenen Zeit der Videotheken, war sie nahezu der einzige Vertriebsweg, auf dem die Hersteller ihre Filme an den Kunden bringen konnten, wenn sie aus dem Kino raus und noch nicht im Fernsehen waren.

Die Streaming-Dienste und Video-on-Demand-Angebote hätten dagegen gar keinen so großen Einfluss auf das Geschäft der Videotheken. Weinrich sagt: „Die Probleme, die wir haben, haben wir seit zehn Jahren.“ Und so lang seien die Online-Dienste noch kein ernstzunehmender Player auf dem Markt. Weinrich sagt aber auch: „Wer anfängt, eine Serie bei Netflix zu schauen, wird sich in den Tagen danach eher keinen Film in der Videothek leihen.“

Wahrscheinlich ist, dass sich der Grund für den Niedergang der Videotheken aus all diesen Faktoren zusammensetzt, und wenn man sie auf einen Nenner bringen will, landet man irgendwann beim Begriff Digitalisierung. Die Digitalisierung verändert die Lebenswelt der Menschen so umfassend, wie es vorher vielleicht nur die Industrialisierung getan hat, und die Videothek ist ein Ort, der das erlebbar macht. Die Folgen der Digitalisierung betreffen aber genauso Flughäfen, Tischlereibetriebe, Telefonzellen. Und die Medien, die vor allem. Die Digitalisierung verändert den Arbeitsmarkt, und damit verändert sie Biografien.

Was die Arbeit angeht, kann Helmut König nur eine Branche nennen, für die die Digitalisierung wohl keine weitreichenden Folgen haben wird: Pflegeberufe. Er sagt: „Weil es da um die klassische Tugend des Kontakts zum Menschen geht.“ Die ist nicht ersetzbar.

Bis zur Emeritierung hatte König einen Lehrauftrag für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen, sein Fachgebiet ist unter anderem die Politische Philosophie, er kennt sich aus mit dem Thema Zeitgeschehen. Über die Digitalisierung sagt König, dass die Bewertung ihrer Folgen für den Arbeitsmarkt auseinandergehe. „Die Optimisten sagen: ‚Da fallen eine Menge Jobs weg, aber dafür gibt es neue‘. Die Pessimisten sagen: ‚Da fallen eine Menge Jobs weg, und die entstehen auch nicht neu.‘“

Wer auf der Strecke bleibt

Die Befürchtung der Pessimisten sei, dass die Digitalisierung vor allem Jobs überflüssig macht, die nur eine geringe Qualifikation erfordern. Auf der anderen Seite wird es wohl nicht so sein, dass auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft ausschließlich hoch qualifizierte Menschen unterwegs sein werden.

Politisch sei es deshalb wichtig, nicht nur solche Entscheidungen zu treffen, die den Aufbau einer Infrastruktur für die Digitalisierung fördern. „Wichtig ist auch, die Konsequenzen für die Verlierer der Digitalisierung abzufedern“, sagt König.

Darum geht es an diesem Abend in der Videothek von Sylvia Engel noch nicht. Zu den Kunden an diesem Abend gehört eine Vater-Mutter-Kind-Familie, deren jüngstes Mitglied eine neongrüne kurze Hose und Stollenschuhe trägt, und zur überschaubaren Freude der Eltern „Die Wilden Fußballkerle 6“ für den Familienfilmabend aussucht. Zum zweiten Mal. Zu den Kunden gehört ein Paar mittleren Alters, das aus der Aachener Innenstadt 20 Minuten gefahren ist, um einen Film auszuleihen, weil für beide der Filmabend mit dem Schauen und Stöbern in den Regalen beginnt. Zu den Kunden gehört ein junges Paar, das zum ersten Mal einen Film ausleiht und eine neue Mitgliedskarte ausfüllt. „Das ist eigentlich kein trauriges Geschäft“, sagt Sylvia Engel.

Aber nach einem Happy End sieht es gerade auch nicht aus.

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