Wie man Liebe und Gerechtigkeit verbinden könnte

Von: Sabine Rother
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Die Diskutierenden: Oberbürgermeister Marcel Philipp, Dompropst Manfred von Holtum und RWTH-Philosoph Raúl Fornet y Betancourt (v.l.n.r.). Foto: Roeger

Aachen. Viele kluge Worte, theologische Weisheiten, politische Einschätzungen, doch erst die Frage einer Zuschauerin rührte den Referenten und das Publikum so richtig: „Lassen sich Macht und Liebe überhaupt miteinander vereinbaren?“

Raúl Fornet y Betancourt, Professor für interkulturelle Philosophie in Aachen, geborener Kubaner, Vertreter einer Befreiungstheologie des Volkes, hat darauf eine ebenso schlichte wie erschütternde Antwort: „Sagen wir lieber Gerechtigkeit statt Macht. Man denkt, Liebe hemmt die Gerechtigkeit. Doch durch Warmherzigkeit ist es möglich, Gerechtigkeit und Liebe miteinander zu verbinden“, sagt Fornet. „Wir haben leider Institutionen, die nicht im Geiste der Warmherzigkeit arbeiten.“

Das Institut für Katholische Theologie der RWTH und die Pax-Bank hatten in Zusammenarbeit mit der Stadt Aachen und der Karlspreisstiftung eingeladen, um über Papst und Karlspreis, Rom und Aachen zu informieren. Neben Fornet stellten sich Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) und Dompropst Manfred von Holtum den Fragen unseres Redakteurs Peter Pappert.

Humorvoll und mit einem Blick in die Geschichte begrüßt Ulrich Lüke, Lehrstuhlinhaber für Systemische Theologie an der RWTH, seine Gäste und macht ihnen klar: Es gab schon immer spannende und funktionierende Verknüpfungen von weltlicher und geistlicher Kompetenz – wie jenen Ambrosius von Mailand, der im Jahre 340 nach Christus ein so genialer Streitschlichter war, dass man ihn – den Heiden – im Eiltempo zum Christen und zum Bischof machte.

Fornet hat den Jesuiten-Oberen Jorge Mario Bergoglio 1985 in Buenos Aires kennengelernt. So, wie Franziskus heute ist, habe er ihn schon vor 30 Jahren erlebt: herzlich, bescheiden, zugänglich, entscheidungsfreudig, konsequent in seinen Ämtern. „Ganz normale menschliche Eigenschaften“, sagt Fornet.

Wie sind die Aachener Karlspreis-Verantwortlichen auf den Papst gekommen? „Ich war völlig überrascht, als der Name Papst Franziskus fiel, aber alle Augen richteten sich dennoch auf mich“, erzählt von Holtum über eine gemeinsame Sitzung des Karlspreisdirektoriums und der Karlspreisstiftung, bei der man sich dann schnell einig geworden sei. „Franziskus hat sich aus dem Muster bisheriger Päpste deutlich herausbewegt“, sagt von Holtum und erinnert an jene Szene kurz nach der Wahl, als Franziskus die wartenden Menschen auf dem Petersplatz bat: „Ehe ich euch segne, segnet mich“ – das „erste Zeichen einer Veränderung“.

Papst Franziskus ist der vierte Nicht-Europäer, der mit dem Karlspreis geehrt wird. „Es ist sehr wichtig für uns zu erfahren, wie Europa von außen betrachtet wird“, sagt Philipp. Der Vorschlag, den Papst auszuzeichnen, sei überraschend und ungeplant gemacht worden. Von wem? Das verrät man nicht.

Auf die Publikumsfrage, was er generell vom Karlspreis halte, antwortet Fornet zögernd und sagt dann: „Nichts.“ Das liegt daran, dass der Philosoph der Ansicht ist, Europa brauche ganz andere Fundamente als jene, auf denen es heute steht, – eben Barmherzigkeit, Mitgefühl, wie es von Franziskus eingefordert wird.

Ein müdes Europa

Was Europa angeht, ist Fornet eher besorgt: „Der Begriff weckt in mir einen bitteren Geschmack; es geht längst nicht mehr um eine Krise, sondern um den Prozess der Dekadenz, um den Bruch mit den ethischen Werten einer Gesellschaft. An sie muss man sich dringend erinnern.“ Warum der Papst den Karlspreis unter diesen Bedingungen überhaupt annimmt, wird Fornet gefragt. Seine Antwort ist sehr pointiert: „Er mischt sich gerne ein in Dinge, die ihn nichts angehen.“ Franziskus sei eben viel mehr ein politischer als ein dogmatischer Papst. Fornet geht aber doch davon aus, dass Franziskus von Europa einiges erwartet und das bei der Karlspreisverleihung am 6. Mai auch sagen wird.

Der Papst sei geprägt von seiner lateinamerikanische Herkunft und der argentinischen Befreiungstheologie, sagt Fornet. Die sei im Unterschied zu anderen Befreiungstheologien tatsächlich die Theologie des Volkes mit der Grundeinstellung, dass ein Volk nicht gespalten werden dürfe. Was das für Papst Franziskus bedeutet, kann Betancourt knapp formulieren: Die strukturelle Wende eines Volkes müsse einhergehen mit einer existenziellen Wende in den Herzen der Menschen.

Philipp und von Holtum stimmten zu: Europa muss an seine Stärken erinnert, muss neu motiviert werden. Der Karlspreis hat sich unter anderem die Bewahrung der Schöpfung auf die Fahnen geschrieben. Ist von Holtum zufrieden damit, was seine Kirche auf diesem Feld tut? „Nein“, sagt er entschieden. „Was wir buchstabieren, muss endlich auch real umgesetzt werden.“

Fornet sieht ein müdes Europa, dem er mehr lateinamerikanische Freude und Begeisterung wünscht. Wird die „franziskanische Wende“ Einfluss auf die Wahl eines neuen Bischofs für das Bistum Aachen haben? „Ja, es gibt im Bistum einen Wunsch nach Kontinuität, nach neuen pastoralen Projekten, ich denke, das zählt“, meint der Dompropst. Eine Wende in der Kirche? Hier urteilt Fornet sehr klar. Die Kirche werde nicht durch den Papst, sondern durch die Christen verändert.

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