„Wohnwelt Pallen“: Ein Lebenswerk steht zum Verkauf

Von: Marlon Gego und Bernd Mathieu
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Wohnwelt Pallen
Das inhabergeführte Traditionsunternehmen Wohnwelt Pallen in Würselen wird verkauft. Wenn das Kartellamt zustimmt, wird die Würzburger XXXL-Unternehmensgruppe, eigenen Angaben zufolge der größte konventionelle Möbelhändler der Welt, Pallen übernehmen. Foto: Harald Krömer
Wohnwelt Pallen Manfred Kistermann
Das inhabergeführte Traditionsunternehmen Wohnwelt Pallen in Würselen wird verkauft. Wenn das Kartellamt zustimmt, wird die Würzburger XXXL-Unternehmensgruppe, eigenen Angaben zufolge der größte konventionelle Möbelhändler der Welt, Pallen übernehmen. Foto: Manfred Kistermann

Würselen/Würzburg. Die meisten Menschen sind am Mittag in der „Eifelstube“ und essen Wildbratwurst oder Gänsekeule, die Kellner kommen vor lauter Arbeit nicht dazu, sich über die Nachricht des Tages Gedanken zu machen. Ein paar Meter hinter der „Eifelstube“, die in einem Verbindungstrakt der Wohnwelt Pallen in Würselen liegt, steht eine Gruppe von Möbelverkäufern.

Die denkt im Moment nicht an Wildschweingulasch und Spätzle. Und weil die meisten Kunden gerade zu Mittag essen, haben die Verkäufer in diesem Moment Zeit, über die Nachricht des Tages zu sprechen und über ihre berufliche Zukunft, über ihre Existenzen. Sie tauschen Befürchtungen und Hoffnungen aus, doch wenn man sie fragt, was sie so denken, dann sagen sie: „kein Kommentar“.

Freitagmorgen hat die XXXL-Unternehmensgruppe mitgeteilt, dass sie Wohnwelt Pallen kaufen wird, zum Abschluss der Verhandlungen fehlt nur noch die Zustimmung des Bundeskartellamts. Der Würzburger Konzern bezeichnet sich selbst als „größten konventionellen Möbelhändler der Welt“, fast drei Milliarden Euro Jahresumsatz, fast 20.000 Mitarbeiter. Pallen hingegen ist ein traditionsreicher mittelständischer Betrieb, inklusive dem Möbeldiscounter Yesss, der zu Pallen gehört und nur ein paar Meter neben dem Haupthaus im Gewerbegebiet Aachener Kreuz liegt, hat die Firma 420 Mitarbeiter. Welche Angestellten machen sich keine Sorgen, wenn ihr Arbeitgeber von einem international operierenden Konzern übernommen wird?

Hans-Peter Simons hatte Pallen 1972 im Alter von 33 Jahren übernommen. Er ließ der 1854 gegründeten Firma ihren Namen und baute das Geschäft im Laufe der Jahre zu einem gigantischen Möbelhaus mit 46.700 Quadratmetern Verkaufsfläche aus. Mehr noch, der Aachener Unternehmer machte Pallen zu einer Institution, die weit über die Region hinaus bekannt ist. Es ist wahrscheinlich keine Übertreibung zu behaupten, dass viele Familien im Raum Aachen, Düren, Heinsberg und im niederländischen und belgischen Grenzgebiet als erstes zu Pallen fuhren, wenn die Anschaffung neuer Möbel bevorstand. Doch in den vergangenen Jahren wurde die Konkurrenz größer. Weniger im Internet, eher vor Ort.

Dass Simons sein Lebenswerk nun verkauft, hat wohl zwei Gründe: Zum einen wird der Kampf auch auf dem europäischen Möbelmarkt immer härter, es findet ein Verdrängungswettbewerb statt, an dessen Ende die Kleinen entweder übernommen werden oder gleich ganz aufgeben. Zum anderen hatte Simons, 75, wie so viele mittelständische Unternehmer Probleme, einen Nachfolger zu finden.

