Aachen - Wissenschaftlerin: Kinder aus armen Familien haben wenig Chancen

Wissenschaftlerin: Kinder aus armen Familien haben wenig Chancen

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
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Arbeitete mit am Kinderreport: Nadia Kutscher.

Aachen. Ganz am Anfang schon abgehängt: Welche Chancen ein Kind im Leben hat, hängt davon ab, in welche Familie es hineingeboren wird. Diese ernüchternde Bilanz zieht Prof. Nadia Kutscher, Erziehungswissenschaftlerin an der Katholischen Hochschule Aachen.

Kutscher hat mitgearbeitet am „Kinderreport 2010”, den das Deutsche Kinderhilfswerk am Mittwoch in Berlin vorstellte. Ungleichheit fange früh an in Deutschland, erklärt die Wissenschaftlerin. „Die Lebensbedingungen von Familien entscheiden, wie Kinder später leben.” Das Mittelschichtkind geht zum Sport und lernt ein Instrument. Seine Eltern fördern es nach Kräften, und sein Terminkalender ist eher zu voll.

Das Mittelschichtkind lernt in seinem Alltag ganz nebenbei Dinge, die später in der Schule wichtig sind. „Zeitmanagement zum Beispiel”, sagt Kutscher. Das Mittelschichtkind lernt auch, mit seinen Eltern zu verhandeln und für seine Rechte einzustehen.

In sozial benachteiligten Familien laufe das meist ganz anders, erklärt die Wissenschaftlerin. Haben Eltern wenig Geld, dann sind musikalische Früherziehung und teure Sportklamotten oft nicht drin. „In diesen Familien gibt es weniger Zeitdruck für die Kinder, weil sie nicht so viel durch die Gegend gekarrt werden”, erklärt Kutscher. „Aber diese Kinder bekommen auch nicht so viel Förderung.”

Alleine mit den Hausaufgaben

Auch ein niedriger Bildungshintergrund von Eltern wirkt sich aus. Väter und Mütter, die selbst kaum Büchern lesen, können ihre Kinder nur schwer an gute Kinderbücher heranführen. Und Eltern, die selbst eine „eingeschränkte Bildungsbiografie” haben, können ihren Kindern nicht so zur Seite stehen, wenn die Hausaufgaben zu erledigen sind. Das aber verlangt die Schule irgendwann.

Eine Familie, die von Hartz IV lebt, vermittele ihren Kindern andere Kompetenzen als eine Familie, die einigermaßen gut gestellt ist, führt Kutscher aus. Was Kinder in sozial benachteiligten Familien lernen, sei oft nicht das, was eine eher mittelschichtsorientierte und arbeitsmarktfixierte Gesellschaft erwartet. Die Bildungsleistung der Eltern werde viel zu wenig anerkannt.

Eltern erfahren früh, dass das, was sie ihren Kindern mit auf den Weg geben, nicht wirklich zählt für eine erfolgreiche Schullaufbahn. „Eltern und Kinder in sozial benachteiligten Lebenslagen wissen, dass sie wenig Chancen auf Teilhabe haben”, fasst Kutscher zusammen. „Kinder haben keine Chance, weil sie am falschen Ende der Gesellschaft geboren sind.” Dabei müssten gerade Familien aus sozial benachteiligten Milieus heute enorm viel leisten, um ihre Kinder großzuziehen.

Im Kinderreport rät die Aachener Erziehungswissenschaftlerin deshalb dringend, Familien mehr zu unterstützen und zu entlasten. „Denn ohne die Familien geht es nicht.” Sonst hätten Kinder nur die bittere Alternative, zu resignieren oder sich von ihrer Familie zu distanzieren. Schlüsselfrage aus Sicht der Wissenschaftlerin ist allerdings: Wie muss die Hilfe aussehen, damit sie angenommen wird und Chancen wirklich verbessert? Viele Kursangebote, zum Beispiel in der Elternbildung, sprechen eher Mittelschicht-Eltern an, weiß Kutscher. Das hat auch damit zu tun, dass Kurse Geld kosten. Kutscher fordert deshalb vor allem „offene Strukturen”, die auf die Familien zugehen.

Erfolgversprechende Ansätze gebe es durchaus: Müttercafés etwa, in denen Mütter miteinander ins Gespräch kommen und Ansprechpartner finden. Auch der Umbau der Kindertagesstätten zu Familienzentren sei durchaus ein Schritt in die richtige Richtung, so Kutscher. „Eltern müssen das Gefühl haben, hier sind wir nicht völlig falsch. Sie brauchen dann aber auch über längere Zeiträume verlässliche Ansprechpartner.”

Wie „Frühe Hilfen” Familien positiv begleiten können, dafür gibt es aus Kutschers Sicht vor allem anderswo in Europa, etwa in Finnland, tolle Beispiele. Auch Begrüßungspakete für Neugeborene könnten helfen, sagt die Wissenschaftlerin. „Aber solche Pakete dürfen nicht mit Papier überfrachtet sein und nicht überwiegend aus Broschüren bestehen.”

Mehr Schulsozialarbeit

Und die Schulen? „An den Schulen brauchen wir auch ausreichend Menschen, die nicht Noten verteilen”, sagt Nadia Kutscher. „Wir brauchen Schulsozialarbeiter, die vermitteln zwischen Schule und Familie.” Viele sozial benachteiligte Eltern brauchten eine ganz enge, alltagsbezogene Begleitung. Nur so könne das, was die Familien ihren Kindern mitgeben, sich mit dem ergänzen, was die Schule verlangt. Neulich hörte Nadia Kutscher im Bus, wie sich zwei Schülerinnen unterhielten. „Nach der Hauptschule finde ich sowieso keine richtige Arbeit”, sagte eines der Mädchen. Auch deshalb sagt die Erziehungswissenschaftlerin im Kinderreport 2010: Es muss dringend was passieren!
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