Aachen - Wie Juden, Christen und Muslime zusammenleben

Wie Juden, Christen und Muslime zusammenleben

Von: Amien Idries
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Drei Gotteshäuser aus unserer Region: Der Aachener Dom... Foto: Michael Jaspers
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... die Synagoge in Aachen... Foto: Michael Jaspers
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... sowie die im Bau befindliche neue Moschee im Ostviertel. Was trennt die Religionen, was verbindet sie? Auch darum wird es am kommenden Donnerstag gehen. Foto: Michael Jaspers
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Freuen sich auf die Gesprächsrunde im Krönungssaal: die Studenten Matthias Franken, Yulia Ponomarenko, Irina Seemayer und Deliah Djinou. Foto: Amien Idries

Aachen. Man darf gespannt sein auf diesen Abend. Zum einen, weil mit der Frage nach dem Verhältnis der drei monotheistischen Religionen zu den europäischen Werten ein spannendes Thema im Krönungssaal des Aachener Rathauses debattiert wird.

Zum anderen, weil sich die drei etablierten Diskussions-Teilnehmer mit den Fragen von vier Aachener Studenten werden auseinandersetzen müssen.

Religion trifft auf Wirklichkeit. So könnte man dementsprechend das Motto der Veranstaltung „Europas Werte: christlich, jüdisch – auch muslimisch?“ nennen. So zumindest wünschen es sich die Organisatoren, die sechs Rotary-Clubs in der Region Aachen und das Karlspreis-Direktorium. „Wir haben drei Medienprofis auf der Bühne, bei denen immer die Gefahr besteht, dass sie zu viel Kreide gefressen haben“, sagt Jürgen Linden, Vorsitzender des Karlspreis-Direktoriums. Das aufzubrechen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, frischen Wind in die „heiligen Hallen“ zu tragen, in denen genau eine Woche später der Karlspreis an EU-Parlamentspräsident Martin Schulz vergeben wird, das soll die Aufgabe der Studenten sein.

Wie wollen wir zusammenleben?

Eine anspruchsvolle Herausforderung also für die jungen Leute, obgleich sich das Konzept „Etabliert trifft Jung“ in der Reihe „Mehr Europa wagen“ bewährt hat. Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff nahm 2014 teil ebenso wie der ehemalige NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement. 2013 stellte sich unter anderen der ehemalige EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering den Fragen der jungen Leute. Nervosität also bei den Debattenfrischlingen? Ein wenig schon, sagt Deliah Djinou. Dennoch: Sie habe sich mit ihren Kommilitonen gut vorbereitet und freue sich darauf, den drei Religionsvertreter die Fragen zu stellen, die ihr auf den Nägeln brennen.

Davor haben aber zunächst die Etablierten das Wort. Drei Religionen, drei Vertreter: der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sowie Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Ausgangspunkt der Debatte, die vom langjährigen „FAZ“-Journalisten Wolfgang Günter Lerch moderiert wird, ist die Frage, wie das christlich-jüdisch geprägte Europa mit der Tatsache umgeht, dass ein wachsender Teil seiner Bevölkerung muslimischen Glaubens ist.

„Alleine in Aachen ist der Anteil von Menschen mit muslimischem Glauben von etwa einem Prozent in den 70er Jahren auf derzeit zehn Prozent angewachsen“, sagt Linden. Darauf müsse man reagieren, in dem man sich immer wieder die Frage stelle, wie das künftige Zusammenleben aussehen soll. Wie geht Europa als Wertegemeinschaft mit dieser Veränderung um? Wie steht der Islam dazu? Wie reagieren die anderen beiden abrahamitischen Religionen darauf?

Wie fühlen sich deutsche Juden?

