Wie wir lernen können, mit der Angst umzugehen

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„Wir Menschen sind von Natur aus gut darin, uns zu arrangieren“: Prof. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Uniklinikum der RWTH Aachen. Foto: dpa/imago/Metodi Popow
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Die letzten Fragen müssen unbeantwortet bleiben: Ein Holzkreuz erinnert an die Opfer des Amoklaufs rund um das Olympia-Einkaufszentrum in München vor einem Jahr. Foto: dpa/imago/Metodi Popow

Aachen. Nizza, Würzburg, München, Ansbach. Schlag auf Schlag folgten vor einem Jahr die Gewaltakte aufeinander, und der Terror erreichte die Provinz. Im Rückblick wird deutlich: Es waren Tage, die Deutschland verändert haben. Spuren hat die Anschlagsserie – ob Terror oder Amok – vor allem im Sicherheitsbewusstsein der Bevölkerung hinterlassen.

Wie umgehen mit dem Gefühl der Bedrohung, mit der diffusen Angst, mit diesem mulmigen Gefühl? Darüber sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge am Freitag mit Prof. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Uniklinikum der RWTH Aachen.

Laut einer aktuellen Umfrage hat die Anschlagsserie Spuren im Sicherheitsbewusstsein der Menschen in Deutschland hinterlassen. Jeder Zweite fühlt sich demnach unsicherer. Überrascht Sie das?

Schneider: Ohne die Zahl abschließend bewerten zu können: Wir leben letztlich in einer Zeit der Verunsicherung. Deshalb fühlen sich viele Menschen auch unsicherer.

Können Ereignisse wie in Nizza, München, Ansbach oder Berlin das Sicherheitsgefühl der Menschen grundlegend erschüttern?

Schneider: Ja, aber nur dann, wenn sie unmittelbar beteiligt waren oder sind – also Opfer, Angehörige oder Zeugen, aber natürlich auch Polizisten, Sanitäter oder Feuerwehrleute. Dann können sich posttraumatische Belastungsstörungen einstellen, also schwere psychische Erkrankungen.

Fühlen Sie selbst sich auch in Ihrem Sicherheitsgefühl nachhaltig beeinträchtigt?

Schneider: Nein. Aber natürlich gibt es gegenwärtig extrem viele Krisenherde auf der Welt, das vermittelt wenig Vertrauen und Sicherheit. Auf anderen Seite: Ich erinnere mich an den Kalten Krieg oder den RAF-Terror. Das waren auch sehr unsichere Zeiten. Grundsätzlich gilt: Wir hatten über lange Jahre ein kollektives Sicherheitsempfinden. Das ist anders geworden.

Welches Gefühl tritt dann an diese Stelle: Angst, Furcht, Sorge, Paranoia?

Schneider: Jeder reagiert anders, je nach persönlicher Betroffenheit, nach eigener Geschichte, nach genetischer Ausstattung. Aber grundsätzlich hat der Mensch eine Sehnsucht nach Sicherheit. Diese Sehnsucht wird durch eine diffuse Angst vor dem nicht Beherrschbaren beeinträchtigt.

„Angst ist kein guter Ratgeber“, heißt es. Ist das immer richtig?

Schneider: Nein, denn Angst ist oft positiv und sogar notwendig, weil sie uns als Individuen schützen kann. Wären wir komplett angstfrei, würden wir uns permanent selbst schaden. Angst hat gute und schlechte Eigenschaften, ist aber zunächst eine ganz notwendige Emotion.

Was macht Angst mit einer Gesellschaft?

Schneider: Sie verursacht Verunsicherung und Destabilisierung. Das will jedes demokratische System in der Regel natürlich vermeiden.

Kann ein Individuum, kann eine Gesellschaft überleben, wenn Angst die Übermacht bekommt?

