Wo sich Hirsch und Adler Gute Nacht sagen

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Wildfreigehege und Greifvogels
Wildfreigehege und Greifvogelstation in Hellenthal wurden im September 1967 eröffnet. Nach mehr als 40 Jahren, die immer schwierig waren, steht die Anlage vor dem Aus. Im Wesentlichen deshalb, weil der Streit der Eigentümer deutliche Spuren auf der Anlage hinterlässt - und das Publikum wegzubleiben beginnt. Foto: Manfred Hilgers

Hellenthal. Dass im Wildgehege etwas nicht stimmt, merkt man sehr bald, aber es dauert ein bisschen, bis man darauf kommt, was es ist. Die Greifvögel schreien, doch das tun sie immer, die Ziegen betteln die Besucher routiniert um Nahrung an.

Das Bärengehege ist eine in Beton gegossene Schande, aber auch das ist nichts Neues. Neu ist, dass die Angestellten nicht mehr lächeln, die Tierpfleger zu Boden sehen und langjährige Mitarbeiter weinen, wenn sie abends im Bett liegen und vor lauter Sorgen um das Wildgehege nicht einschlafen können. Die Stimmung dieser Menschen liegt über dem Wildgehege wie eine schwarze Wolke, die sich nicht mehr vertreiben lässt.

Das Wildfreigehege und die Greifvogelstation in Hellenthal, die sich eine Anlage teilen, haben seit ihrer Gründung im September 1967 eigentlich immer Probleme gehabt, doch so schlimm wie jetzt war es noch nie. Die beiden Eigentümer des Wildgeheges, Marie-Theres und Wolfgang Fischer aus Roetgen-Rott, haben die beiden Eigentümer der Greifvogelstation, Ute Niesters und Karl Fischer aus Hellenthal, verklagt, die Sache ist inzwischen beim Oberlandesgericht in Köln. Am 13. Dezember ist der nächste Verhandlungstermin, und wenn der nicht zu einer Einigung der beiden Parteien führt, dann droht der gesamten Anlage der Tod. Ihr Sterben hat schon längst begonnen.

Worum es vordergründig geht, ist das: Mitte des Jahres hat Karl Fischer wieder mal ein zweites Kassenhaus vor das eigentliche Kassenhaus gesetzt, darin hat er Eintrittskarten für seinen Teil des Geländes verkauft, zu dem die Greifvogelstation gehört. Da er aber Wegerecht für die gesamte Anlage besitzt, auch für das Wildgehege der Fischers, konnte man mit einer Karte aus seinem Kassenhaus das ganze Gelände besuchen. Das Ehepaar Fischer hingegen hat keine Wegerechte in der Greifvogelstation. Wer an ihrem Kassenhaus eine Karte kaufte, konnte die Raubvögel und die Flugshow nicht sehen, die Hauptattraktion des Wildfreigeheges Hellenthal. Also kauften die Besucher überwiegend Karl Fischers Karten. Da ist das Ehepaar Fischer dann wieder einmal vor Gericht gezogen.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Marie-Theres Fischer hat bei Karl Fischer, mit dem sie nicht verwandt ist, um die Jahrtausendwende herum eine Ausbildung zur Falknerin gemacht und ehrenamtlich in seiner Greifvogelstation gearbeitet. Damals lebte Horst Niesters noch, der 2009 gestorbene Gründer von Wildgehege und Greifvogelstation. Sie sagt, es habe ihr viel Spaß gemacht, in Hellenthal zu arbeiten. Niesters, seiner Frau Ute und Karl Fischer gehörte die Greifvogelstation, das Wildgehege gehörte Manfred Kreer.

Als Kreer für sein Wildgehege einen Käufer suchte, fragten Niesters und Karl Fischer bei Marie-Theres Fischer an, ob sie und ihr Mann die Anlage nicht übernehmen wollten, das wäre doch toll. Marie-Theres Fischer sagt, Niesters und Karl Fischer hätten sie auf Knien angefleht. Karl Fischer sagt, er habe lediglich den Vorschlag gemacht.

Nachdem ein paar Details geklärt wurden, waren die Fischers aus Roetgen-Rott 2002 Eigentümer des Wildgeheges Hellenthal, der Kaufpreis lag im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich. Aus der ehrenamtlichen Falknerin Marie-Theres Fischer wurde eine gleichrangige Partnerin. Von da an ging es bergab, sagt Marie-Theres Fischer. Dasselbe sagt auch Karl Fischer. Damit enden die Gemeinsamkeiten in der Darstellung.

Macht, Geld, Eitelkeit

Schon bald nach der Geschäftsübernahme habe Karl Fischer begonnen, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, sagt Marie-Theres Fischer. Karl Fischer selbst sagt, Marie-Theres Fischer sei im Führen eines Wildgeheges nicht sehr erfahren, da habe er eben ein paar Ratschläge erteilen wollen. Jemand, der die Handelnden lange kennt, sagt, Karl Fischer halte generell wenig von Frauen in Führungspositionen, das sei Teil des Problems.

