Köln/Aachen - Wie sich die Rolle von RWE im Energiemix verändert

Wie sich die Rolle von RWE im Energiemix verändert

Von: Patrick Nowicki
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Kohle und erneuerbare Energien nebeneinander: Auf diese Zukunft für die nächsten Jahrzehnte stellt sich das Unternehmen RWE ein. Foto: dpa
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„Strukturwandel benötigt Zeit“, sagt der RWE-Vorstandsvorsitzende Matthias Hartung.

Köln/Aachen. Vor wenigen Tagen saß er im Tagebau Hambach zusammen, der Vorstand von RWE Generation. Gebannt und nervös schauten der Vorstandsvorsitzende Matthias Hartung und seine Mitstreiter auf die Monitore. Allerdings waren es weniger aktuelle Analysezahlen oder die momentane Energiediskussion bei den Koalitionsgesprächen in Berlin, die die Sorgenfalten wachsen ließen, vielmehr die Vorgänge am Tagebau.

„Wir sind froh, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist“, gesteht Hartung wenige Tage nach den Ereignissen, wohl wissend, dass nicht zum letzten Mal Aktionen an einem der Tagebaue und Kraftwerke des Unternehmens stattgefunden haben. Ende November sollen die Rodungsarbeiten am Hambacher Forst fortgesetzt werden.

Es sind wieder unruhige Tage für den Essener Energiekonzern. In Berlin fordern die Grünen einen früheren Ausstieg aus der Braunkohleverstromung. Von ihrer Forderung, dies solle bis 2030 geschehen, sind sie jedoch mittlerweile abgerückt. Dieser Termin würde die gesamte Unternehmensplanung von RWE auf den Kopf stellen.

Ohnehin hat sich bei RWE im vergangenen Jahr viel verändert: Die strukturellen Veränderungen im vergangenen Jahr verschafften dem Unternehmen mehrere Standbeine: die konventionelle Stromerzeugung aus Kohle, Atom und Gas (RWE Generation), der Handel (RWE Supply & Trading) und die Finanzbeteiligung Innogy, in der die erneuerbaren Energien, der Vertrieb sowie der Netzbetrieb (Innogy) gebündelt sind.

Der Börsengang der Innogy vor etwa einem Jahr spülte geschätzte 2,6 Milliarden Euro in die Kasse des Mutterkonzerns, der rund 77 Prozent der Aktienanteile behalten hat. Weitere zwei Milliarden blieben bei der Tochter Innogy, die damit den Rücken freibekam für profitable Investitionen. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 betrug das gesamte Investitionsvolumen in Windparks unter 500 Millionen Euro.

Das Innogy-Offshore-Windprojekt „Triton Knoll“ vor der britischen Küste, das im kommenden Jahr starten soll, kostet alleine geschätzte 2,2 Milliarden Euro. Auch im Rheinischen Revier wird das Wachstum der einst kleinen RWE-Tochter Innogy sichtbar, etwa beim Indeland-Windpark zwischen Aldenhoven und Eschweiler. Sowohl bei RWE als auch Innogy spricht man davon, dass erneuerbare Energie und konventionelle Stromerzeugung zwei Seiten einer Medaille seien.

Dies spiegelt die sich zunehmend ändernde Rolle von RWE Generation und Power wider: Konventionelle Kraftwerke werden künftig zunehmend nur dann den Stromdurst befriedigen, wenn Wind und Sonne keine Energie liefern.

Der Energiekompromiss vor zwei Jahren führte zu dem Ergebnis, dass bundesweit Braunkohlekraftwerke mit einer Leistung von knapp 2,7 Gigawatt in die bezahlte Reserve gesteckt werden. RWE ist mit fünf Blöcken beteiligt, die ersten beiden 300-Megawatt-Blöcke in Frimmersdorf ruhen bereits und werden nur bei Bedarf angeschaltet. Im kommenden Jahr folgen die Blöcke E und F in Niederaußem, in 2019 schließlich Block C im RWE-Kraftwerk Neurath.

Vier Jahre nach dem Gang in die Sicherheitsbereitschaft wird endgültig der Stecker gezogen. Rechnet man dazu noch das Aus der Kernergie (fast elf Gigawatt) und die bei der Bundesnetzagentur angemeldeten Abschaltungen, gehen nach heutigem Stand bis zu 23 Gigawatt Kraftwerksleitung aus dem Netz. Dies entspricht einem Viertel der heutigen Stromerzeugung. 85 Gigawatt konventionelle Stromerzeugung blieben übrig – je nach Expertise wird der bundesweite Höchstbedarf mit 80 bis 85 Gigawatt beziffert.

„Die Versorgungssicherheit gewinnt zunehmend an Bedeutung“, meint Matthias Hartung. Dieser Aspekt ist in der Koalitionsvereinbarung der schwarz-gelben Landesregierung verankert, die den Industriestandort NRW stärken will. An der Rheinschiene befinden sich zahlreiche Unternehmen mit einem hohen Strombedarf.

Gespannt blickt man bei RWE auf die Entwicklung der E-Mobilität: „Auch in diesem Bereich ist ein höherer Verbrauch zu erwarten“, sagt Hartung. Die Netze stelle dies vor große Herausforderungen, sie seien in seinen Augen schon jetzt an der Grenze der Leistungsfähigkeit. Der Ausbau der großen Stromautobahnen, die zum Beispiel Windstrom von Norddeutschland nach Bayern transportieren, schreitet nicht schnell genug voran. Aber nicht nur zu wenig Strom kann die Stabilität gefährden, auch zu viel Energie. Dies führt in extremen Situationen dazu, dass Stromproduzenten in einzelnen Stunden sogar Geld bezahlen müssen, sogenannte negative Strompreise.

