Wolf Biermann: Aus dem Leben eines Verfolgten und Verwanzten

Von: Rolf Hohl
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Ein Plauderer: Wolf Biermann machte auf seiner Lesetour auch Halt in Stolberg. Foto: Dirk Müller

Stolberg. Hegel hat einmal gesagt: Das Notwendige setzt sich immer zufällig durch. Vor diesem Hintergrund wäre es also dem Zufall zu verdanken, dass aus dem einstigen Kommunistenkind Wolf Biermann ein wortmächtiger Mahner vor den Geistern der Vergangenheit geworden ist.

„Ich wusste schon selbst, dass ich mein bewegtes Leben einmal aufschreiben muss“, sagt er von sich. Das hat er getan und ist jetzt mit seiner Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“ auf Lesereise. Am Mittwoch machte der Lyriker und Liedermacher Halt im Zinkhütter Hof in Stolberg.

Das Buch ist die Niederschrift über ein Leben geworden, das alles andere als verheißungsvoll begann. 1936 mitten in die Zeit des Nationalsozialismus hineingeboren, überlebte er als Kind nur mit Glück die Bombardierung Hamburgs. Sein Vater, ein kommunistischer Werftarbeiter, sabotierte zuvor Schiffe der Kriegsmarine und wurde dafür nach Auschwitz deportiert und ermordet. Hätte sein Leben nun seinen gewöhnlichen Lauf genommen, so Biermann, wäre auch er als Kommunist erwachsen geworden und heute vermutlich „in einer Partei mit Gregor Gysi“.

Doch da war dieser Monat Juni im Jahr 1953, als der damals 16-Jährige in die DDR übersiedelte, gegen den Strom – und gegen die Vernunft, wie es damals vielen schien. „Aber ich brauchte diese Lektion, ohne Rückfahrkarte in den Osten zu gehen. Wenn ich nur ein bisschen an der Revolution geleckt hätte, hätte ich sie nicht verstanden“, sagt er.

Noch heute nennt er diesen Entschluss „das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe“. Denn schon bald begann das Ideal des kommunistischen Arbeiterstaats Risse zu bekommen, die der junge Biermann zu Beginn noch bereitwillig zu übersehen versuchte.

Es folgte schließlich das, was Biermann selbst als den eigentlichen Zweck seiner Autobiografie beschreibt: „Es geht um den Mut, mit dem Kinderglauben des Kommunismus zu brechen.“ Dieser Bruch begann mit seiner Zeit am Berliner Arbeiter- und Studententheater, wo er seine eigenen kleinen Stücke auf eine weltpolitische Ebene hob und aufführte – immer unter Druck der Zensur, bis er schließlich mit einem Arbeitsverbot aus dem Verkehr gezogen wird.

Sein Leben ist fortan das eines Verfolgten, und seine vollständig verwanzte Wohnung, das habe er schnell begriffen, sei nun „das Entrée in die Klapse“. Biermanns Kampf gegen das mächtige Ministerium für Staatssicherheit hat ihn aber nicht zahmer gemacht. Mit Gelassenheit und Humor lässt er die hilflosen Versuche des Staates, ihn mundtot zu machen, an sich abprallen.

Nur mit der Gewalt der Sprache weiß er sich zu wehren, und das ist es, was ihn bis heute auszeichnet. Er ist kein Lehrer, der sich zu seinem Publikum hernieder lässt, um es mit erhobenem Zeigefinger zu warnen. Vielmehr ist sein Umgang fast schon freundschaftlich, wenn er gemeinsam mit den Zuhörern über die Absurditäten eines untergegangenen Systems plaudert. Denn, so sagt er zum Schluss: „Am meisten geht man an jenen Schlägen kaputt, die man nicht ausgeteilt hat – weil man sich nicht gewehrt hat.“

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