Aachen - „Zeit” haben Opfer einer Vergewaltigung nun nicht mehr

„Zeit” haben Opfer einer Vergewaltigung nun nicht mehr

Von: Sabine Kroy
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Aachen. Die Schande ist groß, die Erniedrigung unerträglich und die seelische Verletzung oft unheilbar: Opfer von Vergewaltigungen leiden meist ihr Leben lang unter der grausamen Erinnerung an den einen Moment, der ihr Leben veränderte.

In den meisten Fällen ist es nicht der Unbekannte, der einer Frau in einer dunklen Ecke auflauert, sondern es ist der Bekannte, schlimmer noch der Freund, Partner oder Verwandte, der das Opfer zu sexuellen Handlungen zwingt.

„Gerade deshalb fällt es vielen Betroffenen schwer, direkt Anzeige zu erstatten”, erklärt Agnes Zilligen vom Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen Aachen, „für viele ist das ein großer Gewissenskonflikt”. 2002 wurde deswegen die Möglichkeit der sogenannten Anonymen Spurensicherung bei Sexualstraftaten geschaffen auch für Städte und Kreise, die kein Institut für Rechtsmedizin vor Ort haben - Polizei und Staatsanwaltschaft kümmerten sich um den Transport und die Verwahrung der Spuren.

Vergewaltigte Frauen konnten sich auch noch Monate, teilweise bis zu 20 Jahre später zu einer Anzeige entscheiden, um den Täter zu überführen. Das gab ihnen Zeit, das Trauma zu verarbeiten. Damit ist seit Anfang April Schluss: Auf Erlass des Innenministeriums Nordrhein-Westfalens sind die Beamten zur Strafverfolgung verpflichtet, wenn sie Kenntnis von einer Straftat erhalten - selbst wenn es sich um anonyme Beweise handelt. „Für Betroffene ist somit vom Wohnort beziehungsweise vom Tatort abhängig, ob ihnen ein solches Angebot nach einer Straftat zur Verfügung steht”, betont Zilligen. Theoretisch ist diese Anonyme Spurensicherung nur noch in Städten mit rechtsmedizinischem Institut wie etwa Köln, Düsseldorf oder Bonn möglich - in Aachen bekanntlich seit 2004 nicht mehr.

Bisher haben das Polizeipräsidium Aachen, die Kreispolizei Heinsberg sowie Düren in ihren eigenen Asservatenkammern die Urin- und Blutproben, aber auch DNA-Beweise, Kleidungsstücke oder Fotos verwahrt, die bei niedergelassenen Ärzten oder in den beteiligten Krankenhäusern entnommen und juristisch verwertbar dokumentiert wurden. „Wir bedauern die Einstellung dieses Verfahrens wirklich sehr”, teilt Christoph Lammertz, Pressesprecher im Krankenhaus Düren, im Auftrag der Verantwortlichen mit. Dort denke man bereits über die Möglichkeit einer eigenen Lagerung nach, müsse sich dazu aber noch juristisch beraten lassen, so Lammertz, obwohl es sich etwa im Jahr 2011 nur um zwei Fälle gehandelt hat. Die Leiterin des Dürener Frauenbüros, Gilla Knorr, die vom Erlass des Innenministers als „Affront gegenüber allen Opfern und Engagierten” spricht, kann aber die Gründung eines Vereins bestätigen, der den Transport in das Rechtsmedizinische Institut Köln über Spenden finanzieren will.

In Heinsberg sowie in Aachen und der Städteregion ist gänzlich unklar, wie Vergewaltigungsopfern zukünftig der Zeitdruck bei einer Entscheidung zur strafrechtlichen Verfolgung genommen werden soll, insbesondere wenn K.O.-Tropfen eingesetzt wurden. „Ich weiß allerdings von keinem Fall, der anonym geblieben ist”, spricht Ullrich Gütte, Leiter des Kriminalkommissariats Eins für Sexualstraftaten, für die Kreispolizeibehörde Heinsberg. Deshalb hofft der Hauptkommissar nun darauf, dass die betroffenen Frauen, maximal zwei bis drei pro Jahr, direkt Anzeige erstatten. Auch in der Städteregion Aachen (ein bis fünf Fälle pro Jahr) blickt man in ratlose Gesichter: „Wie der Transport nach zur Rechtsmedizin Köln organisiert werden soll, ist absolut unklar”, bedauert Agnes Zilligen vom Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen, „aber ich hoffe auf eine Lösung noch in diesem Jahr”.
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