Wolfgang Niedecken kehrt mit einem Dreiklang zurück

Von: Bernd Büttgens
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Niedecken
Er ist wieder da: Den Schlaganfall hat Wolfgang Niedecken weggesteckt, jetzt stellt der Kölner Sänger ein Soloalbum und ein Buch vor. Und er geht mit BAP auf Tour. Foto: dpa

Köln. Wolfgang Niedecken ist wieder da. Er ist bereit für die Zugabe. Und die ist – Fans seiner Band BAP wissen das – noch immer üppig ausgefallen. Nachdem er sich bestens von einem Schlaganfall, den er im November 2011 erlitt, erholt hat, erfüllt der 62-jährige Kölner sich einen Traum: ein Soloalbum mit ausgewählten Liebesliedern, die er für seine Frau Tina in gut 25 Jahren geschrieben hat. Ab sofort ist das Akustik-Album „Zosamme alt“ auf dem Markt.

Aber damit nicht genug: Auch der zweite Teil seiner Biographie mit dem Titel „Zugabe“ ist in diesen Tagen erschienen. Und im Frühjahr folgt eine große Tour mit BAP durch die gesamte Republik.

Sie haben so viele Platten veröffentlicht – jetzt aber passiert etwas Besonderes. Es folgt die Zugabe, und das ist nach Ihrer Krankheitsgeschichte wörtlich zu verstehen. Sind die Solo-CD und das Buch besondere Meilensteine Ihres Schaffens?

Niedecken: Es sind natürlich ganz spezielle Veröffentlichungen. Wobei ich immer, ohne die Frage abzuschwächen, alles für das gerade anstehende Projekt gegeben habe. Aber es stimmt, wenn ich jetzt das Album höre, dann berührt es mich sehr. Einer Ihrer Kollegen hat gesagt, ihm käme „Zosamme alt“ vor wie mein Vermächtnis.

Würden Sie soweit gehen?

Niedecken: Auf einem kleinen Sektor stimmt das. Ja, da hat er Recht. Wenn ich mir überlege, was irgendwann von mir übrigbleibt, dann denke ich, okay, in zwei Generation werden meine Nachfahren wissen, dass der Opi irgendwann mal in einer Rock’n’Roll-Band gespielt hat und ein paar große Nummern dabei rausgekommen sind. Aber wenn die sich dann fragen, wie war das eigentlich mit dem Opi und der Omi, dann kann ich sagen, dass diese Platte weiterhilft, also ein Vermächtnis ist.

Das klingt sehr melancholisch und emotional.

Niedecken: So ist das auch. Die Storys, die ich von meinem Opa, dem Kirchenmaler Hermann Platz, kenne, sind wie ein Schatz für mich. Wenn meine Mutter ihn mal wieder betrunken aus der Kneipe abholte, sagte er gerne entschuldigend, „is alles nit schlimm, Kind, weißte, de Mama wor et schönste Mädche vun janz Kölle“. Wenn ich daran denke, dann läuft es mir eiskalt den Rücken runter.

Die neue Platte ist eine große Liebeserklärung an Ihre Frau Tina. Wir gehen davon aus, dass dieses Konzeptalbum kein Zufall ist...

Niedecken: Nein, auf keinen Fall. Als ich nach dem Schlaganfall von der Intensivstation in die Stroke Unit verlegt worden war, wusste ich, dass ich viel Glück gehabt habe und wohl weitermachen kann. Da fielen mir mein Freund Julian Dawson und seine Jahre alte Idee ein, mal in den USA mit amerikanischen Musikern ein Soloalbum zu machen. Und zwar eins, das ausschließlich an meinem Vortrag orientiert sein sollte. Vor dem Schlag habe ich das immer abgewehrt: „Keine Zeit!“ Oder: „Das kollidiert mit dem Flaggschiff, auf dem dick BAP steht!“

Gehörte zur Idee denn auch das Thema, die Liebeslieder?

Niedecken: Nein, diese Idee kam mir tatsächlich im Krankenhaus. Und aus dem Hirngespinst wurde sehr schnell eine Herzensangelegenheit. Die Möglichkeit, jetzt dieses Projekt umzusetzen, war da, und ich hatte ja auch das tiefe Bedürfnis, mich bei meinem Schutzengel zu bedanken, bei meiner Frau, die mich geistesgegenwärtig und schnell ins Krankenhaus gebracht hatte.

Was sagt der Schutzengel denn zu diesem Album?

Niedecken: Der Schutzengel ist hin und weg.

Vor gut einem Jahr haben Sie die Songauswahl getroffen, haben das Titelstück „Zosamme alt“ geschrieben und sind dann nach Woodstock aufgebrochen, um das Album mit den befreundeten Musikern und dem Produzenten Julian Dawson aufzunehmen. Ihr Blick zurück?

Niedecken: Das war eine wunderbare Zeit, die drei Wochen in USA, ja, ich habe oft gedacht, dass ich das alles nur träume. Anfangs habe ich gar nicht verstanden, warum es ausgerechnet Woodstock und das „Dreamland“-Studio sein sollte, und warum Julian in der „Electric Lady“, einem von Jimi Hendrix designten Studio in Manhattan, abmischen wollte. Aber wenn du da bist, verstehst Du, was das für magische Orte sind.

