Zartbeseitete Patienten mit schwerem Schimmelbefall

Von: Juliane Kern
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Schadensbegrenzung: Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs sichten Restauratoren geborgene Dokumente. Bis sie wieder genutzt werden können, wird viel Zeit vergehen. Foto: Juliane Kern

Brauweiler. Wer Susanne Löffler auf dem Flur der Papierwerkstatt des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in Brauweiler trifft, könnte meinen, einer Ärztin auf der Isolierstation eines Krankenhauses zu begegnen.

Mundschutz, Gummihandschuhe, weißer Kittel. Und Patienten hat sie auch: Historisch wertvolle Dokumente, Akten, Bücher.

Greis sind sie, manchmal ein halbes Jahrtausend alt und krank, schwer krank. Der Befund: Multipler Schimmelbefall. Pilzgeflechte in allen Farben und Strukturen haben sich über das Papier ausgebreitet.

„Schimmel ist ein sehr großes Problem”, sagt Volker Hingst, Leiter der Abteilung Bestandserhaltung beim LVR. Vielleicht das größte, mit dem Papierrestauratoren zu kämpfen haben.

Und nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März eine große Herausforderung. Zwar hat das kühle Wetter zunächst verhindert, dass sich Schimmelsporen in den feucht gewordenen Dokumenten festsetzen und ihr zähes Geflecht ausbreiten, doch jetzt, vor dem Sommer, ist Eile geboten.

Deshalb haben Experten aus Brauweiler in diesen Tagen zusammen mit ihren Kollegen vom Landesmuseum Bonn damit begonnen, die zweite Ladung wertvoller Dokumente aus dem Kölner Stadtarchiv gefrierzutrocknen.

„Mit diesem Verfahren kann man den Akten die Feuchtigkeit aus dem Papier ziehen, ohne es aufzutauen”, sagt Hingst. Eine Voraussetzung dafür, dass sich kein Schimmel in den Dokumenten ausbreiten kann.

Vor einer Glasscheibe

Denn ist der Schimmel erst mal da, lässt er sich nur mühsam stoppen. Stunde für Stunde sitzen Mitarbeiter der Papierwerkstatt wie Susanne Löffler dann vor einer Glasscheibe, unter der sie ihre Hände auf einen schmalen Arbeitstisch schieben. Mit Radiergummis, einem dicken Pinsel aus Dachshaar, kleinen, vom Schmutz dunkelgrau gewordenen Schwämmen aus Naturkautschuk streichen sie die getrockneten Schimmelgeflechte von den Seiten.

Unter ihrer Hand zerfallen gelblich-grüne und pinkfarbene Schimmelgeflechte zu Staub. Wo sich das Geflecht löst, bleibt die Farbe zurück, für immer.

Und sollte es wieder einmal feucht und warm werden zwischen den Buchdeckeln, breitet er sich wieder aus.

Erst wenn die Schimmelgeflechte entfernt sind, können die Mitarbeiter der Papierwerkstatt mit der eigentlichen Restaurierung beginnen. Wo Risse und Fehlstellen die Substanz der Bücher gefährden, stärken sie die Seiten mit feinen, aber festen Japanpapieren und einem Klebstoff aus Weizenkleie.

Wo nur noch Fragmente vorhanden sind, versuchen sie, die Puzzleteile zusammenzufügen. Wo ein Buch aus dem Leim gegangen ist, sortieren sie die Seiten und fügen sie mit Nadel und Faden wieder zusammen.

„Wir machen nur so viel, wie nötig ist. So viel, dass man die Dokumente und Bücher vorsichtig anfassen und nutzen kann, aber die alte Substanz erhalten bleibt”, sagt Hingst.

Anders als in den 1970er und 1980er Jahren, als Restaurierung bedeutete, den angenommenen Urzustand wiederherzustellen, setzen Restauratoren heute auf die Bewahrung der noch erhaltenen Originalsubstanz.

„Wir fälschen nichts, und prinzipiell muss alles reversibel sein”, sagt Hingst. Apropos reversibel: Manchmal sind es nicht die großen Katastrophen wie in Köln oder Weimar, der schleichende Verfall, Schädlinge wie Silberfische oder Anobien, im Volksmund Holzwürmer genannt, die dem in Dokumenten und Büchern gespeicherten kulturellen Gedächtnis zusetzen.

Manchmal sind es die Mitarbeiter von Museen und Archiven selbst, die durch Unwissenheit oder Fahrlässigkeit Schaden anrichten.

„Eine wunderbare Arbeit”

Wie jüngst, als der ehrenamtliche Mitarbeiter eines kleinen Museums den geschichtsträchtigen Grundriss eines Hauses für eine Ausstellung laminieren ließ, ganz schnell, im Kopierladen um die Ecke.

Auch bei solchen Pannen sind die Mitarbeiter der Brauweiler Papierwerkstatt gefragt: Seit Tagen ist Restauratorin Bettina Rütten damit beschäftigt, die Kunststofffolie mit Lösungsmittel und Skalpell vom Papier zu trennen.

Wenn dann, nach wochenlanger Arbeit, ein Buch, eine Grafik oder ein Dokument weich gebettet in einem säurefreien Schuber oder aufgezogen auf säurefreiem Karton liegt, alle Arbeitsschritte dokumentiert sind, dann freuen sich die Mitarbeiter der Papierwerkstatt.

„Das ist eine wunderbare Arbeit”, sagt Restauratorin Antje Brauns.

Früher, sagt ihr Chef Volker Hingst, wurden Restauratoren nicht alt. Vielleicht 50, 55 Jahre. Sie starben an Krebs, an Lungenkrankheiten... Der Schimmel hatte sich in ihrem Körper ausgebreitet und sie krank gemacht. Das ist heute anders.

Und auch den Patienten aus Papier, Dokumenten, Akten und Büchern, geht es, wenn sie einmal restauriert sind - meist besser. In stabilen, säurefreien Kartons, bei konstanter, nicht zu hoher Raumtemperatur und einer geringen Luftfeuchtigkeit können sie jahrelang aufbewahrt werden, ohne (weiteren) Schaden zu nehmen.

Und noch ein bisschen greiser werden.
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