Wird Nicola Baumann die erste deutsche Astronautin?

Von: Madeleine Gullert
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Sie will die erste deutsche Frau auf der Raumstation ISS sein: Die in Nörvenich stationierte Bundeswehrpilotin Nicola Baumann ist eine von sechs Bewerberinnen, und findet sich selbst gar nicht besonders mutig. Foto: Luftwaffe

Nörvenich. Nicola Baumann ist eine von sechs Frauen, die die erste deutsche Astronautin werden könnte. Die 32-jährige gebürtige Münchnerin ist Eurofighter-Pilotin bei der Bundeswehr am Standort Nörvenich. Seit zwei Jahren lebt sie im Rheinland und fühlt sich dort wohl – trotzdem zieht es sie ins All.

Am Mittwoch erfährt Baumann, ob sie sich in der Endauswahl gegen die andere Kandidatinnen behaupten kann. Ziel des privat finanzierten Projekts ist es, neben der traditionellen Astronauten-Ausbildung über die Europäische Weltraumorganisation Esa die erste deutsche Frau für einen Einsatz auf der Internationalen Raumstation ISS zu trainieren. Zunächst werden zwei von sechs Bewerberinnen ausgewählt.

Frau Baumann, Sie würden gern ins All fliegen und sind Eurofighter-Pilotin. Halten Sie sich für wagemutig?

Baumann: (lacht) Nein, das wäre aber auch das falsche Profil, wenn man Eurofighter-Pilotin werden will – und auch für Menschen, die mit einer Rakete ins Weltall fliegen möchten. Das kostet schließlich alles viel Geld und Menschen arbeiten daran. Wagemutig zu sein, wäre da sicher falsch.

Aber mutig schon?

Baumann: Auch nicht unbedingt. Menschen, die mit meinem Job keine Berührungspunkte haben, empfinden ihn vielleicht als mutig. Aber wir durchlaufen eine lange intensive Ausbildung, in der es nie darum geht, im übertragenen Sinne, springen zu müssen. Man macht nur das, wozu man bereit ist und worauf man vorbereitet wurde. Vielleicht bin ich etwas abenteuerlustiger als der gefühlte Durchschnitt.

Wollten Sie schon immer fliegen?

Baumann: Ja, als kleines Mädchen habe ich schon mit Flugzeugen gespielt und war technisch interessiert. Es gibt Piloten, die wirklich immer nur fliegen wollen und für die es keinen anderen Weg zum Glück gegeben hätte. Das war bei mir nicht ganz so. Ich hatte immer schon auch viele andere Interessen.

Was hätten Sie denn sonst gemacht?

Baumann: Ich hätte wohl Physik studiert, wahrscheinlich wäre ich in Richtung Astrophysik gegangen, eben weil mich die Planeten, die Sterne und die Entstehung des Weltalls interessieren.

Und was führte Sie dann zur Bundeswehr?

Baumann: Dieser Plan wurde konkreter, als ich kurz vor dem Abitur stand. Ich wollte wenigstens mal die Aufnahmetests für Piloten machen, bevor ich mich an einer Uni einschreibe. Ich hätte nicht unbedingt gedacht, dass ich es schaffe, aber ich wollte es wenigstens versuchen. Bei der Bundeswehr waren alle sehr nett, und mir sind die Tests leicht gefallen. Ein Anreiz war damals auch, dass drei Tests über je eine Woche liefen, wofür es schulfrei gab. (lacht)

Das ist ja auch schon mal nett ...

Baumann: Ja, das fand ich damals natürlich super. Ich habe mich aber tatsächlich gut auf die Tests vorbereitet und wurde überraschenderweise genommen.

Sie müssen oft als Beispiel für eine Frau in einem Männerberuf herhalten. Gefällt Ihnen diese Rolle?

Baumann: Ich habe mich mit dieser Rolle über die Jahre angefreundet. Am Anfang fand ich es sehr anstrengend. Ich fände es schön, wenn es darüber keine Diskussion mehr gäbe. Ich bin immer von außen damit konfrontiert worden, deshalb habe ich mich mit der Frauenthematik beschäftigt und sehe ein, dass es in manchen Bereichen Nachholbedarf gibt.

Wo denn zum Beispiel?

