Zu Besuch im Zentrum der Bonner Republik

Von: Gregor Mayntz
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Wo Helmut Schmidt und Helmut Kohl arbeiteten und wohnten: Einblicke in das Büro des Regierungschefs im Bundeskanzleramt... Foto: Michael Gottschalk/photothek.net
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...und in einige Räume des Kanzlerbungalows. Foto: Michael Gottschalk/photothek.net

Bonn. 16 Jahre brauchte Gerhard Schröder nach dem Rütteln am Zaun des Bonner Kanzleramtes, bis er ins Zentrum der Macht kam. Bonn-Besucher brauchen dafür künftig nur Minuten.

40 Jahre nach dem Einzug in die von den Bewohnern wenig geliebte Regierungszentrale öffnet der Nachmieter der Kanzler, Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU), heute sein Haus mit den Räumen, in denen Geschichte geschrieben wurde, für die Öffentlichkeit.

Ab Januar können Besuchstermine über das Haus der Geschichte gebucht werden. Zwar gestaltete danach Helmut Kohl hier die Einheit, koordinierte Gerhard Schröder von hier aus die erste rot-grüne Koalition nebst Kosovo-Krieg. Doch für die nächsten Jahre erleben Besucher das Zeugnis deutscher Nachkriegsgeschichte erst einmal so, wie es zu Helmut Schmidts Zeiten war.

Beim Regierungsumzug nach Berlin war das damalige Kanzleramt im Herbst 1999 zum ersten Dienstsitz des Entwicklungsministeriums geworden. Wo bis dahin das Kabinett tagte, trafen sich nun Mitarbeiter zu Routine-Besprechungen. Wo bis dahin Gesetzentwürfe beschlossen und die Schicksalsfragen Deutschlands beraten wurden, ging es nun um Stellenbesetzungen.

Bis der CSU-Politiker Müller 2013 ins Amt kam und sich erstmals sein neues Reich zeigen ließ. Ungläubig entdeckte er, dass immer noch der Original-Kabinettstisch aus dem allerersten Kanzleramt im Palais Schaumburg dort stand mit den Original-Sesseln.

Nur das Leder war inzwischen brüchig, die Polster durchgesessen. Er erinnerte sich daran, wie er 1994 als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter mit ein paar Kollegen erstmals von Helmut Kohl ins Kanzleramt eingeladen worden war und wusste sofort, dass dies nun mal nicht irgendwelche Büroräume seines Ministeriums sind: „Das steht für unsere Geschichte in Bonn, das muss dokumentiert werden.“ Das Haus der Geschichte hatte schon jahrelang wiederholt angeklopft, Müllers Vorgänger aber waren für museale Gedanken wenig zugänglich gewesen. Doch auch jetzt dauerte es bis zur Realisierung weitere zweieinhalb Jahre.

Helmut Kohl kam zum 25. Jahrestag seines Zehn-Punkte-Planes, schaute sich die inzwischen im Kabinettssaal aufgehängten Fotos von den belebten Zeiten dieses Raumes an und hatte dazu sofort viele Geschichten parat. Und Helmut Schmidt besuchte Müller in Hamburg, nachhaltig hergestellte Zigarren und Tabak im Gepäck. Das legte der Altkanzler gleich „für Besucher“ beiseite und bot dem Gast seine eigene Marke an.

Müller: „Wir haben mehr als eine Zigarette zusammen geraucht.“ Und als sich die Qualmwolke gelegt hatte, war Schmidt überzeugt, schickte Schreibtisch, Sessel, Bücher, Bilder, Porzellan und sogar den Teppich von Breschnew – schlicht: alles, was er seinerzeit ins Kanzleramt gebracht und bei der Übergabe an Kohl wieder ausgeräumt und mitgenommen hatte.

Die Ausstellungsprofis vom Haus der Geschichte nahmen es dankbar, konservierten die Bilder und versuchten jedes Buch anhand der vielen hier entstandenen Fotos wieder an seinen ursprünglichen Platz zu stellen. Und so liegt das Päckchen Ersatzzigaretten wieder in der Schreibtischschublade, sind die Pfeife am Aschenbecher und der Schnupftabak greifbar auf der Platte und geht der Blick vom Bürostuhl des Kanzlers auf den kleinen Besprechungstisch, an dem mittags Schmidts „Kleeblatt“ mit Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, Regierungssprecher Klaus Bölling und Kanzleramtschef Manfred Schüler die Lage der Welt, des Landes und der Partei erörterte und dabei ein Süppchen schlürfte.

Hinter der Türe fällt der Blick wieder auf die Erinnerungssammlung, die Schmidt selbst „Kitschecke“ nannte. Da hängt ein Hufeisen neben einer Widmung des Sowjetführers, ein kleiner Kupferstich von einem Dukatenscheißer neben einem Foto, das Schmidt mit Wehner und Brandt zeigt. Eine originelle Mischung, die aber vieles von dem versammelt, was Schmidt wichtig war, auch ein gerahmtes Zitat von ihm selbst: „Kein Politiker kann auf die Dauer gut oder schlecht verkauft werden. Jeder Politiker sieht auf die Dauer so aus, wie er ist.“

So wie es jetzt ist, war nicht alles zu seiner Zeit. Die hochgeschossenen Bäume im Grün vor dem Kanzleramt entsprechen jetzt den ursprünglichen Plänen des britischen Künstlers Henry Moore, der seine Großplastik von den beiden deutschen Staaten einst in eine Art englischen Park stellen wollte. Doch Schmidt ließ die Bäume nicht zu, wollte den klaren Blick nach außen und den ungeschmälerten Blick auf den Zweckbau, der architektonisch vor allem eine Botschaft bereit hielt: Hier wird gearbeitet.

Links im „Abteilungsbau“, rechts im „Leitungsbau“, mit der „Seufzerbrücke“ dazwischen. „Mausoleum der Macht“ hieß das Stahlskelett-Kanzleramt, auch „Kanzler-Grab“ oder „Sparkassenbau“. Dass im Chefzimmer kein Sparkassendirektor saß, machte Schmidt mit August Bebel in Öl deutlich. Das Gemälde wurde damals weiter gereicht, nun hängt das Original bei Kurt Beck in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Wenn hohe Gäste kamen oder etwas entspannter und hintergründiger gesprochen werden sollte, stand der zu Ludwig Erhards Zeiten bezogene und jeweils nach dem Geschmack der Nachfolger eingerichtete Kanzlerbungalow zur Verfügung. Auch er kann besichtigt werden. Beeindruckend der repräsentative Teil, ernüchternd die privaten Gemächer.

Der oft erwähnte Privatpool des Kanzlers ist nicht mehr als ein Planschbecken, und da die ersten drei Kanzler keine kleinen Kinder hatten, fehlte es auch an Räumen für den Nachwuchs. Deshalb zogen Brandt und Schröder erst gar nicht hier ein, ließ Kohl seine Söhne auf Gummimatratzen auf dem Boden schlafen, wenn sie ihn besuchten. Entsprechend erstaunt waren Staatsgäste, wenn sie – gewohnt an ihre eigenen prunkvollen Residenzen – mit dem Hubschrauber im Park des Kanzleramtes landeten und dann in den bescheidenen Bungalow geführt wurden.

In solchen Momenten wird große Geschichte plötzlich ganz klein. Deutschland halt. Und Bonn. Für viele: sympathisch.

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