Die Zeit nach der Kohle

Warum Umweltverbände ein schnelleres Aus der Braunkohleverstromung fordern, liegt auf der Hand: Jede Tonne Braunkohle, die zum Beispiel im Weisweiler Kraftwerk verfeuert wird, erzeugt eine Tonne Treibhausgas, also Kohlendioxid. Hartung sieht mehrere Ursachen dafür, dass die Klimaziele der Bundesregierung bis 2020 wohl deutlich verfehlt werden: „Wir haben ein höheres Wirtschaftswachstum, und es leben inzwischen deutlich mehr Menschen in Deutschland – beides hat einen höheren Energieverbrauch zur Folge.“

Die Klimaziele wurden zudem 2010 festgelegt, als der Atomausstieg noch nicht beschlossen war. Bei RWE hat man beobachtet, dass die konventionelle Kraftwerkskapazität knapper wird und damit die Preise auf dem Großhandelsmarkt nach einer historischen Flaute vor zwei Jahren auch wieder gestiegen sind.

Die Zeit nach der Braunkohle im Revier wird von RWE mit vorbereitet. „Wir werden die Verstromung von Braunkohle und damit den CO2-Ausstoß in den kommenden zwölf Jahren nahezu halbieren“, schildert Hartung. Bis Ende des Jahrhunderts soll im Rheinischen Revier eine Seenlandschaft entstehen. Den Anfang macht der Tagebau Inden, der 2030 aus dem Betrieb genommen wird.

Danach soll er nach einem Beschluss des Gemeinderats Inden aus dem Jahr 2000 zunächst mit Wasser gefüllt werden. Was mit der Industriefläche geschieht, auf der das Kraftwerk Weisweiler steht, ist noch ungewiss. Die Innovationsregion Rheinisches Revier (IRR) lässt die Möglichkeit eines Logistikstandorts unter dem Titel „Industriedrehkreuz Weisweiler“ prüfen. Denkbar ist auch, dass Eschweiler Kraftwerkstandort bleibt – für ein kleineres Gaskraftwerk.

RWE will wieder einstellen

Fest steht, dass sich in den kommenden Jahren einiges tun wird. Für Hartung keine neue Situation: „Wer im Revier lebt und 20 bis 30 Jahre zurückschaut, sieht, was sich verändert hat. Wir können Strukturwandel, auch als Unternehmen.“ Fest macht er diese Aussage unter anderem an der Mitarbeiterentwicklung in den vergangenen Jahren, die sich kontinuierlich auf inzwischen 9300 Menschen in Kraftwerken und Tagebauen verringerte und weiter sinken wird. 800 bis 1000 Jobs werden mit der Sicherheitsbereitschaft wegfallen. Dennoch will RWE wieder Menschen einstellen und ausbilden – um den Mitarbeiterstamm zu verjüngen.

„Wir haben in Zusammenarbeit mit den Kommunen Gewerbegebiete entwickelt und geholfen, neue Arbeitsplätze entstehen zu lassen“, betont er. Bei der IRR, aber auch der Indeland GmbH und anderen Initiativen, die den Strukturwandel regeln sollen, ist RWE engagiert. Für Hartung ist die IRR ist „eine gute Plattform, die jetzt hoffentlich noch einen Schub bekommt“. Als Bedingungen für einen gelungenen Strukturwandel nennt er neben der erforderlichen politischen Unterstützung auch die Einigkeit in der Region. „Konkurrenz ist gut, aber ein gemeinsames Ziel muss vorhanden sein“, sagt er.

Dass die Rückstellungen im Unternehmen ausreichen, um die Rekultivierung abzuschließen, steht für RWE außer Frage. Drei Gutachten, die das Unternehmen im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben hat, bestätigen dies. Man wisse sehr genau, was Rekultivierung koste, betont Hartung und fügt hinzu: „Das ist unser täglich Brot.“ Während auf der einen Seite des Tagebaus Bagger Kohle aus dem Boden schaufeln, wird auf der anderen Seite wieder Erde aufgeschüttet. „Anders als bei Kernenergie und Steinkohle gibt es in der Braunkohle keine Ewigkeitslasten“, erklärt Hartung. 2,2 Milliarden Euro betragen die Rückstellungen für die Braunkohle , die auch mit einer Konzernhaftung gesichert sind.

Sorge wegen Rodungsarbeiten

Zurück zu den aktuellen Koalitionsverhandlungen in Berlin. In solchen Zeiten lassen die Konzerne ihre Lobbyisten arbeiten und halten sich Konzernvertreter mit Aussagen zurück. Hartung erinnert in dem Zusammenhang lediglich an die Aussagen vor zwei Jahren: „Strukturwandel benötigt Zeit, an dieser Haltung hat sich nichts geändert.“

Viel größere Sorgen bereiten ihm die anstehenden Rodungsarbeiten im Hambacher Forst. Man rechnet damit, auf über 20 Baumhäuser, Zelte, aber auch Tunnelbauten zu stoßen. „Dies wird auch für Polizei eine enorme Herausforderung“, sagt Hartung. Das vorrangige Ziel: weitere Eskalationen vermeiden.

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