Zehn Jahrgänge in einem Haus: Erste Primusschule im Regierungsbezirk Köln

Von: Guido Jansen
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Premiere in Titz: Am Donnerstag startet dort die erste Primusschule der Region. Foto: dpa

Titz. 51 Erstklässler in der Gemeinde Titz bringen übermorgen nach ihrem ersten Schultag auch ihren ersten Stundenplan mit nach Hause. Lesen, Rechnen oder Schreiben wird dort nicht draufstehen, sondern „Gemeinsamer Anfang“, „Selbstständiges Lernen“ oder „Lernen in kleinen Gruppen“.

Damit sind sie ersten 51 Kinder im Regierungsbezirk Köln, die überhaupt einen solchen Stundenplan haben. Denn die Primusschule in Titz ist die erste ihrer Art im Regierungsbezirk und erst die fünfte in NRW.

Vieles ist neu im Konzept der Primusschule. Hausaufgaben heißen jetzt Lernzeiten, in den Klassenräumen gibt es einen runden Tisch in der Mitte und viele kleine am Rand. Die markanteste Eigenheit der Primusschule: Sie ist die Schule für die Klassen eins bis zehn. Der Sprung auf eine weiterführende Schule nach der vierten Klasse fällt weg. „Ziel der Primusschule ist, dass die Kinder früher lernen, selbstständig zu lernen“, sagt Stefanie Törkel-Howlett, die Rektorin der Modellschule. Es gibt den Unterricht im Klassenverband, der am runden Tisch stattfindet, und die Gruppen- und Einzelarbeit an den kleineren Tischen.

Natürlich lernen die Erstklässler auch weiterhin Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Schule ist mit ihren Lernzielen an das Curriculum des Landes gebunden wie jede andere Schule auch. Der Schultag ist nur anders strukturiert.

Nach dem Unterricht im Klassenverband bilden die Kinder kleine Gruppen. Diejenigen, die beispielsweise schon ganze Sätze schreiben können, tun sich zusammen, und diejenigen, die damit noch Probleme haben. Später, wenn mehrere Jahrgänge die Primusschule besuchen, gibt es die Möglichkeit, Kinder in älteren Jahrgängen in den Bereichen zu fördern, in denen sie überdurchschnittlich leistungsfähig sind.

„Bei uns wird nicht mehr im Gleichschritt unterrichtet“, sagt die stellvertretende Rektorin Anja Schüürmann. Die Kinder, die weiter sind, können im Lehrstoff vorauseilen. Und die, die Probleme haben, lernen und üben so lange, bis die Buchstaben oder Zahlen sitzen. So wird verhindert, dass das Thema vorbei ist und die Schüler eine Wissenslücke haben. Erst, wenn ein Kind sagt, dass es ein Thema verstanden hat, schreibt es einen Test als Rückmeldung, ob das Lernziel wirklich erreicht ist. Noten gibt es bis zum Ende der achten Klasse nicht. Kriterienzeugnis heißt der Leistungsnachweis, der bescheinigt, ob der Erstklässler über- oder unterdurchschnittlich Rechnen kann. Sitzenbleiben können die Kinder auch nicht. „Wir sind uns sicher, dass alle Kinder mit diesem Lernkonzept die Ziele erreichen“, sagt Törkel-Howlett. Nur in Ausnahmefällen sei vorgesehen, ein Kind eine Klasse zurückzustufen.

So leicht, wie das Primus-Konzept mit runden Tischen und ohne Noten klingen mag, ist es aber nicht. „Das bedeutet nicht, dass ein Kind nur dann lernen kann, wenn es Lust dazu hat. Unser Modell ist sehr straff organisiert“, sagt Törkel-Howlett. Schließlich sollen die Kinder frühzeitig lernen, selbstständig zu arbeiten. Hausaufgaben, die jetzt Lernzeiten heißen, kontrolliert der Lehrer beispielsweise jedes Mal.

Querein- und aussteiger sind möglich, in jeder Schulklasse. Verlässt ein Kind die Schule, wird das Kriterienzeugnis in Noten umgerechnet. Die Lehrerinnen der neuen Schule sind von dem Konzept überzeugt. „Wir gehen davon aus, dass die Kinder schulisch genau so gut werden können wie auf einem Gymnasium oder einer Gesamtschule“, sagt Törkel-Howlett. Für diejenigen, die nach der Primusschule die gymnasiale Oberstufe besuchen wollen, gibt es Kooperationsvereinbarungen mit zwei anderen Schulen. Greifen werden diese allerdings erst in zehn Jahren: Dann wenn der Jahrgang 2014/2015 die Schule verlässt. In den kommenden Jahren wächst die Primusschule Jahr für Jahr. Sie übernimmt dann die Räume von Grund- und Hauptschule, die parallel auslaufen.

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