Schneider: Nein. Das wird aber auch nie passieren. Es wird immer zu Anpassungen kommen. Die Politik erlässt dann gerne neue Gesetze. Wir Menschen sind von Natur aus gut darin, uns zu arrangieren. Nehmen Sie das Beispiel Tihange: Ich kann sehr gut nachvollziehen, wenn man da Angst empfindet und sich vehement für eine Abschaltung einsetzt. Das bedeutet aber nicht, dass man gleich von hier wegzieht. Wir besitzen eine breite Palette von Verhaltensoptionen, mit denen wir auf negative Angst reagieren können. Welche und wie viele wir davon ausspielen, ist individuell verschieden. Das entscheidet jeder selbst.

Wir arrangieren uns und bewältigten so die Angst?

Schneider: Genau. Man bewertet die Dinge und schaut, was sie eigentlich bedeuten und welche Folgen sie mit sich bringen. Das geschieht nicht unbedingt rein rational, sondern als Mischung aus Bauch- und Kopfgefühl. Und dann trifft man eine Entscheidung. Meistens ist es übrigens einfacher, wenn man so weiter lebt wie bisher und keine großen Änderungen vornimmt – also eine Art Handeln durch Unterlassung.

Das deckt sich mit den Parolen, die die Politik vor allem nach Terroranschlägen gerne ausgibt: Lebt weiter wie bisher, geht raus, ins Stadion, zu Konzerten und auf Feste! Auch viele Menschen äußern sich fast demonstrativ so.

Schneider: Das ist auch gut so. Rein statistisch ist es in Deutschland wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen als von einem Terroristen getötet zu werden. Wenn wir die Situation abwägen, ob wir noch auf Konzerte, ins Stadion und so weiter gehen sollen, vermengt sich dieses rationale Argument im Idealfall mit dem Bauchgefühl.

Wir können zur Vernunft zurückkehren, indem wir uns die Fakten vor Augen führen?

Schneider: Ja. Angsterkrankungen sind die häufigsten psychischen Störungen. Es gibt klare psychotherapeutische Vorgehensweisen, wie man damit umgeht. Und sie sind auch erfolgreich. Aber solche Erkrankungen sind natürlich abzugrenzen von der diffusen Angst vor Terror, von der wir eben gesprochen haben.

Die Techniken zur Bewältigung sind aber dieselben?

Schneider: Absolut. Wir sammeln die Fakten, bewerten sie und norden uns so wieder ein. Das kann dann durchaus anders aussehen als zuvor. Ein Beispiel: Nach einem Attentat auf ein Flugzeug vermeidet man es zunächst zu fliegen, sieht dann in der Folge aber, dass sich das nicht wiederholt, überlegt das statistisch geringe Risiko und entscheidet, doch wieder zu fliegen.

Eine Journalistenkollegin aus Berlin hat nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin ihr „Recht auf Angst“ eingefordert. Sie hat ihren Kindern gesagt, sie sollen nicht auf Weihnachtsmärkte gehen. Können Sie das nachvollziehen?

Schneider: Das steht ihr frei. Und dass man seine eigenen Kinder beschützen will, ist nur zu verständlich.

Ist die Grenze zur Hysterie da noch nicht überschritten?

Schneider: Nein. Das ist völlig in Ordnung, so wie es auch in Ordnung war, dass viele Menschen nach den Anschlägen auf die Twin Towers in New York ein Jahr nicht fliegen wollten. Heute spricht niemand mehr davon. Das ist die Folge des Einnordens, von dem ich gesprochen habe: Das Koordinatensystem, wie man auf die Welt und sich selbst schaut, verschiebt sich ein wenig, und so muss man irgendwann vor bestimmten Dingen keine Angst mehr haben.

Und kann zur Normalität zurückkehren.

Schneider: Ja, auch wenn es in Nuancen eine andere Normalität sein wird.

Besteht die Gefahr der Gleichgültigkeit?

Schneider: Nein, nicht unbedingt. Wenn man weiß, dass in einem Supermarkt in München jemand umgebracht worden ist, dann wird man eine Zeit lang durchaus daran denken, wenn man einen oder sogar diesen Supermarkt betritt. Allerdings: Man denkt nicht daran, dass in einem Krankenhaus auch Menschen sterben, wenn man es betritt.

Weil das Betreten eines Krankenhauses zum Alltag gehört, ein Anschlag aber immer noch ein eher singuläres Ereignis ist?

