„Wir werden mit den Menschen diskutieren müssen”

Von: Christian Rein, Georg Müller-Sieczkarek und Hermann-Josef Delonge
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Viel Sonne, kaum Solaranlagen:
Viel Sonne, kaum Solaranlagen: Blick vom Aachener Rathaus hinunter in Richtung Hof. Die Kommunen werden in Fragen der Energieversorgung künftig neue Wege gehen müssen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die Energiewende bedeutet nicht nur einen Ausstieg aus der Kernenergie. Künftig werden auch die vier großen Versorger - RWE, Eon, EnBW und Vattenfall - eine deutlich geringere Rolle spielen. Die Energieversorgung in Deutschland wird dezentraler, kleinere Akteure, etwa die Stadtwerke vor Ort, bekommen ein größeres Gewicht.

Für die Energiewende hat sich unter anderem auch das Aachener Unternehmen Trianel eingesetzt, ein Verbund von 51 Stadtwerken und Regionalversorgern, der 1999 gegründet worden ist, um die Beschaffung von Strom und Gas für die Stadtwerke zu bündeln. 2007 ist das eigene Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk (GuD) in Hamm-Uentrop ans Netz gegangen.

Seitdem ist Trianel auch als Energieerzeuger aktiv. Das Unternehmen baut außerdem ein Kohlekraftwerk in Lünen und einen Offshore-Windpark vor Borkum, ein weiteres GuD-Kraftwerk soll in Krefeld errichtet werden. Im Sommer gab Trianel Planungen für ein Wasserspeicherkraftwerk in Simmerath bekannt. Über die Herausforderungen der Energiewende sprachen die Trianel-Geschäftsführer Sven Becker und Jörg Vogt mit unserer Zeitung.

Noch im vergangenen Herbst, vor etwa einem Jahr, sollte die Laufzeit von Atomkraftwerken verlängert werden. Sie haben das damals heftig kritisiert. Fühlen Sie sich jetzt, nach der Energiewende, bestätigt?

Becker: Es geht gar nicht darum, ob wir uns bestätigt fühlen. Wir hatten uns zum damaligen Zeitpunkt aus unterschiedlichen Gründen gegen eine Laufzeitverlängerung ausgesprochen. Neben der ungeklärten Endlagerfrage hauptsächlich, weil sie zu erheblichen wirtschaftlichen Verzerrungen geführt und die Marktmacht weniger Konzerne zementiert hätte. Denjenigen, die für den Ausbau der erneuerbaren Energien stehen, wäre der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Außerdem hätte es keine Anreize mehr für neue Kraftwerke gegeben. Wenn aber die alten Kraftwerke - wie etwa das in Weisweiler - einfach weiterlaufen, wird mehr CO2 in die Luft gepustet, als eigentlich notwendig ist.

Das ist aber nicht der Grund, warum die Bundesregierung eine Rolle rückwärts gemacht hat.

Becker: Nein, der Grund für die Energiewende ist die Katastrophe in Fukushima und letztlich das Sicherheitsrisiko der Kernenergie. Auch deshalb halten wir den Ausstieg für den richtigen Schritt.

Gibt es mit der Energiewende etwas mehr Gerechtigkeit auf dem Energiemarkt?

Becker: Tatsache ist, dass die Kernkraftwerke in einer Zeit abbezahlt worden sind, als es Liberalisierung im Energiesektor noch gar nicht gab. In den 60er und 70er Jahren ist die Kernenergie maßgeblich vom Staat mit Subventionen angeschoben worden. Das waren Milliardeninvestitionen, die durch langfristige Stromabnahmeverträge von Stadtwerken finanziert wurden, die noch nicht im Wettbewerb standen und diese Beträge weitergegeben haben. Faktisch haben die Endkunden, die Verbraucher die Kraftwerke bereits abbezahlt. Das ist ein Eigentum, das jetzt den Konzernen zufällt. Insofern ist die Energiewende zumindest keine Ungerechtigkeit gegenüber den Großkonzernen.

Der Atomausstieg war ja auch bereits einmal beschlossene Sache. Sie haben damit gerechnet.

Becker: Trianel hat im Vertrauen auf den Bestand der Ausstiegbeschlüsse von 2002 Investitionen in Höhe von knapp zwei Milliarden Euro getätigt - 450 Millionen Euro für das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Hamm-Uentrop und rund 1,4 Milliarden Euro für das Kohlekraftwerk in Lünen. So viel Geld nimmt man nur in die Hand, wenn man davon ausgeht, dass die Rahmenbedingungen stabil bleiben.

Werden sie denn jetzt mit der Energiewende stabil bleiben?

Vogt: Der entscheidende Punkt ist, dass die Energiewende erstmals im gesellschaftlichen Konsens und im Konsens aller Parteien passiert. Wir werden zwar sehen, dass die unterschiedlichen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen sehr verschiedene Vorstellungen davon haben, wie die Energiewende im Detail auszufüllen ist. Aber der Ausstieg aus der Kernenergie wird wohl nicht noch einmal infrage gestellt werden.

Becker: Unser Appell an die Politik ist ganz klar, jetzt für die Stabilität der Rahmenbedingungen Sorge zu leisten. Die Energieindustrie ist eine Infrastrukturindustrie, die mit langfristigen Investitionszyklen ihr Geld verdienen muss. Mit im Zyklus von Wahlen alle vier bis fünf Jahre beschlossenen Hüh-Hott-Entscheidungen haben weder Stadtwerke noch die Konzerne die Sicherheit, um die nötigen Investitionen auf den Weg zu bringen.

