Wuppertal - Wuppertal baut die Schwebebahn 2.0

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Wuppertal baut die Schwebebahn 2.0

Von: Ulrich Simons
Letzte Aktualisierung:
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Genietet, nicht geschraubt: Die Jugendstil-Station „Werther Brücke“ wurde wie vor 100 Jahren neu aufgebaut. Weil es damals noch keine Schrauben gab, halten rund 21 000 Nieten die neue, alte Haltestelle zusammen.
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Endstation Oberbarmen: Bahnhof (grün) und Wagenhalle (grau) wurden komplett demontiert und sollen bis Ende des Jahres restauriert sein. Durch die neue Wendeanlage im vorderen Teil der Wagenhalle sind die Züge schneller wieder in Gegenrichtung einsatzbereit, weil die Halle nicht mehr komplett durchlaufen werden muss. Foto: Stadtwerke Wuppertal

Wuppertal. Billig war die Angelegenheit schon damals nicht. Als die Stadt Wuppertal am 1. März 1901 auf der Strecke Kluse-Zoo ihre neue Schwebebahn in Betrieb nimmt (die sie bis 27. Juni 1903 auf ihre heutige Länge von 13,3 Kilometern ausbaut), ist die Stadt um 16 Millionen Goldmark ärmer. Soviel, nach heutigem Stand etwa 184 Millionen Euro, haben sich die reichen Tuchmacher in Barmen und Elberfeld den Bau des revolutionären Personenbeförderungssystems kosten lassen.

Ideengeber war der Unternehmer und Ingenieur Eugen Langen (1833-1895), der in seiner Kölner Zuckerfabrik die Säcke nach einem ähnlichen System durch die Hallen „schweben“ ließ.

Trotz der 16 Millionen Goldmark war der Preis für die neue Hängebahn im Tal der Wupper geradezu ein Schnäppchen im Vergleich zu den Kosten für die Sanierung, die in absehbarer Zeit zu Ende geht und dann rund 600 Millionen Euro verschlungen haben wird.

Aus sechs Jahren wurden 19

Dafür hatten die Wuppertaler diesmal aber auch viel länger Freude an den Bauarbeiten: Die Schwebebahn von 1901 war nach sieben Jahren fertig, die Sanierung dagegen begann im Jahr 1995 und sollte zum 100-jährigen Bestehen am 1. März 2001 abgeschlossen sein. Aus den veranschlagten sechs Jahren wurden fast 19, unter anderem, weil zwei Jahre nach Beginn der Sanierungsarbeiten das ganze System unter Denkmalschutz gestellt wurde, was die Prozedur nicht gerade beschleunigte.

Auch die Kosten, die man ursprünglich auf 220 Millionen Euro geschätzt hatte, entwickelten eine unheilvolle, bei Projekten dieser Größenordnung nicht untypische Eigendynamik. Da vieles aber über Denkmalschutz-Zuschüsse aufgefangen werden konnte, bleibt am Betreiber der Schwebebahn, den Wuppertaler Stadtwerken, von den 600 Millionen „nur“ noch ein Eigenanteil von 30 Prozent hängen.

Nieten treiben die Kosten hoch

An allen Ecken und Enden des 28 Kilometer langen Gleisovals wurde in den zurückliegenden Jahren repariert, montiert und genietet. Rund 300 Firmen und Gewerke, von A wie Architekt über Fertiger, Ingenieure, Montagefirmen und Sachverständige bis Z wie Zulieferer waren an der Schwebebahn-Version 2.0 beteiligt.

Futuristisch anmutende Bahnhöfe wie die 1999 gebaute Haltestelle „Kluse“ am Schauspielhaus oder der „Raumgleiter“ Ohligsmühle bilden heute einen spannenden Kontrast zu Jugendstil-Stationen wie der am Landgericht, der Wagenhalle in Oberbarmen oder der 2012 völlig heruntergekommenen Station Werther Brücke, die in fast einjähriger Bauzeit aus mehr als 5000 Blech- und Stahlteilen „formidentisch“ anhand alter Baupläne wieder aufgebaut wurde.

