Bonn - Wie ein Forscher einen Mythos enttarnt

Wie ein Forscher einen Mythos enttarnt

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
Das Schwert von Oedt, benannt
Das Schwert von Oedt, benannt nach seiner Fundstelle, galt lange als Beleg dafür, dass schon in der Bronzezeit Feuervergoldungen bekannt waren. Frank Willer vom LVR-Museum Bonn hat die wahre Herkunft enttarnt. Foto: LVR

Bonn. Rund ein halbes Jahrhundert lang galt das Schwert von Oedt nicht nur als ein Original der Bronzezeit, sondern sogar als Beweis dafür, dass bereits damals die Technik der Feuervergoldung bekannt war.

Einer der angesehensten Archäometallurgen seiner Zeit, Joachim Driehaus, hatte immerhin 1968 nach umfangreicher Untersuchung die Echtheit des Schwerts attestiert. Der Griff war ganz offensichtlich separat gegossen worden, aber das war nicht ungewöhnlich.

„Vergleichbar mit dem Typ Spatzenhausen’”, war Driehaus’ Fazit. Mit diesen Angaben lag es seit den 1950er Jahren im LVR-Landesmuseum Bonn in einer Vitrine. Bis es für die Ausstellung „Die Himmelsscheibe von Nebra” ausgeliehen werden sollte. „Ist der Griff wirklich so alt?”, rätselte Frank Willer, Experte für antike Technologien am LVR-Landesmuseum Bonn, als er die Waffe in den Händen hielt. Heute steht fest: Die Geschichte des Schwerts von Oedt muss neu geschrieben werden.

Die Datierung der Klinge - rund 1500 v. Chr. - war zwar einigermaßen korrekt. Sie stammt aus der mittleren Bronzezeit (1575 bis 1200 v. Chr.). Aber der Griff wurde in der Zeit des Nationalsozialismus hergestellt. Er wurde nur in Anlehnung an Dolchgriffe - nicht Schwertgriffe, wohlgemerkt - aus der Bronzezeit angefertigt. Gerade einmal zwei Monate hat es gedauert, bis Willer zu diesem Fazit kommen konnte. Dazu waren allerdings aufwendige Methoden nötig.

Experte für antike Techniken

Willer arbeitet in einem der modernsten Restaurationslabors in ganz Deutschland, in denen nicht nur archäologischen Funde untersucht und restauriert werden, sondern alles in Augenschein genommen wird, was die Denkmalpflege betrifft. Auch Gemälde beispielsweise. Er ist in einem 15-köpfigen Team Experte für antike Herstellungstechniken. Nicht so sehr die Form, sondern handwerkliche Gesichtspunkte interessieren ihn. Als gelernter Goldschmied und Experte für Großbronzen kennt er sich aus. Deshalb machte ihn die Legierung des Schwertgriffs auch stutzig. Reines Gold - das wäre für die Bronzezeit noch denkbar gewesen. Aber eine Vergoldung? Nein. So viel war sicher.

Das Physikalische Institut der Uni Bonn fand Quecksilberspuren, damit war belegt, dass es sich um eine Feuervergoldung, eine Messinglegierung, handeln muss. Diese Technik beherrschten aber erst die Römer. Hatten die Römer also die bronzezeitliche Klinge mit einem neuen Griff versehen? Willer zweifelte. Denn was ihm am meisten zu denken gab, waren drei silbrige Stellen, die unter dem Mikroskop und im Röntgenbild wie Lötnähte aussehen. Irgendjemand musste den Griff zersägt und mit Silberlot wieder zusammengefügt haben. Aber in der Antike gab es weder Werkzeug, mit dem eine Zerteilung ohne großen Materialverlust möglich gewesen wäre, noch Silberlot. Damit waren die Römer raus.

Hatte also jemand einen Griff aus der Römerzeit zersägt und mit der Klinge zusammengefügt? Oder stammte er doch aus der Bronzezeit und war nur überarbeitet worden? Es wurde immer aufregender. Willer musste ins Innere des Griffs schauen, um das Rätsel zu lösen - ohne ihn zu zerstören, versteht sich.

Dazu fuhr er nach Berlin, zur Bundesanstalt für Materialforschung. Mittels Computertomographie wurde das Schwert stundenlang bis auf den Hundertstelmillimeter genau gescannt. Bohrkanäle wurden dabei zum Beispiel sichtbar, dessen spitz zulaufende Enden auf einen modernen Metallbohrer hinweisen, und Metallstifte. Wer auch immer sich am Schwert zu schaffen gemacht hat, hatte den Griff ausgehöhlt, um Platz für die Klinge zu machen, und die Teile mithilfe von Stiften und Silberlot zusammengefügt. Das Silberlot enthielt Kadmium, ein modernes Metall, das erst ab 1818 bekannt war. Blei-Isotopenmessungen ergaben zusätzlich Hinweise auf eine Entstehung im 19. Jahrhundert.

Der Griff wurde immer jünger. Und da nachweislich an der Klinge nur ein Mal gebohrt wurde, hatte sie vorher nie in einem Griff gesteckt. „Vermutlich handelt es sich um eine Opferklinge”, sagt Willer. Eine Geste des Danks an die Götter. Alle Nieten am Griff waren aus Messing, bis auf die oberen. Zinn und Blei wurden nicht verwendet. Damit hatte der Täter seinen Berufsstand verraten: Sowohl das feine Werkzeug zum Zersägen des Griffs also auch die (nicht verwendeten) Materialien weisen eindeutig auf einen Goldschmied hin.

Aufruf in „Germanenerbe”

Rein technisch war jetzt alles klar. Aber die Datierung, die Hintergründe lagen immer noch im Dunkeln. Willer fand überraschend in der Literatur die entscheidenden Hinweise. In der Zeitschrift „Germanenerbe” erschien 1936 ein Aufruf, Schulen sollten statt Gipsmodellen qualitätsvolle Repliken von bronzezeitlichen Waffen als Anschauungsmaterial im Geschichtsunterricht verwenden. 1938 war in selbiger Zeitschrift eine Anzeige eines Kölner Verlags zu finden, der solche Modelle anbot. In den 30er Jahren wurden also haufenweise Repliken nach bronzezeitlichen Vorbildern in Umlauf gebracht. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass beim Schwert von Oedt der Griff von einer solchen Replik abmontiert und auf die Klinge gesetzt wurde.

Wie die zwei Teile zueinanderkamen, ist aber weiterhin ein Rätsel. Eine Theorie: Ein Sammler besaß die Klinge bereits, fand auf einem Trödelmarkt eine der Nachbildungen und beauftragte einen Goldschmied mit der Montage. Der Auftraggeber lebte vielleicht am Niederrhein, denn dort soll das Schwert 1947 im Fluss Niers nahe des Ortes Oedt gefunden worden sein.

Noch mehr (Teil-)Fälschungen?

Willer wird seine bahnbrechenden Erkenntnisse in einer internationalen Zeitschrift veröffentlichen. Vielleicht wird auf diese Weise noch die ein oder andere weitere (Teil-)Fälschung enttarnt.

Der Restaurator erhofft sich davon aber auch, weitere Informationen zum Schwert von Oedt zu gewinnen. Vielleicht sogar noch vor dem 5. Juli. Denn dann wird die Waffe zusammen mit ihrer neuen Geschichte im Rahmen einer Ausstellung des LVR-Landesmuseums Bonn präsentiert. Es bleibt spannend.
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