Jürgen Haas, der seit vielen Jahren Mitglied der Geschäftsführung bei Pallen ist, sprach am Freitag gegenüber unserer Zeitung von „Nachwuchsproblemen“ in der Unternehmensführung. „Da ist die Überlegung, wie es mit der Firma weitergehen soll, richtig“, sagte Haas. Man habe deshalb „ganz nüchtern“ über einen Verkauf des Unternehmens nachgedacht und sei zu einem guten Ergebnis gekommen. „Der Käufer ist ein sehr solventes und finanzstarkes Unternehmen mit einer breiten Angebotspalette.“

Aus Sicht der Geschäftsführung, der neben Jürgen Haas auch Dirk Hoppe angehört, sei die Entscheidung sehr positiv. Da Pallen finanziell gesund und insgesamt sehr gut aufgestellt sei, passe das bestens zusammen, sagte Haas. Es sei besonders im Sinne von Inhaber Simons gewesen, aktiv zu handeln, solange es dem Unternehmen gutgehe und ihm eine seriöse und vielversprechende Zukunft zu geben.

Für die Kunden ist die Übernahme Pallens möglicherweise ein Gewinn, so jedenfalls sieht es Ursula Geismann. Sie ist Sprecherin des Verbandes Deutscher Möbelindustrie (VDM), der die Möbelhersteller in Deutschland vertritt. Große Handelsketten wie XXXL seien in ihren Geschäften mehr als mittelständische Betriebe in der Lage, die Angebotsvielfalt des Möbelmarktes abzubilden, sagt Geismann im Gespräch mit unserer Zeitung. Allerdings hält sie es „für wahrscheinlich, dass die Hälfte der vielen riesigen Möbelhäuser in den Gewerbegebieten in 20 Jahren leerstehen“.

In Deutschland gibt es nach Berechnungen des VDM bereits 20 Millionen Quadratmeter Möbelverkaufsfläche: bei 80 Millionen Einwohnern „viel zu viel“, sagt Geismann. „Es ist abzusehen, dass das langfristig so nicht weitergeht“, besonders da die Möbelhändler nur noch eine Strategie verfolgen würden: „niedrige Preise“. Und das, obwohl der Anteil der Internet-Möbelhändler am jährlichen Gesamtumsatz der Branche gerade einmal bei sechs Prozent liege. Ein Traum im Vergleich zu vielen anderen Branchen. Geismann sagt: „Wenn der Preis das stärkste Argument ist, Kunden ins Möbelhaus zu bekommen, ist das aus Sicht der Möbelhersteller ganz, ganz bitter.“

Wer Umsatz zuvorderst über den Preis macht, neigt dazu, seine Ware nicht mehr in Deutschland einzukaufen, und dieser Trend ist auch in einer Möbelherstellernation wie Deutschland nicht mehr zu übersehen. Noch 2005 waren 60 Prozent aller in Deutschland verkauften Möbel aus heimischer Produktion. 2015 sind es nur noch 40 Prozent. Die Handelsketten verkaufen viele Möbel aus China und besonders aus Polen.

Was XXXL mit Pallen genau vorhat, wollte das Unternehmen mit Verweis auf die ausstehende Entscheidung des Bundeskartellamts am Freitag noch nicht im Detail bekanntgeben. Schon in der Vergangenheit hat XXXL Familienunternehmen wie Pallen übernommen, in der Regel ist der alte Name immer auch Bestandteil des neuen geworden. Demnach wäre es wahrscheinlich, dass aus der „Wohnwelt Pallen“ zukünftig „XXXL Pallen“ wird und nur Discounter Yesss einen vollständig neuen Namen erhält. Im Moment gilt als wahrscheinlich, dass die meisten der Pallen-Angestellten ihre Stellen behalten werden.

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