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WZL: Ein Desaster, das viel positive Energie freisetzt

Von: Heiner Hautermans und Thorsten Karbach
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Ein tiefes Loch wurde in eines der Herzen des Werkzeugmaschinenlabors gerissen: ein Blick vom Herwart-Opitz-Haus auf die zerstörte Versuchshalle. Foto: Andreas Steindl
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Einst ein Symbol für den „Geist des WZL“: An Tor 6 wurde früher gegrillt und gefeiert, es war Treffpunkt der Mitarbeiter. Jetzt ist es zerstört.

Aachen. Donnerstagnachmittag kehrte dann tatsächlich noch ein Stück Alltag zurück ins Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen. Denn es galt auf eine Promotion anzustoßen: Franz Gaudlitz, geboren 1983 in Chemnitz, hieß der junge Mann, der feiern durfte, auch wenn ihm und den 800 anderen Mitarbeitern des WZL in diesen Tagen eigentlich anders zumute ist: Die Folgen des verheerenden Feuers in der Nacht zum vergangenen Freitag sind nicht zu übersehen.

Weite Teile der großen Versuchshalle des WZL sind Schutt und Asche. Noch immer ist unklar, wieso sich das Feuer dermaßen schnell ausbreiten konnte, zumal die Maschinen größtenteils mit CO2-Löschanlagen ausgestattet waren. Der gesamte Schaden wird mittlerweile auf rund 100 Millionen Euro geschätzt, was doppelt so hoch ist wie zunächst vermutet. Gaudlitz promoviert am Lehrstuhl von Professor Robert Schmitt, und der ist ganz besonders betroffen.

Nachbarschaftshilfe angeboten

Dennoch: Der Blick ist nach dem Schock der vergangenen Woche mehr denn je nach vorne gerichtet. „Im Rahmen des ganzen Desasters ist viel positive Energie freigeworden“, erklärt der Kanzler der RWTH Aachen, Manfred Nettekoven. Landesregierung, Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, Industriepartner, Hochschulen aus aller Welt wie auch der direkten Nachbarschaft – etwa die FH Aachen – haben Hilfsbereitschaft signalisiert. Teilweise wurden dem geschäftsführenden Direktor des WZL, Professor Günther Schuh, gleich ganze Listen mit Maschinen und Laborausrüstungen zugeschickt, die allesamt zur Verfügung gestellt werden könnten. Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, kündigte unbürokratische Hilfe an.

Das hat auch die letzten Tränen unter den rund 800 Mitarbeitern getrocknet, die am Donnerstagmorgen zu einer großen Mitarbeiterversammlung zusammenkamen. Phasenweise „ergreifend“ empfand Schuh die Gespräche mit den Kollegen, insbesondere den 150, die in der abgebrannten Halle ihren Arbeitsplatz hatten. Einige waren vom ersten Tag an dabei. Im nächsten Jahr wollte man den 40. Geburtstag der Halle feiern. Doch am Ende aller Emotionen stand eine klare Aussage des gesamten Direktoriums: „Das WZL ist in vollem Umfang arbeitsfähig. Das Krisenteam funktioniert hervorragend“, betonte Günther Schuh.

Wer von der fünften Etage des benachbarten Herwart-Opitz-Haus, in dem neben dem WZL auch das Institut für Allgemeine Konstruktionstechnik des Maschinenbaus, das Institut für Regelungstechnik, das Lehr- und Forschungsgebiet Konstruktion und Entwicklung von Mikrosystemen und das Institut für fluidtechnische Antriebe und Steuerungen untergebracht sind, auf die Ruinen schaut, der kann sich kaum vorstellen, dass hier so etwas wie Aufbruchstimmung herrscht.

Es ist sogar mehr als das: Am Montag wurde seitens des WZL-Direktoriums bereits ein Neubau an Ort und Stelle geplant und zusätzlich ein Plan B formuliert: für einen größeren Neubau an anderer Stelle. Die Planung trägt den Arbeitstitel „Tor 6“ und erinnert damit an den vielleicht wichtigsten Platz des Werkzeugmaschinenlabors. Denn das Tor 6 der abgebrannten Halle hatte für alle WZL-Beschäftigten eine besondere Bedeutung.

Es war gleichermaßen Parkplatz des Direktoriums und Treffpunkt für die Mitarbeiter, dort wurde gegrillt und gefeiert. Ein Ort von großer Symbolik, an dem der besondere Geist des WZL immer zugegen war, wie WZL-Direktor Fritz Klocke erzählt. Diesen Geist wolle man über den Arbeitstitel mit in den Neubau tragen, wie auch immer der am Ende aussieht. „Wir werden neue Geschichte und neue Geschichten schreiben“, sagt Klocke, auch wenn gerade ein „Flaggschiff der Produktionstechnik“ verloren gegangen sei.

Land stellt Geld bereit

Das Land hat in Person von Thomas Grünewald, Staatssekretär im Wissenschaftsministerium, bereits signalisiert, dass Geld für einen Neubau bereitgestellt wird, als sogenannter Selbstversicherer muss das Land in solchen Fällen für Ersatz aufkommen. Bis dahin müssen kurzfristig 3500 Quadratmeter Ersatzfläche gefunden werden. Vermutlich wird sich diese auf acht, maximal auf zehn Standorte verteilen, die meisten in den Instituten in der Nachbarschaft oder den bereits fertigen Clustern des Campus der RWTH Aachen. „Wir haben da bereits mit der Umsetzung begonnen“, erklärt Schuh. Die 41 Mitarbeiter der Werkstätten, die es in der abgebrannten Versuchshalle gab, haben bereits neue Aufgaben übernommen. Die Idee, Kurzarbeit anzumelden, wurde laut Schuh umgehend wieder verworfen. „Es gibt genügend zu tun.“

22 neue Werkzeugmaschinen müssen kurzfristig beschafft werden, um alle Versuchsanlagen zu ersetzen, die Opfer der Flammen wurden. Bis nächste Woche will das Direktorium eine entsprechende Wunschliste aufstellen. „Wir haben bereits Angebote für Schenkungen bekommen“, berichtet WZL-Direktor Christian Brecher. Nächste Woche ist eine große Messe in Düsseldorf, auf der die deutschen Maschinenbauer ihre Neuheiten vorstellen. Es gab sogar Angebote, einzelne Maschinen von Düsseldorf aus direkt nach Aachen zu transportieren. Das klingt nach schneller Hilfe.

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