Baumann: Im Prinzip in den Köpfen der Menschen – ganz allgemein, das ist nicht auf die Bundeswehr bezogen. Bei den Frauen selbst gibt es auch Nachholbedarf, sie sollten sich mehr zutrauen. In Deutschland herrscht Chancengleichheit. Ich kann als Mann oder Frau alles studieren und jede berufliche Laufbahn einschlagen. Aber es scheitert anscheinend noch an der Bereitschaft, das auch umzusetzen.

Frauen hinken bei den mathematisch-technischen Fächern hinterher. Wurden Sie in diese Richtung erzogen?

Baumann: Ja, das hat sicher viel mit Erziehung zu tun. Bei mir zu Hause war es beispielsweise nie Konsens, dass Mädchen eben schlechter in Mathe sein können. Wenn es einem schwer fällt, übt man und dann klappt es auch – das war eher die Herangehensweise in meiner Familie. Wenn eine Zehnjährige nach Hause kommt und sagt, dass sie Mathe nicht kapiert hat, wird das einfach akzeptiert. Dabei geht diese Negativprägung gerade in unserer hochtechnologisierten Gesellschaft eigentlich nicht. Die führt dazu, dass insbesondere Frauen schon früh in eine andere Richtung gehen. Das ist schade, denn mehr Frauen in den technischen Bereichen könnten auch Probleme wie etwa den Ingenieursmangel lösen. Und außerdem wäre es ein Mittel gegen die kritisierte ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Ich werde selbstverständlich so bezahlt wie die männlichen Kollegen. Das gilt auch für andere technische Berufe.

Sind es die Frauen also selbst schuld?

Baumann: Das kann und will ich so nicht sagen. Es ist einfach ein Zusammenspiel von vielen Dingen.

Hatten Sie denn starke Frauen als Vorbilder?

Baumann: Ich habe in meinem Umfeld starke, selbstbewusste Frauen gehabt – genauso wie Männer. Bei uns wurde nie ein Unterschied gemacht. Als ich mich bei der Bundeswehr beworben habe, und alle sagten, dass das doch ein Männerverein ist, habe ich mich überhaupt erst mit der Thematik beschäftigt.

Und, ist es ein Männerverein?

Baumann: Selbstverständlich sind hier deutlich mehr Männer als Frauen. Mir gefällt es aber ganz gut.

Aber Sie mussten sich die Frage gefallen lassen, ob Sie denn überhaupt rückwärts einparken können.

Baumann: Ja. (lacht) Das war beim Einstellungstest. Im normalen täglichen Dienst passiert so etwas nicht. Also wir machen schon Witze, aber die gehen in jede Richtung. Humor schadet im Arbeitsalltag und auch sonst nie.

Ihren neuen Arbeitsalltag würden Sie gern ins All verlegen. Haben Sie da keine Angst?

Baumann: Nein, ich würde gern unbekannte Gebiete erforschen. Und der Schritt vom Eurofighter in die Rakete ist nicht mehr ganz so groß, wie der Schritt vom Fußgänger zum Astronauten.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, ausgewählt zu werden?

Baumann: Wir sind sechs und zwei werden gewählt. Also stehen meine Chancen bei 33,3 Prozent.

Das ist die Antwort einer Mathematikerin.

Baumann: Ja, so würde ich es auf jeden Fall sehen. Das sind sechs tolle, qualifizierte Frauen. Ich würde es mir selbst natürlich gönnen, den anderen aber auch. Schauen wir mal, wer am Ende das nötige Glück hat.

Sie glauben als so rational denkender Mensch an Glück?

Baumann: Ich weiß zumindest, dass ich es jetzt nicht mehr in der Hand habe. Wir haben alle die Auswahltests und die medizinische Eignung bestanden. Wir werden sehen, für wen sich die Auswahlkommission am Ende entscheidet.

Und Ihre Familie fiebert mit Ihnen oder würden die Sie lieber auf der Erde behalten?

Baumann: Die sehen es ziemlich lässig. Die Aussicht, eine Astronautin in der eigenen Familie zu haben, ist für die aufregend. Da überwiegt klar die Freude vor der Sorge – wenn es denn klappt. Die wissen außerdem, dass wir gut vorbereitet werden.

Und wenn es nicht klappt?

Baumann: Ich habe ja einen tollen Job bei der Bundeswehr, den ich gerne mache. Außerdem bin ich gerade 32 geworden und denke, dass ich sicher noch zehn Jahre habe, in denen ich mich noch bei verschiedenen Programmen bewerben kann. Es gibt im Leben viele Wege zum Glück.

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