Wie ein Dorf den WM-Pokal zu sich holt

Von: Manfred Kutsch
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Dorfmittelpunkt: Die Wirtin im „Dorfstübchen“, Saskia Borg, ist ein Hahner Mädchen. Wie so viele im Ort ist sie dort geboren, aufgewachsen und geblieben. Foto: Manfred Kutsch
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Üben den Pokaljubel schon Mal mit einer Milchkanne: Raul Ssykor und Tom Zeimers mit dem Vorsitzenden des FC Inde Hahn, Dietmar Halterbeck.
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In Hahn rückt man zusammen: Franz Josef „Jupp“ Hansen, Mitglied in vier Vereinen, Gisela Ortmann, Vorsitzende des Musikvereins, und Manfred Hansen, früherer Rektor der Walheimer Grundschule.
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Generationen begleiten sich in Hahn rund um die Lebensuhr: Auch im großen Orchester des Musikvereins Hahn spielen Jung und Alt gemeinsam.
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Karl-Heinz Groß (links) und Horst Schornstein trainieren mit dem Luftgewehr. Ihre St.-Sebastianus-Schützen bewirtschaften auch das „Dorfstübchen“.

Aachen. Man denkt hier an alles Mögliche, in Aachens südlichstem Stadtteil Hahn. Nur nicht an Globalisierung. Erst Recht nicht an ein Symbol der Mega-Vermarktung Fußball, den WM-Pokal 2014. Der aber wird am Montag, 6. Juli, genau neun Stunden die Idylle im Tal des Münsterländchens tatsächlich stören.

In Hahn. Nie gehört? Wer oder was ist Hahn? Eine Spurensuche.

Das auf den ersten Blick verschlafene 1000-Seelendorf in einem grünen Kessel am Fuße der Eifel hat schon lange keine Schule mehr, immerhin einen Kindergarten, aber keinen Lebensmittelladen oder Bäcker, keine öffentliche Gaststätte, keine Apotheke, kaum Gewerbe – abgesehen von einem Friseur, einem Schlosser und einem Schreiner.

Zwei Katzen, ein Igel, drei Kinder, ein Mann und zwei Frauen kreuzen zwischen 18 und 18.15 Uhr das Zentrum des Ortes rund um die neugotische Pfarrkirche St. Maria Schmerzhafte Mutter. Dort plätschert die Inde vorbei. Rund 15 Meter hohe, ausladende Birken sorgen für Schatten. Frankophilen Zauber verbreiten Natursteinbauten und schwere Fensterläden mit üppigen Blumenkästen auf den Bänken.

Was niemand ahnt: Zwischen der Ruhe im milden Sonnenlicht des späten Nachmittages und dem wahren Geist des Ortes klaffen Welten. Denn die zentrale Nahversorgung der Menschen mit Geselligkeit, Hilfsbereitschaft und Verlässlichkeit funktioniert hier besser, als in jedem urbanen Hip-Viertel – meint jedenfalls der Hahner an sich und Gisela Ortmann allen voran.

Die 57-jährige Mutter einer Hornistin (30) und eines Posaunisten (26) ist die Vorsitzende des Musikvereins Hahn, und sie sagt: „Wo gemeinsame Aufgaben, Bindungen und Ziele entstehen, ist für Anonymität und Missgunst kein Platz. Das ist das, was Hahn ausmacht.“

Die Tuba für den Messdiener

„Jeder kennt hier jeden, jeder hilft hier jedem“, sagt Alfred Löhr (65) im Thekengetöse des „Dorfstübchens“. Montags und freitags wird es am Abend und sonntags zum Frühschoppen durch die ehrwürdigen St.-Sebastianus-Schützen von 1660 bewirtschaftet – und von allen im Dorf bevölkert.

An der Wand hängt eine gewaltige Blechpfanne, mit der Bud Spencer 100 Bösewichte gleichzeitig verprügelt hätte: „Die wird seit Generationen im Dorf regelmäßig für unser Hahner Nationalgericht Speck und Eier genutzt, nachts manchmal mit viel Kognak“, klärt Löhr auf. „30 Eier passen da rein.“ Das weiß in Hahn jedes Kind.

Wenig weiter an der Wand findet sich das gerahmte Schwarzweißbild von Pfarrer Jakob Lückerath, der 1960 den Musikverein gründete und sich darüber mit seiner Haushälterin, die auch seine Schwester war, in die Haare gekriegt hatte. Denn die musikalische Passion des Geistlichen war so groß, dass er dem damals 13-jährigen Messdiener Jupp lieber eine Tuba schenkte als seiner Haushälterin eine neue Waschmaschine.

„‚Du spielst auf meiner Waschmaschine‘, schimpfte sie immer“, erinnert sich Jupp, der heute 73-jährige Kfz-Technikermeister Franz-Josef „Jupp“ Hansen, der immer noch im Musikverein spielt – längst auch Bassgitarre.

