Wie lebt Aachens Jugend? Neue Zahlen präsentiert

Von: Sabine Rother
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Kriminologe Professor Christian Pfeiffer stellte die Ergebnisse seiner Studien zu Gewaltkriminalität vor. Aachen schneidet dabei gut ab. Foto: Andreas Steindl
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Bernd Mathieu (rechts), Chefredakteur unserer Zeitung, begrüßte Christian Pfeiffer. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Zahlen lassen aufhorchen. 70,9 Prozent der Jugendlichen empfinden die Stadt Aachen als „jugendfreundlich“, 24,7 Prozent fühlen sich an ihren Schulen wohl (in Hannover nur 18,5 Prozent), ob Gewalt, Prügelei oder Drogenmissbrauch – die Zahlen sind rückläufig. Bei der Frage, ob Kinder und Jugendliche in den letzten zwölf Monaten Opfer von Gewalt geworden sind, haben 12,5 Prozent in Aachen mit „ja“ geantwortet – in Hannover sind es 15 Prozent, in der Deutschsprachigen Gemeinschaft sogar 15,8 Prozent.

Was jedoch eindeutig zunimmt, ist die „neue Art zu quälen“ – Cybermobbing: „Da sind die Schulen schlecht aufgestellt, auch in Aachen“, betont der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer. Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, begrüßte den ehemaligen Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen am Dienstagabend im voll besetzten S-Forum der Sparkasse Aachen.

Unter dem Motto „Aachener Kinder und Jugendliche als Täter und Opfer von Gewalt“ stellte Pfeiffer, der im Auftrag von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen demnächst auch die Daten einer Untersuchung der Bundeswehr zu schweren Missständen in den eigenen Reihen analysieren wird, die Ergebnisse einer Studie vor. Das Forschungsinstitut hat sie im Auftrag von „Menschen helfen Menschen“, dem regionalen Hilfswerk von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten, erarbeitet. Dabei wurden Schüler eines vierten und eines neunten Aachener Schuljahrs ausführlich befragt. Die Ergebnisse stellte man einer Befragung von 20.000 Jugendlichen in Niedersachsen gegenüber.

„Seit August 2015 haben wir bereits mehr als 160.000 Euro in Jugend fördernde Projekte investiert, die sich aus Aspekten der Studie anboten“, sagte Mathieu. Er schilderte im Rückblick die große Bereitschaft zahlreicher Aachener Unternehmen, das Projekt, bei dem man von Anfang an eng mit der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen kooperierte, zu fördern – finanziell aber auch durch Know-how.

„RWTH und Fachhochschule Aachen sind an unserer Seite, immer wieder konnten wir auf studentische Hilfskräfte zurückgreifen“, betonte Mathieu. Wichtige Förderer sind und waren dabei unter anderem die Sparkasse Aachen und die Aachen-Münchener-Versicherung. Die Satzung der Hilfsorganisation „Menschen helfen Menschen“ wurde erweitert, um die Spenden für die Jugendhilfe einsetzen zu können. „All das war nur möglich, weil es hier einen begnadeten Netzwerker gibt“, sagte Pfeiffer zur Begrüßung in Richtung Chefredakteur.

Die „Revolution der Elternliebe“ ist es, die den erfahrenen Wissenschaftler beeindruckt hat: Je mehr sich Kinder und Jugendliche geliebt und gefördert fühlten, desto zufriedener seien sie in ihrem Leben. „Sogar Selbstmordgedanken von Jugendlichen werden in Familien produziert“, konnte Pfeiffer mittels der Studie belegen. Bei der Frage nach einer Suizidneigung antworteten 48 Prozent der Kinder aus gewalttätigen Familien mit einem „Ja“.

Computerspiele sind „Leistungskiller“

Es fiel auf, wie groß in fast allen Bereichen die Bedeutung von Zuwendung und Bestätigung war, wenn es um die Entwicklung junger Menschen ging. Bei der aktuellen Problematik Cybermobbing liege nach Pfeiffers Einschätzung Verantwortung bei den Eltern: „Erwartungshaltung und Leistungsdruck spielen eine erhebliche Rolle bei diesen Vorgängen“, sagte Pfeiffer. Was sich gleichfalls auswirke, sei ein „unmäßiger Medienkonsum“.

In Computerspielen sieht Pfeiffer große Leistungskiller „hoch drei“ und die Ursache für Prüfungsversagen – bei 18 Prozent der Jungen und zwei Prozent der Mädchen, die in der Aachener Studie befragt wurden. „Wer arm im Leben ist, will reich im virtuellen Leben sein“, meinte Pfeiffer, der „reich“ nicht mit dem Vermögen der Familie, sondern wiederum mit Zuwendung und Sicherheit in Verbindung bringt.

Er forderte in Aachen dazu auf, das „reale Leben“ mit Aktivität zu gestalten, Jugendliche zu Sport oder zu Musik zu ermuntern, und zu helfen, das umzusetzen. „Ganztagsschulen dürfen keine Kinderbewahranstalten mit Suppenküche sein“, forderte Pfeiffer. Bei der Frage nach Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus von Jugendlichen ist das Ergebnis im Vergleich Aachen-Niedersachsen gut: Hierbei steht es 13,9 Prozent zu 21,5 Prozent .

Warum allerdings Aachen nach Ergebnissen des Forschungsinstituts „Hochburg der Schulschwänzer“ ist, konnte selbst Pfeiffer nicht erklären. Ein weiterer Aspekt der Untersuchungen betrifft die Integration ausländischer Jugendlicher. Das Ergebnis der Studie ist eindeutig: „Je stärker junge Muslime in ihrer Religion verankert sind, umso weniger fühlen sie sich als Mitglieder der Gesellschaft, in der sie leben“, meinte Pfeiffer.

Er riet dazu, die Imame, die als türkische Staatsbeamte zurzeit lehren müssen, was ihnen die türkische Religionsbehörde vorgibt, aus der „Umklammerung der türkischen Regierung“ zu befreien: „Als Religionslehrer könnte ihnen eine halbe Stelle an einer deutschen Schule bezahlt werden“, so Pfeiffer. „Die andere Hälfte könnte dann die jeweilige Gemeinde übernehmen.“

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