Und dann trafen Sie auch auf phantastische Musiker.

Niedecken: Julian hat mit allen schon zusammengearbeitet. Larry Campell war sieben Jahre mit Bob Dylan auf seiner „Never Ending Tour“ unterwegs. Mit ihm und den Kollegen, mit Stewart Lerman und vor allem mit dem fünften „Eagle“ Steuart Smith hat das schon einen unfassbaren Spaß gemacht.

Gehen Sie solche Projekte mit der entsprechenden Demut an?

Niedecken: Was denken Sie denn! Ich habe mir doch erst mal in die Hose gemacht, als ich im Kreis dieser Cracks meine Gitarre ausgepackt habe. Ich war heilfroh, dass ich einen sauberen G-Dur-Akkord hinbekommen habe. Aber das ging dann sehr schnell, dass ich mich wohlgefühlt habe. Letztlich habe ich noch nie auf einem Album so viel Gitarre gespielt wie diesmal.

Was sagen die BAP-Kollegen zum Solo-Album?

Niedecken: Die Resonanz in der Band ist sehr gut. Das Thema war ja klar abgegrenzt, das ist ein ganz persönliches Ding von mir – und davon mal abgesehen (er grinst) – bei BAP spielt ja auch keiner Pedal Steel Guitar…

Haben Sie bei einem solchen Album im Kalkül, wie es ankommt?

Niedecken: Nein, das war mir völlig egal. Mehr als bei allen anderen Alben. Es geht zunächst mal um meine Qualitätsansprüche. Wenn es nur um die Frage ginge, wie das ankommt, wäre ich nichts anderes als ein Auftragskiller.

Fühlen Sie sich wohl dabei, gerade jetzt ein so emotionales und persönliches Album zu präsentieren?

Niedecken: Das ist okay. Es ist ja auch nichts Neues für mich, mich so zu zeigen. Das ist meine Art. Und mir ist das wichtig, dieses Album genau so zu bringen.

Haben Sie im Krankenhaus jemals daran gezweifelt, diese Zugabe noch einmal geben zu können?

Niedecken: Nein, diesen Zweifel hatte ich nicht. Als ich die Augen aufschlug und meine drei Damen sah, also meine Frau und unsere Töchter, da wusste ich, Mensch, es gibt eine Zugabe! Und spätestens als mein Professor sagte, ein halbes Jahr müssen Sie sich jetzt mal schonen, danach können Sie wieder über die volle Distanz von drei Stunden Bühnenprogramm gehen, da war für mich alles klar.

Geht Ihnen das nicht auf den Geist, wenn Sie ständig auf den Schlaganfall angesprochen werden?

Niedecken: Das ist völlig in Ordnung. Damit musst du leben, wenn du in der Öffentlichkeit stehst. Ich kann ja auch nicht davon ausgehen, dass alle Leute alle Interviews gelesen und alle Fernsehsendungen gesehen haben, in denen das Thema ausführlich behandelt worden ist. Die Leute haben sich so viel Sorgen um mich gemacht, jetzt sollen sie auch wissen, dass wieder alles okay ist. Und für mich ist das schon bewegend, wenn mir einer in der Straßenbahn auf die Schulter klopft und sagt, „schön, dat de widder do bes, Jung!“

Sie haben viel Glück gehabt.

Niedecken: Ja, das stimmt. Bei mir gilt der neudeutsche Satz „time is brain“, also Zeit ist Gehirn. Weiß der Henker, was passiert wäre, wenn ich zwei Stunden länger da gelegen hätte, das geht so schnell. Ich habe all die Bilder von meinem Gehirn gesehen. Was da schon alles abgestorben ist, obwohl ich schnell im Krankenhaus war!

Leben Sie heute anders als vor jenem 2. November 2011?

Niedecken: Ich achte etwas mehr auf mich und mache wieder jeden Vormittag meinen Sport, gehe schwimmen, fahre Rad. Aber der Schlaganfall war ja keine Folge von Überanstrengung oder einem exzessiven Lebensstil. Ich lebe schon ewig vegetarisch, rauche über 30 Jahre nicht mehr, trinke nicht, niedriger Blutdruck – also ein Risikopatient war ich eigentlich nicht. Aber ich hatte mir aus einem USA-Urlaub einen schweren Husten mitgebracht. Und dadurch hat sich in der Halsschlagader eine Wunde gebildet, aus der ein Blutgerinnsel in den Kopf gestiegen ist.

Gibt es für Sie heute ein Leben davor und danach?

Niedecken: Es ist genauso wie ich das in dem neuen Song „Zosamme alt“ beschreibe. „Schließlich woor dä Herbst jekumme.“ Ja, es ist der Herbst, der jetzt angefangen hat, und um bei der Jahreszeiten-Allegorie zu bleiben: Kein Grund zur Larmoyanz, nach dem Herbst kommt noch eine weitere Jahreszeit. Es ist für mich jetzt tatsächlich die Zugabe – und nur so viel: BAP hat sich bei den Zugaben noch nie lumpen lassen!

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