Beim frisch aufgestiegenen Landesligisten FC Inde Hahn trainiert Jupp Hansen die fast sieben Jahrzehnte jüngeren Bambinis. 40 Jahre hat er selber aktiv gespielt, „zweimal bin ich mit dem FC abgestiegen, dreimal aufgestiegen, gefeiert haben wir jedes Mal“, berichtet der Senior mit den hellwachen blauen Augen. Er ist – wie so viele hier – in Hahn geboren, aufgewachsen und geblieben. „Ich wollte nie woanders hin. Das Gemeinschaftsleben hier, der Zusammenhalt quer durch alle Generationen war und ist durch nichts zu ersetzen.“

Blickt man auf den Terminkalender des Dorfes, wird das nachvollziehbar. Was soll man schon anderswo verpassen, wenn Jahr für Jahr eine nicht enden wollende Serie an Feierlichkeiten und Aktivitäten steigt? Von allen vier Vereinen werden sie mitgetragen: das Frühjahrskonzert, die Kirmes, der Fettdonnerstag, das Kirchenkonzert, St. Martin, das Jugend-Zeltlager, die ständig anfallenden Jubiläen, ganz zu schweigen von runden Geburtstagen, Geburten und Todesfällen.

„Hier begleiten sich Generationen rund um die Lebensuhr“, sagt Gisela Ortmann. Auch über den Tod hinaus. Dazu zählt die Präsenz der Namen der gefallenen jungen Männer aus Hahn – 41 im Ersten und 37 im Zweiten Weltkrieg. An der zentral gelegenen Gedenkstätte ist auch Josef Hansen aufgeführt – der Vater von Jupp Hansen und seinem Bruder Manfred, einst Rektor der Grundschule Walheim. Die in Granitstein gemeißelte Erinnerung ist das, was den damals zwei und drei Jahre alten Jungs vom Vater geblieben ist.

1200 Mitgliedschaften im Fußball-, Musik-, Schützen-, Geschichtsverein und im Kirchenchor übertreffen die Einwohnerzahl von Hahn um ein Vielfaches. Im FC Inde, vorangetrieben vom umtriebigen Backwaren-Kaufmann Dietmar Halterbeck, sind allein 500 Mitglieder angedockt. Für Generationen unvergessen wird der Pokalsieg gegen Alemannia Aachen im Oktober 2013 sein – eine regionale Sternstunde! Und nach dem 6. Juli 2015 wird die Vereinschronik sogar um ein globales Event reicher sein.

27.000 deutsche Vereine durften sich um eine Stippvisite des grellsten nur denkbaren Spotlights der Marke Fußball bewerben – dem Fifa-WM-Pokal 2014. Unter 800 Teilnehmern setzte sich der FC Inde Hahn gemeinsam mit 62 anderen Vereinen durch. Club-Poet und Orts-Comedian Axel Stettner, Jugendleiter im Musikverein, hatte ein vor dörflicher Selbstironie triefendes Bewerbungsvideo brillant präsentiert – mit Erfolg!

Mit ganz anderer „Sprachkunst“ warten die PR-Strategen des DFB auf. Martialisches Wortgut verkündet die frohe Botschaft der nahenden Ausstellung der Krone von König Fußball in den beiden Edel-Trucks des Weltmeisters: „8,75 Tonnen Nervenkitzel. 184 PS Fußballwahnsinn. 130 Quadratmeter Kopfkino. Und vier Sterne. Und das alles auf dem Weg zu Euch!“

Also auch zu Tom (9) und Raul (10), Linksverteidiger und Rechtsaußen der E2-Jugend des FC. „Das wird total spannend, den Pokal zu sehen, davon konnten wir bisher nur träumen“, so beide wie aus einem Munde. „Unvergessen“ sind den Jungs die Bilder, auf denen WM-Torschütze Mario Götze, von Glückshormonen und Adrenalinstößen geschüttelt, den Cup in den Himmel von Rio de Janeiro hält. Und jetzt kommt das Ding unters Firmament von Aachen-Hahn.

Gleich bei der Kirche um die Ecke, auf die Wiese des Kirmesplatzes. Mögen die 135 Jahre alten Mauern von St. Maria Schmerzhafte Mutter dem Beben des Zeitgeistes „Religion Fußball“ standhalten. Denn der Kelch der Fans wird der Pokal sein: 6,175 Kilo schwer, 36,8 Zentimeter groß, aus 18-karätigem Gold und zwei Malachit-Ringen gefertigt.

Der Weg zum Vereinsgelände des FC Inde Hahn führt rund 500 Meter hinaus aus der Naturstein-Siedlung über den schmalen asphaltierten Kitzenhausweg, hinauf gen Horizont über bis zu 15 Prozent Steigung, links und rechts dicht bewachsen, zum Teil ein grüner Hohlweg. „Man ist jedes Mal ganz gespannt, wenn man da rauffährt“, schildert Tom die Magie der Anlage seines Clubs. Mit rundum freiem Blick wirkt sie wie ein Dach über dem Indetal.

„Wir versuchen, den Verein auf einem guten Niveau zu führen, nie halbherzig“, sagt der Vorsitzende Halterbeck: „Wir sind 15 Leute im Vorstand, wir denken nicht in Hierarchien, sondern nur in Ressorts und verteilen die Aufgaben auf vielen Schultern.“ Oberste Maxime sei „Nachhaltigkeit in der Jugendarbeit“. Halterbeck: „Uns ist bewusst, dass wir für jedes Kind auch Verantwortung übernehmen.“

Unten im Tal brechen gerade rund 50 Mitglieder des Musikvereins im Alter zwischen zwölf und 76 Jahren zur Probe des Großen Orchesters auf. Die „guten Seelen“ der Formation, Dieter Strang und Hubert Merx, können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mitspielen, kommen aber dennoch: „Das ist für uns ganz wichtig, das gibt uns Geborgenheit“, sagt Jupp Hansen. Der wird die Tuba des Pfarrers anno 1960 so in Ehren halten wie ganz Hahn am 6. Juli den WM-Pokal 2014.

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