Wie gefährlich ist der Job in der Amtsstube?

Von: René Benden
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Alltag im Jobcenter: Kundenkontakt. Inwieweit für die Mitarbeiter dabei Gefahren ausgehen, ist schwer abzuschätzen. Foto: stock/Götz Schleser
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Kritisiert die politischen Rahmenbedingungen: Stefan Graaf, Leiter des Jobcenters der Städteregion Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Im blinden Zorn ersticht ein Mann eine Mitarbeiterin des Jobcenters Neuss. Im Jobcenter Eschweiler werden eine Fallbearbeiterin und ein Sicherheitsmann von einem Kunden zusammengeschlagen. Im bayerischen Rothenburg wird ein Mitarbeiter des lokalen Jobcenters niedergestochen. Der Mann stirbt an seinen Verletzungen.

Spektakuläre Meldungen von gewalttätigen, manchmal gar tödlichen Übergriffen auf Bedienstete in öffentlichen Verwaltungen hat es in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig gegeben. Doch ist die Situation in den Amtsstuben tatsächlich gefährlicher geworden?

Fakt ist, dass es zum heutigen Zeitpunkt kaum statistische Grundlagen gibt, die verlässlich eine wachsende Gefährdungslage nachweisen. Fakt ist aber auch, dass sich die Beamten und Angestellten von öffentlichen Verwaltungen, die regelmäßig Kundenkontakt haben, nicht mehr sicher fühlen. Die Umfrage mehrerer Unfallversicherungen bei mehr als 2000 Mitarbeitern von Jobcentern ergab, dass sich 75 Prozent der Befragten nicht dauerhaft sicher an ihrem Arbeitsplatz fühlten.

Stefan Graaf leitet das Jobcenter der Städteregion Aachen und ist Sprecher im Bundesnetzwerk der Jobcenter. Seit zehn Jahren sind Graaf und seine Mitarbeiter die Exekutive der Hartz-IV-Gesetze. „In diesen zehn Jahren ist das Gewaltpotenzial unserer Kunden gestiegen. So ist zumindest der subjektive Eindruck“, sagt Graaf. Vor allem die verbale Gewalt, Drohungen gegen Mitarbeiter und deren Familienangehörige habe zugenommen. Aus der hausinternen Statistik ist das nicht unbedingt herauszulesen.

Gab es 2013 insgesamt 22 Hausverbote für Kunden des Jobcenters nach Übergriffen, waren es 2014 nur noch 16. „Es gibt eine riesige Dunkelziffer. Insofern ist ein erster Ansatz, dass man das Thema wissenschaftlich besser begleitet.“

Zugleich kritisiert Graaf die politischen Rahmenbedingungen, unter denen viele Verwaltungen arbeiten müssten. Viele Gesetze seien zu kompliziert. „In zehn Jahren hat es beim Sozialgesetzbuch II beispielsweise 70 Änderungen gegeben. Da blickt kein Außenstehender mehr durch“, sagt Graaf. Eine direkte Folge dieser Intransparenz sei Misstrauen und Argwohn gegenüber Verwaltungsmitarbeitern. „Das ist keine gute Grundlage für ein Gespräch, in dem es unter Umständen um die existenziellen Grundlagen einer ganzen Familie geht.“

Gerade für die Mitarbeiter in Jobcentern gebe es das Problem, dass die gesetzliche Definition, wer arbeitsfähig ist, mit der Realität oft nichts zu tun habe. Graaf: „Das führt dazu, dass unsere Mitarbeiter regelmäßig mit psychisch kranken Kunden Kontakt haben, die realistisch auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben. Das führt zu Frust.“

Um ein Gefühl latenter Gefährdung zu vermeiden hat sich das Jobcenter der Städteregion ein Sicherheitsprogramm auferlegt. In Zusammenarbeit mit der deutschen gesetzlichen Unfallversicherung und der Polizei Aachen ist das sogenannte „Aachener Modell“ entstanden – eine Art Leitfaden, wie sich Mitarbeiter öffentlicher Verwaltungen bei unterschiedlichen Gefahren verhalten sollen.

Vergessen dürfe man bei allen berechtigten Sicherheitsinteressen aber nie, dass sich der weitaus größte Teil der Kunden absolut korrekt verhalten würde, sagt Graaf. „Aus diesem Grund fände ich es absolut falsch, wenn aus öffentlichen Verwaltungen Hochsicherheitseinrichtungen würden“, die jeden Kunden unter einen Generalverdacht stellten.

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