Wissenschaftler, Zeitzeuge und Schriftsteller: Andreas Ploeger

Von: Sabine Kroy
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Im Juni erscheint sein neues Buch: Mit dem Werk „Gewalt und Gehorsam. Die Dominanz des Machterlebens der Deutschen unter Hitler – Ein Buch gegen den Krieg“ möchte Andreas Ploeger mahnen, wachrütteln und erinnern. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Man kann zweifelsohne behaupten, dass Andreas Ploeger ein außergewöhnlicher Mensch ist. Es ist nicht allein sein Alter, das ihn zu einer Besonderheit macht, obwohl wenige 90-Jährige über einen Geistes- und Gesundheitszustand verfügen, den man eher 20 bis 25 Jahre früher vermuten würde.

Es ist auch nicht allein seine Agilität, die ihn bis ins hohe Alter in der eigenen Psychotherapie-Praxis arbeiten lässt. Ebenso wenig ist es nur sein Interesse an der Geschichte, das sich soeben wieder in einem Werk über das Dritte Reich manifestiert.

Selbst seine Opferbetreuung nach weltweit aufsehenerregenden Katastrophen oder Terrorakten wie dem Grubenunglück von Lengede oder der Flugzeugentführung der deutschen Lufthansa-Maschine Landshut reicht für dieses Charakteristikum noch nicht aus. Es ist eher die Summe aus alledem, als Zeitzeuge von fast einem Jahrhundert und als Experte von über einem halben Jahrhundert auf dem Gebiet der menschlichen Seele, das ihn auszeichnet. Vor über 60 Jahren legte der Aachener sein Diplom in Psychologie ab – und kann damit auf eine Erfahrung zurückgreifen, die deutschlandweit wohl kein zweites Mal zu finden ist.

Professor Ploeger, blicken wir auf das Jahr 1956, in dem Sie, schon Arzt im Universitätsklinikum München, Ihr Psychologieexamen abgelegt haben. Wie war die Gesellschaft damals gegenüber dieser Fachrichtung eingestellt?

Ploeger: Die Gesellschaft war vollkommen aufgeschlossen, aber noch wenig informiert. Immer noch stand die große Frage, das große Trauma im Raum: Wie konnte ein ganzes Volk einem Wahnsinnigen hinterherrennen? Man akzeptierte die Fachrichtung, aber man kannte sie als Wissenschaft noch nicht. In dieser Zeit war das ganze deutsche Volk beeinträchtigt: Jede Familie hatte Verluste, Tote oder Vermisste zu beklagen.

Trotz der zurückgekehrten Soldaten, die schreckliche und grausame Bilder zu verarbeiten hatten, tauchte der Begriff „Trauma“ damals nicht auf.

Ploeger: Die Familien stabilisierten sich stark innerfamiliär – nicht selten zulasten der nächsten Generation. Man hat es einfach ausagiert: Da gab es die schreiende, schlagende Mutter, da gab es den Vater, der sich zurückgezogen hat und nicht präsent war. Denken Sie nur an die Verlassenheit, die die Kinder im Krieg erlebt haben. So wurden die Traumata in die nächste Generation weitergegeben. Es herrschte der unbedingte Wille vor, nach vorne zu blicken.

Das heißt, die Menschen suchten sich keine Hilfe für ihre seelischen Probleme?

Ploeger: Zunächst nicht. Es galt auch in der Wissenschaft die Annahme, dass eine psychische Belastung einen Betroffenen maximal nur ein Jahr verändern kann – danach nicht mehr. Das änderte sich erst durch das Bundesentschädigungsgesetz 1956. Damit wurden Opfer anerkannt, wenn sie durch die Verfolgung des Hitler-Regimes körperlichen und seelischen Schaden erlitten.

Heute ist es nicht unüblich, zur Therapiesitzung zu gehen. Die Krankheit „Burnout“ beispielsweise ist gesellschaftlich durchaus akzeptiert. Können Sie einen Zeitpunkt des Wandels benennen, eine Art Umbruch oder Öffnung in der Gesellschaft gegenüber der Psychotherapie?

