Wird die Rechtsmedizin in Deutschland totgespart?

Von: Elisa Zander
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Prof. Karl-Friedrich Boerne ermittelt: In TV-Serien wie dem „Tatort“ aus Münster spielen Rechtsmediziner die Hauptrolle. In der Realität ist der Alltag zwar auch spannend, sieht aber deutlich anders aus. Foto: WDR/Thomas Kost, stock/Chromorange, dpa, privat
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Die Begutachtung von misshandelten Kindern gehört ebenfalls zu den Aufgabenbereichen von Rechtsmedizinern.
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Leitet seit zwölf Jahren das Institut für Rechtsmedizin der Uni-Klinik Köln: Markus Rothschild.

Aachen/Köln. Serien um Gerichtsmediziner sind im Fernsehen beliebt. Viele amerikanische Produktionen bestimmen das abendliche Programm hierzulande. Auch der Tatort Münster um den Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) spielt stets gute Quoten ein. Eines haben die Formate gemeinsam: Oft spielen die Rechtsmediziner die entscheidende Rolle zur Aufklärung eines Verbrechens.

Doch während im Fernsehen die Serien um Gerichtsmediziner ungebrochen populär sind, werden in der Realität viele Institute für Rechtsmedizin geschlossen. Meistens aus Kostengründen. So war es auch in Aachen vor vielen Jahren. Zum 31. Dezember 2001 schloss die Rechtsmedizin am Uni-Klinikum. Seither übernimmt die Abteilung der Uni-Klinik Köln die rechtsmedizinische Versorgung für den Aachener Raum – einschließlich der Lehre für die Studenten der RWTH Aachen.

Kein Bezug zur Realität

Als „irrwitzig“ hatte der damalige Aachener Oberstaatsanwalt Albert Balke dieses Konstrukt bezeichnet, das von „Realitätssinn nichts an sich“ habe. Mittlerweile ist die Zusammenarbeit zwischen der Aachener Staatsanwaltschaft und dem Kölner Institut Normalität.

„Klar merkt man den Unterschied“, sagt der Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft Jost Schützeberg. „Es ist mit viel mehr Aufwand verbunden.“ Obduktionstermine werden abgestimmt, liegen meist im Vormittagsbereich. Ein Staatsanwalt aus Aachen fährt dann nach Köln und wohnt der Obduktion bei – unabhängig davon, wie lange das dauert. „Das können mehrere Stunden sein oder auch der ganze Tag.“ Gepaart mit der langen Fahrtzeit – die Rechtsmedizin liegt in der Kölner Innenstadt am Melatengürtel – „kann es sein, dass der betreffende Staatsanwalt den ganzen Tag außer Haus ist“.

Gibt es beispielsweise in Monschau, in der Nähe der belgischen Grenze, Ermittlungen im Rahmen eines Tötungsdelikts, muss die Leiche über 100 Kilometer transportiert werden. Das kostet, dauert und hat unter Umständen den Verlust von wichtigen Spuren an der Leiche zur Folge, so die damaligen Befürchtungen.

Der frühere Aachener Oberstaatsanwalt Balke hatte seinerzeit beklagt, dass etwa durch Hitze in den nicht gekühlten Leichenwagen „wichtige Anhaltspunkte oder gar Beweise verfälscht“ würden. Hat sich diese Befürchtung bewahrheitet? „Wir haben wenig Alternativen“, sagt Schützeberg. „Es gibt nur Köln.“ Allerdings sei man mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden. „Dort arbeiten sehr anerkannte Rechtsmediziner, mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten.“

Bei jedem ungeklärten Todesfall, also dann, wenn der anwesende Notarzt nicht direkt die Todesursache feststellen kann, wird die Polizei hinzugezogen. Sie führt eine Leichenschau durch und entscheidet schließlich, ob obduziert wird. Die Staatsanwaltschaft wird erst hinzugezogen, wenn die äußere Leichenschau ergibt, dass ein Kapitalverbrechen vorliegt.

Zahl der Obduktionen steigt

251 Obduktionen gab es für den Aachener Raum im Jahr 2012. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Waren es 2009 noch 144 Obduktionen, kam man 2010 auf 178 und 2011 schließlich auf 200. Erklären kann Schützeberg diesen Anstieg nicht. Im Schnitt werde in jedem dritten Fall eine Obduktion angeordnet. „Es gibt auch zahlreiche Fälle, in denen erst durch die Obduktion Kapitalverbrechen aufgedeckt wurden.“

Vor zwölf Jahren wurden noch sämtliche Leichen in die Aachener Rechtsmedizin gebracht. Die Experten nahmen dort letzte Untersuchungen vor. „Dieser Zwischenschritt als Prüfstufe entfällt jetzt“, erklärt Schützeberg. Entweder werde ein Fremdverschulden erkannt, oder nicht. Hat man da nicht Angst, dass etwas übersehen werden könnte? „Die Befürchtung ist natürlich da“, lenkt Schützeberg ein. „Aber das relativiert sich mit der Zahl der steigenden Obduktionen.“

Dass die Rechtsmedizin in Aachen seinerzeit schließen musste, geht auf den Rotstift zurück, den die damalige Landesregierung zwecks Sparmaßnahmen bei den Universitäten ansetzte. Mit zu hohen Kosten und der anstehenden Pensionierung des damaligen Leiters wurde die Zusammenlegung gerechtfertigt.