Die Frage wird auch sein, welchen Preis die Gesellschaft bereit ist zu zahlen. Mit der Energiewende kommt der Strom nicht mehr einfach nur aus der Steckdose. Plötzlich geht es um neue Windräder oder um Leitungsmasten.

Vogt: Und wir müssen dabei im Auge haben, dass die Diskussion, welchen Preis die Gesellschaft zahlen muss, nicht ausreichend geführt wird. Sie wird auch nicht ehrlich geführt. Und sie wird nicht vor Ort geführt. Wir werden aber mit den Menschen diskutieren müssen. Nicht nur darüber, ob wir für den Netzausbau 400 oder 2000 Kilometer neue Leitungen brauchen. Sondern darüber, dass diese Leitungen irgendwo entlang laufen müssen. Und natürlich werden sich Menschen gestört fühlen, wenn sie in ihrem Garten stehen, ein paar Masten sehen und sich denken, dass sie dieses Panorama nicht mit ihrem Traum vom Einfamilienhaus verbunden haben. Wir müssen letztlich eine Abwägung der Rechtsgüter machen: Was wiegt im konkreten Fall mehr? Das Gemeinwohl oder das Wohl eines Einzelnen bzw. einer kleinen Gruppe? Damit tun wir uns in Deutschland in Hinblick auf Großprojekte regelmäßig sehr schwer.

Ist das eine Herausforderung für die Stadtwerke?

Becker: Ich glaube, dass die Stadtwerke, die regional verankert sind, eine sehr wertvolle Rolle dabei spielen können. Erst recht im Unterschied zu den Großkonzernen, die ihren Sitz irgendwo haben, nur nicht in der Nähe der Menschen. Wenn man auf dezentrale Erzeugung setzt, sind die Stadtwerke der erste Ansprechpartner.

Wo will Trianel bei der Erzeugung langfristig hin?

Becker: Wir halten fossile Energien für den Übergang zu einer rein erneuerbaren Erzeugung nach wie vor für notwendig. Aber wir gehen auch davon aus, dass wir mit dem Kohlekraftwerk in Lünen und dem GuD-Kraftwerk in Hamm sowie dem geplanten GuD-Kraftwerk in Krefeld in diesem Bereich gut aufgestellt sind. Wir werden den Schwerpunkt unserer Tätigkeit in den kommenden Jahren auf die erneuerbaren Energien setzen.

Sie haben gerade mit dem Bau eines Windparks begonnen.

Becker: Sie sprechen hier unser Offshore-Projekt an, also Windenergie, die auf dem Meer gewonnen wird. Was wir jetzt in der Nordsee 45 Kilometer vor Borkum gestartet haben, ist die erste Ausbaustufe mit 200 Megawatt. Wir haben aber eine Genehmigung über 400 Megawatt. Ein so großer Windpark wäre aber wegen der Finanzkrise nicht zu realisieren gewesen. Die zweite Ausbaustufe haben wir also noch vor uns. Darüber hinaus sind wir mittlerweile im Onshore-Bereich tätig geworden. Wir sind im Begriff, uns einen Windpark mit knapp 30 Megawatt zu sichern. Das ist noch nicht ganz spruchreif, aber dieses Projekt soll der Startpunkt für ein Windpark-Portfolio an Land sein.

Sonnenenergie ist kein Thema?

Becker: Sonnenenergie ist natürlich ein Thema für die Stadtwerke, gerade im Sinne einer dezentralen Lösung. Aus unserer Sicht ist Sonnenenergie etwas, das auf den Dächern in den Städten passiert. Wir können das dadurch unterstützen, indem wir zum Beispiel Serienprodukte anbieten, die die Stadtwerke dann aufgreifen - etwa unseren Carport mit einem Solarmodul-Dach für Elektroautos. Dass wir einen großen Photovoltaik-Park von 50 MW für die Stadtwerke realisieren, sehe ich nicht. Dies ist wegen des Flächenfrasses ökologisch nicht geboten.

Vogt: Das ist auch eine ökonomische Frage: Solarstrom ist der Kostentreiber in unserem Energiemix. Wenn man sich über einen gesellschaftlichen Konsens unterhält, dann unterhält man sich immer auch über Geld. Wir haben im vergangenen Jahr die Diskussion um die EEG-Zuschläge für den Endverbraucher beobachten dürfen. Hier wurde vom Verbraucher die richtige Frage gestellt, wird das Geld, das wir alle heute schon bezahlen optimal für eine Energiewende eingesetzt.

Was müssen die Kommunen neu denken, wenn es um die Energiewende geht?

Becker: Zunächst können Kommunen ihre Möglichkeiten ausschöpfen, zum Beispiel Wind-Vorrangflächen ausweisen. Außerdem ist es naheliegend, dass eine Kommune dabei eher mit dem eigenen Stadtwerk zusammenarbeitet, als diese Flächen irgendwelchen börsennotierten Projektentwicklern an die Hand zu geben. Städte und Gemeinden sollten ihren Stadtwerken außerdem trotz klammer Kassen unternehmerischen Freiraum lassen, um jetzt Investitionen in die Energiewende zu tätigen.Vogt: Die Kommunen müssen sich auch davon verabschieden, komplexe Projekte allein realisieren zu wollen. Die regionale oder sogar überregionale Zusammenarbeit wird gerade bei der Frage der dezentralen Energieversorgung eine Rolle spielen. Manche Kommunen sind da schon sehr weit, aber andere müssen noch lernen, in diesen Kategorien zu denken.
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