Aachen - Wohin entwickelt sich die Gesamtschule?

Wohin entwickelt sich die Gesamtschule?

Von: Thomas Vogel
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Plädieren für radikales Umdenken in Bildungsfragen: Prof. Gerald Hüther und Margret Rasfeld. Foto: Vogel
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Frontalunterricht, Klassenarbeiten, Degradierung des Schülers zum Objekt: Nach Prof. Gerald Hüther und Schulleiterin Margret Rasfeld grauenhafte Lernbedingungen für Kinder. Foto: imago/Emil Umdorf

Aachen. Alternative schulische Lernmethoden sind inzwischen keine Ausnahme mehr. Elemente wie kooperatives Lernen finden sich immer häufiger an Schulen. Es sind zaghafte Reaktionen auf die sich verändernden Anforderungen an Schüler und das schlechte Abschneiden Deutschlands im europäischen Bildungsvergleich – zu zaghaft zumindest, wenn es nach Margret Rasfeld geht.

Die Leiterin der 2006 gegründeten Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ), einer dreizügigen Gesamtschule, wünscht sich nicht weniger als die „Bildungsrevolution“, wie sie es nennt: kein Frontalunterricht mehr, keine Benotung und keine Sortierung der Schüler nach Leistungsfähigkeit.

Ein jahrgangsübergreifender Klassenverband von Beginn der Schulzeit bis zum Ende, in dem kein Kind mehr in Angst leben muss, aufgrund unzureichender Leistungen nicht in seiner Gruppe bleiben zu können – das hält sie für optimal. Aber: In Deutschland ist das derzeit nicht einmal in der Nähe des Machbaren. Rasfeld weiß das.

Lernen neu gedacht

Mit einer Roadshow der Initiative „Schule im Aufbruch“ ist sie durch Deutschland unterwegs, um gemeinsam mit Neurobiologe Prof. Gerald Hüther und einigen Schülern der ESBZ ein Lernmodell vorzustellen, wie es im 21. Jahrhundert aussehen könnte. Auf Einladung des Bildungswerks Aachen und des Bildungsbüros der Städteregion Aachen haben die Bildungsreisenden am Gymnasium in Würselen gastiert.

An ihrem Modell fallen die Projekte „Verantwortung“ und „Herausforderung“ besonders ins Auge. Damit will Rasfeld den Schülern Gelegenheit geben, „aus Erfahrungen und in der Welt zu lernen“. Die Aufgabe in „Verantwortung“: Schüler übernehmen eine Verpflichtung im Gemeinwesen – im Altenheim etwa.

Im Projekt „Herausforderung“ verlassen die Schüler ab Klasse 8 in Teams Berlin für drei Wochen. 150 Euro stehen den 13-, 14-Jährigen in dieser Zeit zur Verfügung. Die Aufgabe, etwas, das sie herausfordert, können sie frei wählen. Mit dem Geld können sich die Schüler keine Jugendherberge leisten, müssen also klingeln, ihre Dienste anbieten, fragen, ob sie einen Platz zum Übernachten bekommen, erklärt Rasfeld.

„Da erfahren sie plötzlich, wie freundlich die Menschen sind, und sie erfahren ihre Grenzen, vielleicht scheitern sie auch mal, aber können das produktiv wenden. Die Schüler sagen: ‚Da lerne ich mehr als in einem Jahr Unterricht‘.“ Eine Aufsichtsperson begleitet jedes Team, hält sich aber sehr im Hintergrund. „Wir leben jetzt in einer Gesellschaft von höher, schneller, weiter und Konkurrenz. Dieses Modell fährt volle Kanne vor die Wand – volle Kanne. Und wir gucken noch ziemlich zu“, echauffiert sich Rasfeld.

Das Interesse an Lehr- und Lernmodellen abseits des Mainstreams ist groß. Die jüngste Gesamtschule in Aachen, die vierte, orientiert sich am Berliner Modell und ist in dieser Hinsicht am weitesten in der Region. Unterrichtet wird in drei Bereichen: Lernbüro, Lernwerkstatt und Projekt. Lernbüros, in denen die Kinder sich im gesetzlichen Rahmen aussuchen dürfen, was sie gerade lernen möchten, werden durch Fachunterricht in den Hauptfächern strukturiert. In Lernwerkstätten werden Nebenfächer mit Praxisbezug unterrichtet.

Beispiel: In Technik geht es etwa um Fahrräder. Im Projekt werden am Tag der offenen Tür Reparaturen angeboten, Aufträge geschrieben und Rechnungen ausgestellt. In den Projekten sollen die Schüler an der Wirklichkeit lernen, ähnlich dem Fach „Herausforderung“, das in Aachen vorerst nicht umgesetzt wird. Das Fach „Verantwortung“ ist in Planung.

Schulen, die ausgetretene Bildungspfade verlassen, sind trotzdem an Schulgesetz und Ausbildungs- und Prüfungsordnung (APO) gebunden. Neben den festgelegten Regeln hat das Schulministerium aber auch erkannt: Heterogenität in der Schule ist wertvoll. Den Perspektivwechsel weg von Defizitorientierung (Was kann das Kind nicht?) hin zur Potenzial­orientierung (Wo liegen seine Stärken?) hat Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) deshalb angekündigt.

So steht in der APO, dass der Pflichtunterricht in Kern- und Ergänzungsstunden stattfindet. Letztere „dienen der differenzierten Förderung innerhalb des Klassenverbandes sowie in anderen Lerngruppen“. Die Angebote dürfen klassen- und jahrgangsübergreifend eingerichtet werden – wie Lernbüros. Versetzt werden Schüler in Gesamtschulen bis zur Klasse 9 automatisch.

Neurobiologe Hüther beschäftigt sich seit Jahren mit der Hirnentwicklung und dem Aufbau von neuronalen Netzwerken, die für Lernvorgänge unerlässlich sind. Soziale Kompetenz könne nur durch den Kontakt mit Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts aber auch Bildungsgrades entwickelt werden, sagt er. Mit Aussterben der Großfamilien sei im selektierenden Schulsystem dieser vielfältige Kontakt aber nicht mehr gegeben.

Wichtig: Lernfeuerwerke

Folge: Netzwerke, die nötig seien, um mit unterschiedlichen Menschen zurecht zu kommen, bildeten sich nicht mehr. Kinder orientieren sich stärker an Ähnlichen. Mit anderen – Migranten, Behinderten beispielsweise – kommen sie nicht mehr zurecht. Neurobiologisch sei zudem nachweisbar, dass man unter Druck nur eines lernen kann: wie man dem Druck entkommt. Das ist in Hüthers Augen die Erklärung, warum gemeinsamer, jahrgangsübergreifender und freier Unterricht von so großer Bedeutung ist.

Die eigentlichen Lernprozesse seien intrinsischer Natur, erklärt der Wissenschaftler. Bedeutet: Das Interesse, etwas zu lernen, kommt immer aus einem selbst heraus. Das sei jedem angeboren. Der Lernwille der Kinder steht für ihn an erster Stelle. Vor der Schule zündeten die Kinder jeden Tag 50 bis 100 Lernfeuerwerke im Gehirn, so Hüther. Bis zur vierten Klasse sei davon jedoch nichts mehr übrig – getilgt von Lernzwang und Lehrmethoden. Wie sein Idealbild einer Schule aussehe, sei die falsche Frage. Vielmehr müsse erkannt werden, was an den Schulen nicht herrschen dürfe: jene Methoden, die die Lust am Lernen erstickten.

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