Wie ein Geschoss: Raser nach tödlichem Autorennen vor Gericht

Von: dpa
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Autorennen Köln
Ein wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs Angeklagter sitzt in Köln im Sitzungssaal des Landgerichts. Foto: Berg/dpa

Köln. Miriam ist mit dem Fahrrad auf dem Weg von der Kölner Uni nach Hause. Die 19-Jährige fährt auf dem Radweg und trägt einen Helm. Plötzlich schleudert wie ein Geschoss ein Auto auf sie zu, trifft sie mit voller Wucht. Der Fahrer hat bei hohem Tempo die Kontrolle über seinen Wagen verloren.

Miriam hat keine Chance. Drei Tage nach dem Unfall stirbt sie an ihren Verletzungen. Die Ermittler sind überzeugt: Der Unfallfahrer hat sich zuvor ein Rennen mit einem anderen Raser geliefert. Am Mittwoch sitzen die beiden Beschuldigten auf der Anklagebank des Kölner Landgerichts. Die Staatsanwaltschaft wirft den 22 und 23 Jahre alten Männern fahrlässige Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs vor.

Der 23-Jährige tupft sich zwischendurch mit einem Taschentuch die Augen ab. Sein Verteidiger verliest eine Erklärung: Ja, sein Mandant sei viel zu schnell gefahren und habe den Unfall verursacht. „Es tut mir unendlich Leid, dass durch mein Verhalten ein Mensch gestorben ist.” Aber zu einem Rennen hätten die beiden jungen Männer sich nicht verabredet.

Das betont auch der zweite Angeklagte, der durch seinen Anwalt vortragen lässt: „Ich trage keine strafrechtliche Verantwortung, fühle mich aber moralisch mitschuldig.”

Nach Auffassung des Staatsanwalts lief das Geschehen so ab: Die beiden Angeklagten beschließen am 14. April 2015 ein Rennen zu fahren. Sie drücken das Gaspedal durch, versuchen, sich gegenseitig zu überholen. Auf der Straße nahe dem Kölner Tanzbrunnen ist eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern erlaubt. Mit mindestens Tempo 96 kommt einer der Wagen von der Straße ab, prallt gegen den Bordstein und schleudert über die Gegenfahrbahn auf den Radweg.

Es ist nicht der erste Unfall dieser Art in Köln: Nur wenige Wochen zuvor war der Fahrgast eines Taxis ums Leben gekommen - das Taxi war mit einem Raser zusammengestoßen, der an einem Rennen beteiligt war.

Nach dem Miriams Tod richtet die Polizei eine Ermittlungsgruppe ein, um die Raser-Szene mit verstärkten Kontrollen unter Druck zu setzen. Bis heute hat die „EG Rennen” nach Angaben eines Sprechers rund 11.000 Raser erwischt. In 70 Fällen ermitteln die Beamten wegen illegaler Rennen, knapp 150 aufgemotzte, verkehrsuntaugliche Autos wurden sichergestellt.

Illegale Rennen sind in vielen Städten ein Problem, und immer wieder führen sie zu schweren Unfällen. Erst vor zwei Wochen kam ein 69-Jähriger in Berlin ums Leben, als sein Auto gerammt wurde.

Für die meist 18 bis 25 Jahre alten Raser mit ihren oft getunten, PS-starken Wagen hat das Auto Kultstatus. Viele der jungen Männer litten unter einem mangelndem Selbstwertgefühl, sagt der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss: „Das wollen sie dann mit dem Auto kompensieren.”

Um Raser zu bremsen, fordert die Deutsche Polizeigewerkschaft eine PS-Obergrenze für Fahranfänger. Der ADAC plädiert für eine Verlängerung der Fahrausbildung.

„Egal, wie das Urteil ausgeht - es macht den Tod der Tochter nicht ungeschehen”, sagt Rechtsanwalt Bernd Neunzig, der Miriams Eltern als Nebenkläger vertritt. „Aber vielleicht trägt eine angemessene Bestrafung dazu bei, dass Menschen im Straßenverkehr künftig vernünftiger handeln.”