Schneider: Ein ganz wichtiger Punkt. Je seltener ein Ereignis ist, desto mehr kann man sich davon bedroht fühlen und Angst empfinden. Je gewöhnlicher ein Ereignis ist, desto mehr ist es in unseren Gleichklang integriert.

Kann man das Einnorden trainieren?

Schneider: Natürlich. Dazu gehört, dass man Informationen einholt, allerdings abgesicherte Fakten und keine Gerüchte oder Verschwörungstheorien.

Menschen, die von einem Anschlag direkt betroffen oder unmittelbare Zeugen waren, dürfte das nicht so viel bringen.

Schneider: Hier müssen selbstverständlich andere Strategien zur Bewältigung hinzukommen. Aber da sind wir im Bereich der Traumabewältigung, das ist ein ganz anderes Thema.

Hilft eine Portion Fatalismus? In Israel ist das zum Teil zu beobachten.

Schneider: Auch das gehört zur Anpassung. Das funktioniert aber nur bedingt. Ich bin mit einer 90-jährigen jüdischen Dame bekannt, die früher im KZ in Bergen-Belsen war und nun in der Nähe von Haifa lebt. Sie empfindet die Situation in Israel als ganz bedrohlich. Völlig verständlich. Also auch hier: Jeder reagiert anders, abhängig von seiner individuellen Geschichte und Betroffenheit.

Gesetzt den Fall, ich habe mein Angstgefühl eingenordet, habe alles mit Fakten und Statistiken abgeglichen und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass mir etwas passiert, verschwindend gering ist. Und dann stehe ich auf dem Bahnhof, und mich beschleicht ein mulmiges Gefühl, weil ich einen herrenlosen Aktenkoffer sehe. Was tun?

Schneider: Das mulmige Gefühl stellt sich ein, wenn ich mich in Gefahr wähne. Das gehört zur Abteilung „gesunde Angst“. Ich würde das Bahnpersonal oder die Polizei verständigen, wenn das Gefühl so stark ist.

Es gibt drei Arten, auf Gefahr zu reagieren: kämpfen, fliehen und erstarren. Kann man dieses mulmige Gefühl als Bereitschaftsmodus für alle Optionen verstehen?

Schneider: Das trifft es sehr gut.

Und was tue ich, wenn ich dieses mulmige Gefühl auch dann habe, wenn neben mir in der Bahn ein bärtiger Muslim sitzt? Bin ich dann schon paranoid?

Schneider: Nicht unbedingt. Dann rate ich: Sprechen Sie den Mann einfach an. Vielleicht oder sogar wahrscheinlich ist das ein ganz netter Kerl.

Also ist es besser, offensiv mit diesem mulmigen Gefühl umzugehen?

Schneider: Unbedingt. Angst ist immer dann schädlich, wenn sie lähmt – das Individuum, aber auch die Gesellschaft.

Eine Frage in eigener Sache: Welche Rolle spielen die Medien? Beispiel Amoklauf München: Da wurden so viele Gerüchte, gerade über soziale Medien, verbreitet, dass schließlich die ganze Stadt von einer Welle der Hysterie erfasst wurde.

Schneider: Im Nachhinein ist man immer schlauer und würde sagen: Das war unverantwortlich. Andererseits gibt es auch ein Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit und eine Informationspflicht der Medien. Wenn ich mich richtig erinnere, war in München lange Zeit nicht klar, wie viele Täter beteiligt waren. Da war der Hinweis an die Bevölkerung, die Häuser nicht zu verlassen, durchaus sinnvoll und richtig. Andererseits wurden die Ereignisse quasi in Echtzeit und ohne Einordnung auf Facebook übertragen. Gerade im Hinblick auf mögliche Nachahmer ist das nicht zu akzeptieren. Aber das wird schwer zu verhindern sein.

Wie sähe eine ideale Berichterstattung aus?

Schneider: Zurückhaltend. Mit gesicherten Informationen, die dann auch Sicherheit vermitteln. Mit Respekt vor den Opfern und Angehörigen. Mit kritischer Distanz.

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