Auch die 464 erneuerten Stützen wurden genietet und nicht geschraubt oder geschweißt, weil man zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur diese Art der Montage kannte und Denkmalschützer da kein Pardon kennen. Ein Verfahren, das sich nicht unbedingt kostendämpfend auswirkte: Ein kompletter Neubau der Schwebebahn hätte im Vergleich zur Vorbild-getreuen Sanierung nur halb soviel gekostet.

Neue „Flüsterschienen“

Spätestens wenn ab Ende 2014 als „Sahnehäubchen“ der Sanierungs-Aktion die neuen Wagengarnituren kommen, werden die Wuppertaler wieder mit dem gleichen Stolz wie vor 100 Jahren zu ihren „fliegenden Bussen“ aufschauen. Zwar wird immer noch Eisen (Räder) auf Eisen (Schienen) laufen, aber die neuen „Flüsterschienen“ sind Gummi-gelagert, und die Vibrationen übertragen sich nicht mehr aufs Gerüst.

Das werde möglicherweise in der ersten Zeit für Irritationen sorgen, sagt Stadtwerke-Sprecher Holger Stephan. Vor allem in Vohwinkel, wo die Züge nach Verlassen der Endstation zunächst rumpelnd und quietschend dem Verlauf der Straße folgen und in Höhe der ersten Etage „durch die Wohnzimmer fahren“, hätten Anwohner in Baupausen über „Entzugserscheinungen“ geklagt und gefragt: „Wann kommt die Bahn wieder, ich kann nicht schlafen?!“

Die neuen Fahrzeuge werden mit dem Zugsteuerungssystem ETCS ausgerüstet sein, dem „European Train Con­trol System“, das auch die Deutsche Bahn verwendet. In der Hauptverkehrszeit soll sich dadurch der Zugabstand von heute drei Minuten auf zwei Minuten verkürzen.

An der Optik der Züge wird sich – abgesehen vom Farbwechsel von Orange nach Hellblau – wenig ändern. Länge, Höhe und Breite sind durch Kurvenradien, Bahnhöfe und den benötigten „Fahrbahnquerschnitt“ vorgegeben. Reduziert werden soll die Werbefläche, was die Passagiere freuen wird: Sie können künftig die Aussicht durch größere Fenster und eine Panoramascheibe im Heck genießen.

Rollstuhlfahrer finden heute schon in den sanierten Bahnhöfen behindertengerechte Aufzüge. Die neuen Schwebebahnen werden darüber hinaus über eine Klapprampe für die Einfahrt verfügen.

Ursprünglich war der schrittweise Austausch der 27 Gelenkzüge aus den 1970er Jahren für das kommende Frühjahr geplant, doch notwendige technische Änderungen haben sich zu einer Verzögerung von rund acht Monaten addiert. Bis zum Sommer 2016 soll der Wechsel abgeschlossen sein.

Den Schlusspunkt unter die Streckensanierung setzte in dieser Woche die Dürener Firma Queck mit dem Einbau des 34 Meter langen Streckenelementes „Brücke 304“ zwischen den Haltestellen Landgericht und Völklinger Straße. Am 11. August nimmt die Schwebebahn dann nach dreiwöchiger Sommerpause wieder den Betrieb auf.

Schwerer Unfall

Überschattet werden die Sanierungsarbeiten von einem schweren Unfall am 12. April 1999. Nach Arbeiten in der Nacht fährt der erste Zug des Tages auf eine Kralle, die versehentlich auf der Fahrschiene zurückgelassen wurde. und entgleist. Der erste Wagen stürzt aus fast zehn Metern Höhe in die Wupper, vier Menschen kommen ums Leben, 47 werden schwer verletzt.

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