Ploeger: Ich denke, da trügt der Schein. Es gab keinen Umbruch. Psychotherapie wurde allmählich immer mehr akzeptiert, noch heute gibt es Vorbehalte. Die Diagnose „Burnout“, die medizinisch gesehen eine Zusatzdiagnose zu einer Depression oder einer Angststörung beschreibt, wird heute gesellschaftlich akzeptiert. Sie betrifft meist Menschen, die durch Arbeit oder zwischenmenschliche Probleme überlastet sind. Der Alltag mit seinen Aufgaben und Anforderungen wird eben immer dichter.

Ihr Buch über die tiefenpsychologische Dramatherapie, eine psychodynamische Gruppentherapie, beruht – so kann man schon sagen – auf einem Novum in der deutschen Geschichte der Psychotherapie.

Ploeger: Mir bot sich im Jahr 1963 die einmalige Möglichkeit, mit den Überlebenden des Grubenunglücks von Lengede zu arbeiten. So etwas gab es zuvor nur mit Nazi-Opfern. Von 21 verschütteten Bergleuten überlebten elf. Ich konnte mit jedem Einzelnen intensive Interviews führen – weil ich im Gegensatz zu Hunderten Journalisten aus aller Welt Zugang zu den Geretteten erhielt. Die Therapie dieser Bergleute erbrachte neben erstmaligen Erkenntnissen zur Angstabwehr in extremen Belastungssituationen wie dieser zehntägigen Verschüttung eine zuvor unbekannte Umkehr des normalen Zeiterlebens und außerdem Erkenntnisse über die Gruppendynamik in einer solchen extremen Belastung.

Gibt es weitere Beispiele, bei denen Sie Menschen, deren Leben bedroht war, geholfen haben?

Ploeger: Nach der Entführung der deutschen Lufthansa-Maschine Landshut im Jahr 1977, die letztlich in Mogadischu zu Ende ging, bin ich im Auftrag der Bundesregierung tätig geworden. Vier Palästinenser wollten RAF-Häftlinge befreien und brachten die Maschine mit 84 Insassen, die sich auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt befand, in ihre Gewalt. Ich bekam vom Bundeskriminalamt die Liste mit den 65 deutschsprachigen Insassen, von denen ich dann mit 53 therapeutische Gespräche führte. Das Interessante war: Nicht alle empfanden diese Erfahrung als negativ. Manche sprachen sogar von einer Neugeburt. Als Therapeut involviert war ich auch, als ein 62-jähriger Bankräuber 1994 die Sparkasse in Herzogenrath überfallen hatte sowie bei einem gleichartigen Geschehen in einer Sparkassenfiliale bei Düren.

Geiselnahmen, Entführungen, Morde, gefühlt haben schrecklichen Taten zugenommen, man denke nur an das Ehepaar in Höxter, das Frauen in seinem Haus gequält hat, oder an den ermordeten neujährigen Jungen in Herne. Ist das so?

Ploeger: Die Fälle gab es auch vor mehr als 50 Jahren, aber sie wurden nicht derart beachtet wie heute. Die Gefängnisse waren nicht leerer, aber andere Aufgaben waren nach dem Krieg wichtiger. In dem Zusammenhang sind auch die Medien und der Informationsfluss gefragt. Denn die Gewalttäter erhalten eine mediale Inszenierung, wie es sie früher nicht gab. Auch das kann sie motivieren.

Was war früher anders in der Gesellschaft?

Ploeger: Die Menschen individualisieren sich immer mehr. Kommunikation und Hilfsbereitschaft nehmen ab. Die Ich-Bezogenheit nimmt zu, gruppenbezogene Werte nehmen ab. Und Ich-Bezogenheit schürt immer Missgunst und Gier. Und sie verunsichert, weil das soziale Netz fehlt.

Lässt sich so auch der Erfolg der AfD erklären?

Ploeger: Absolut. Die AfD ist wie die NPD ein Rückfall in die Mentalität der Nazi-Zeit. Es ist die Sehnsucht nach dem Führer, nach einem autoritären Charakter. Die Menschen werden dann motiviert durch irrationale Parolen. Die so verunsicherten Menschen folgen der Macht. Sie verlieren eigene Initiativen und werden zur „Masse – wie unter Hitler geschehen...

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