Ob sich die Maßnahme rechnet, ist zumindest fraglich. Schließlich erzeugen Fahrten der Dezernenten und der Leichentransport, den ein Beerdigungsunternehmen vornehmen muss, Kosten. Die übernimmt entweder die Polizei oder – im Rahmen eines Verfahrens – die Staatsanwaltschaft.

Umstellung als Herausforderung

Die Umstellung seinerzeit stellte auch die Kölner Abteilung vor Herausforderungen. Zwei ärztliche Mitarbeiter wurden damals aus Aachen übernommen – mehr nicht. „Das war am Anfang ausgesprochen schwierig“, erinnert sich der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Köln, Markus Rothschild. „Das war nur zu meistern durch den persönlichen Einsatz aller Mitarbeiter.“

Er übernahm 2002 die Professur in Köln. Mit seiner Berufung erfolgte die Übernahme der rechtsmedizinischen Versorgungsaufnahmen aus dem Aachener Raum einschließlich der Lehre für die Studenten der RWTH Aachen. „Das war von vornherein Bedingung. Das Ministerium erwartete, dass ich den Aachener Raum mit übernehme, wenn ich die Stelle antrete.“

Bei der Bearbeitung der Fälle aus Aachen und Köln machen die Experten keine Unterschiede. Das grundsätzliche Problem liegt für Rothschild an anderer Stelle: „Wir sind nicht in der räumlichen Nähe zu Aachen.“ Das äußert sich darin, dass „wir von Seiten der Aachener Polizei seltener in Anspruch genommen werden, wenn es um die Untersuchung von Opfern oder des Leichenfundortes geht“. In Köln werde das Team häufiger hinzugezogen. „Die Polizei hat oft nicht die Zeit und die Mitarbeiter, um ein oder eineinhalb Stunden auf uns zu warten.“

Noch deutlicher zeigt sich die Diskrepanz bei der Untersuchung der Opfer. Während seitens der Kölner ein bis zwei pro Tag untersucht werden, gibt es aus Aachen nur „ganz selten“ eine Anfrage. Für Rothschild ein alarmierender Trend: Denn wird ein Opfer im Krankenhaus oder einer Praxis auf Verletzungen hin untersucht, stützt sich die Dokumentation des Arztes lediglich auf die Verletzungen, die behandelt werden. Eine Dokumentation mit Sicht auf eine mögliche Gerichtsverhandlung wird nicht erstellt.

Das kann dazu führen, dass Befunde – etwa Kratzer, Unterblutungen und Hautabschürfungen – die nicht behandelt werden, auch nicht dokumentiert werden. „Die könnten aber Aufschluss über den Tathergang geben.“ Werden diese nicht aufgeführt, kann das vor Gericht ein Problem sein, wenn es um die Klärung der Tat geht.

Rechtsmediziner hingegen sorgen für gerichtsfeste Beweise bei Gewaltdelikten wie einer Vergewaltigung und Kindesmisshandlungen. Während so mancher Haus- oder Kinderarzt die Lüge vom Sturz aus dem Kinderstuhl glaubt, kann ein Rechtsmediziner die Spuren der Gewalt lesen.

Bei Obduktionen zeichnet sich ein gegenteiliger Trend ab. „Die Aachener Staatsanwaltschaft ist extrem wach“, ist Rothschilds Eindruck. „Wir bekommen von dort teilweise Fälle, die Köln uns nicht übergibt – trotz der Nähe.“ Im Schnitt ordne die Staatsanwaltschaft Aachen doppelt so viele Untersuchungen an – „mit teilweise überraschenden Ergebnissen“.

Vergiftetes Kind aus Aachen

Rothschild erinnert sich an den Fall der 29-jährigen Cindy C., deren zweijährige Tochter im August 2013 an einer Überdosis Methadon starb. Mittlerweile ist die zweifache Mutter zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Kind war in der 22. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen, lag lange im Krankenhaus, entwickelte sich aber gut.

Als sie unter Reanimationsbedingungen zurück in die Klinik musste und dort starb, empfanden sowohl die Ärzte als auch die Staatsanwaltschaft das als merkwürdig, erinnert sich Rothschild. Das Mädchen kam also zur Untersuchung in die Rechtsmedizin nach Köln. Die Ärzte kommen zu dem Ergebnis, dass das Mädchen an einer Überdosis Methadon starb, einem Beruhigungs- und Drogenersatzstoff.

Fälle wie dieser zeigen, dass der geschulte Blick von Rechtsmedizinern helfen kann, Tötungsdelikte aufzudecken und, – wenn es wie hier im Fall Geschwisterkinder gibt – möglicherweise auch weitere Delikte verhindert werden können.

Das, was anfangs beide Bereiche – die Aachener Staatsanwaltschaft und das Kölner Institut für Rechtsmedizin – vor Herausforderungen stellte, ist nun Normalität. Die anfängliche Skepsis ist gewichen. Gegenseitig betonen beide Seiten die gelungene Kooperation. Die Abteilungen arbeiten Hand in Hand – als Ärzte und Anwälte der Toten.

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