Dabei komme man derzeit natürlich am Thema Religion und Gewalt nicht vorbei. Vor dem Hintergrund der menschenverachtenden Taten des Islamischen Staates und der Anschläge auf Juden und die Meinungsfreiheit in Paris und Kopenhagen steht natürlich auch hier der Islam im Fokus. Obgleich der Islam kein Monopol auf Gewalt hat, wie der emeritierte RWTH-Historiker Max Kerner betont, der die Veranstaltung mit einem Ausblick abrunden wird. Auch das Christentum habe blutige Spuren in der Geschichte hinterlassen.

Interessant dürfte hier die Einschätzung von Horowitz sein. Zu seinem Landesverband gehören acht jüdische Gemeinden – unter anderem die in Aachen. Wie ist die Stimmung vor Ort? Gibt es neue Ängste unter den deutschen Juden? Wie verhält sich der alte rechtsextreme Antisemitismus zu dem Antijüdischen in Teilen der muslimischen Gemeinschaft?

Auch die Debatte zwischen Schneider und Mazyek, die beide als sehr meinungsstark gelten, dürfte spannend werden. Schneider, der zum November 2014 wegen der Krebserkrankung seiner Frau sein Amt als EKD-Ratsvorsitzender niederlegte, hat sich immer wieder besorgt geäußert angesichts eine neu aufkeimenden Antisemitismus. In einem Interview mit der „Welt“ lobte er zwar den Einsatz der Islamverbände gegen Judenhass, bemängelt aber gleichzeitig die innerislamische Auseinandersetzung über die Legitimierung von Gewalt im Koran und in der islamischen Tradition. Da höre er zu wenig.

Mazyek, eben ein solcher Verbandsvertreter, hat sich des Öfteren zum Verhältnis von Islam und Gewalt geäußert. Der gebürtige Aachener sagte anlässlich eines Aktionstags muslimischer Religionsgemeinschaften gegen Extremismus und Gewalt: „Ich bin ein Jude, wenn Synagogen angegriffen werden, ich bin ein Christ, wenn Christen beispielsweise im Irak verfolgt werden, und ich bin ein Muslim, wenn Brandsätze auf ihre Gotteshäuser geworfen werden.“ Ein klares Statement des hauptberuflichen Medienberaters, der medial derzeit sehr präsent ist. Eine Präsenz, mit der Funktionäre manch anderer Islamverbände angeblich nicht eben glücklich sind.

Apropos Medien. Auch die sollen thematisiert werden. Vor allem das Bild vom Islam, das in manchen Medien transportiert wird. Das konzentriere sich oft genug auf negative Aspekte, wie der Student Matthias Franken findet. Statt nach Gemeinsamem und Verbindendem zu suchen, betone man Unterschiede. „Es gibt viele positive Beispiele für das Zusammenleben“ sagt Franken. Die Öffentlichkeit erfahre aber zu wenig darüber.

Seine Kommilitonin Yulia Ponomarenko wünscht sich eine echte Neugierde auf das Andere, das vermeintlich Fremde. „Nach einer neuen Studie sehen 57 Prozent der Deutschen den Islam als Bedrohung“, sagt Ponomarenko. Kurioserweise sei die Ablehnung dort am größten, wo am wenigsten Muslime leben. „Ich empfinde andere kulturelle Sichtweisen prinzipiell als Bereicherung“, sagt sie. Das sei nicht mit Naivität zu verwechseln. Man müsse nicht alles gutheißen. Um aber Kritik zu üben, müsse man das Andere zunächst einmal kennenlernen. Die Bereitschaft dazu vermisse sie teilweise.

Vielleicht könnte die Veranstaltung im Krönungssaal Anlass für eine verstärkte Suche nach Gemeinsamkeiten sein. Denn die gibt es durchaus, wie die Organisatoren und vor allem die Studenten betonen. Güte, Nächstenliebe, Hilfe für Bedürftige. Das alles seien Prinzipien, die man in allen drei Religionen finde. Dies gelte es zu betonen. Ohne jedoch Probleme wie das Kopftuch oder die Frage nach der Rolle der Frau auszusparen.

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