2006 erhöhten die Fischers den gemeinsamen Eintrittspreis von sieben auf acht Euro, sie sagten, anders könnten sie ihre Kosten nicht mehr decken. Karl Fischer sagt, die Preiserhöhung sei ohne sein Wissen und gegen seinen Willen erfolgt, am gemeinsamen Kassenhaus sei er eines morgens vor vollendete Tatsachen gestellt worden. 2007 kam es in dieser Sache zum ersten Prozess. Der Eintrittspreis blieb bei acht Euro.

Karl Fischer war und blieb der Ansicht, dass das Ehepaar Fischer mit dem Wildgehege genug verdiene, um endlich zu investieren. Für Zoos, Tierparks und Gehege gibt es nichts Schlimmeres, als wenn immer alles gleich bleibt. Die Fischers sehen das bis heute anders. Das Bärengehege, nur ein Beispiel: Dass die Betongrube, in der die Bären traurig hin- und hergehen, keine Werbung für das Gehege ist, sieht Marie-Theres Fischer selbst so. Aber sie sagt, ein Umbau wolle gut geplant sein und koste 150 000 Euro. Ihr Mann ist im Finanzwesen tätig, er kennt sich mit Zahlen aus. So lange sie aber mit Ute Niesters und Karl Fischer streite und die Zukunft der Anlage offen sei, könne sie unmöglich derartige Summen investieren.

Bei Karl Fischer ist es eher so: Würde ihm das Bärengehege gehören, würde er sich eine Schaufel nehmen, ein paar Bekannte anrufen und mit dem Umbau beginnen. Mit langen Plänen, Kostenvoranschlägen oder steuerlichen Absetzungsmöglichkeiten braucht ihm niemand zu kommen. Fischer ist ein Macher, kein Planer.

2008 machte er das erste Mal ein eigenes Kassenhaus auf, es stand vor dem der Fischers. 2009 erwirkte das Ehepaar Fischer eine gerichtliche Verfügung, dass er dies künftig zu unterlassen habe.

Die Auseinandersetzung der beiden Parteien geht längst nicht mehr um eine Sache, über die sich diskutieren und auch streiten ließe. Es geht um Macht, verletzte Eitelkeiten, natürlich um Geld. Die Auseinandersetzung findet fast nur noch auf einer emotionalen Ebene statt, nicht auf einer sachlichen. Der eine wünscht dem anderen die Pest an den Hals, deswegen wird wohl kein Gericht der Welt zu einer Einigung beitragen können.

Ein anderes Problem in dem Streit der Parteien ist, dass Horst Niesters und Karl Fischer in vielen verschiedenen Eigentümerkonstellationen das Gehege seit den 70er Jahren mehr oder weniger immer so geführt haben, wie es ihnen passte, mit Formalitäten brauchten sie sich nie groß aufzuhalten. Das machte das Gehege zu dem, was es ist, zu einer Institution, aber es sorgte auch für Probleme.

Karl Fischers großer Vorteil gegenüber dem Ehepaar Fischer ist, dass er kein Gehege braucht, um mit seinen Greifvögeln Geld zu verdienen. Seine Flugshows werden in ganz Deutschland gebucht, immer wieder werden seine Vögel in Filmen, Serien oder Shows eingesetzt. Die Einkünfte aus dem Gehege sind ein nettes Zubrot, brauchen tut er sie nicht. Deswegen kann es ihm auch gleich sein, dass vergangenes Jahr nur noch 80.000 Menschen nach Hellenthal gekommen sind, das Publikum merkt ja, dass etwas nicht stimmt. In den goldenen Zeiten, in den 70ern, kamen mal 380.000 Besucher in einem Jahr. 2002, als das Ehepaar Fischer einstieg, waren es immerhin noch 120.000.

Sollte es, wie alle Beteiligten erwarten, am 13. Dezember nicht zu einer Einigung vor dem Oberlandesgericht kommen, würden im Frühjahr wohl die Rechte derjenigen Wege innerhalb der Anlage versteigert, die beiden Parteien gehören. Marie-Theres Fischer befürchtet, wahrscheinlich zurecht, dass ihr und ihren Mitarbeitern der Zugang zu ihren Tieren versperrt würde, sollten Ute Niesters und Karl Fischer den Zuschlag erhalten. Alles, was die Fischers bei der Ersteigerung gewinnen könnten, wäre die Aufrechterhaltung des Status Quo, den Marie-Theres Fischer als „Alptraum” bezeichnet.

Verhandlungen über einen Verkauf scheiterten bislang an den dramatisch voneinander abweichenden Preisvorstellungen beider Parteien. Die Fischers hätten gern, was sie damals bezahlt haben. Karl Fischer will eine Viertelmillion Euro weniger bezahlen.

Marie-Theres Fischer sagt: „Das nimmt ein böses Ende.”

Karl Fischer sagt: „Warten wir mal ab.”

Und Ute Niesters sagt: „Es wird eine Lösung geben, verlassen Sie sich darauf. Die Anlage wird in jedem Fall fortbestehen.”

Schon weil es der Wille ihres Mannes war.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert