Wie die Rheinländer backen, feiern, leben

Von: Daniela Lukassen
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Lea (8, l) und Johanna (10) beißen am Montag (27.12.2010) in einem Kaufhaus in Osnabrück in ein Stück Pfefferkuchen. Kinder können am ersten Tag nach Weihnachten ein dort aufgebautes Pfefferkuchenhaus "abknuspern" und die Leckereien aufessen. Foto: dpa

Aachen. Warum backen Rheinländer in der Adventszeit Pfefferkuchenhäuschen? Warum feiern die Menschen im Rheinland Karneval? Und warum ist der Heilige Antonius bei Schweinegrippenalarm zuständig? Alois Döring kennt sie alle, die rheinischen Bräuche. Seit 32 Jahren hat der promovierte Volkskundler des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) sie erforscht, festgehalten und zum Teil sogar wieder belebt. „Für mich ist es die wichtigste Frage, wie sich Bräuche im Laufe der Zeit entwickelt haben“, sagt er.

Das Glockenbeiern

Das Rheinland, die Menschen, ihre Traditionen und Geflogenheiten kennt Döring wie seine Westentasche. Dabei kommt er selbst eigentlich aus Franken. Als er am 1. Oktober 1980 seine Stelle beim LVR antrat, waren ihm einige Bräuche darum ein Rätsel. „Was mir zum Beispiel gar nicht bekannt war, war das Glockenbeiern“, sagt Döring. Das Glockenbeiern war eine festliche Art des Glockenläutens, mit dem besondere kirchliche Festtage angekündigt wurden. „Der älteste Bericht für das Glockenbeiern stammt vermutlich aus Aachen“, sagt Döring.

Am 1. Januar 2013 geht der Volkskundler in den Ruhestand. Und heute kann ihm so schnell keiner mehr etwas vormachen, wenn es um rheinisches Brauchtum geht. „Ich bin im Laufe der Jahre viel im Rheinland rumgekommen“, sagt Döring. Er betreute Filmprojekte zum Glockengießen, zur Solinger Schneidwarenindustrie und zu vielem mehr. Besonders begeistern ihn noch immer jene Bräuche, die erst im Laufe der vergangenen Jahre in der Region Einzug gefunden haben. „Ich habe zum Beispiel Filmprojekte zu einer äthiopisch-orthodoxen Hochzeit und zum griechischen Osterfest betreut“, sagt Döring.

Brauch wiederbelebt

Und so manchen Brauch hat er sogar selbst wiederbelebt. Wenn auch unbeabsichtigt. „Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe“, sagt er und lacht. Ein solcher Brauch ist etwa das Aufsetzen des Kirchturmhahns. „Die Dachdecker haben den Kirchturmhahn früher erst einmal der Gemeinde vorgestellt, bevor sie ihn auf das Dach gesetzt haben“, sagt er. „Sie sind mit ihm von Haus zu Haus gegangen und haben Geld für einen Umtrunk gesammelt.“ Ein Brauch, der im Rheinland früher weit verbreitet war – und es plötzlich wieder ist. Unzählige dieser Traditionen hat Döring in den vergangenen Jahren kennengelernt, Vorträge dazu entwickelt, Bücher geschrieben, Umfragen durchgeführt. Und die Ideen, welche Bräuche er einmal genauer unter die Lupe nehmen könnte, gehen ihm nicht aus. „Am Anfang habe ich geschaut, was ich schon aus Franken kannte und was für mich im Rheinland neu war“, erinnert er sich. So wie der Karneval. „Da bin ich damals richtig eingestiegen“, sagt Döring. Zwar stand er schon in Franken mit seinem Bruder in der Bütt, aber die rheinische Art, Karneval zu feiern, war ihm fremd.

Seine Ideen bekommt der Volkskundler heute durch Zeitungsartikel und Gespräche mit den Rheinländern. Sie liefern ihm oft neuen Stoff für seine Forschungen. „Ich stoße immer wieder auf etwas ganz Besonderes und denke, dem muss ich auf den Grund gehen“, sagt Döring. Eine Erklärung, warum sich so mancher, merkwürdig anmutende Brauch entwickelt hat, hat er nicht immer. „Auch damit muss man als Forscher leben“, sagt er. „Man macht Entdeckungen, forscht nach und kommt nie zu einem Ergebnis.“

Angst, dass es ihm im Ruhestand langweilig werden könnte, hat er nicht. „Ich möchte die Menschen besuchen, die damals die Glockengießerei hatten, über die ich das Filmprojekt gemacht habe“, sagt er. Und eines steht fest: Alois Döring wird weiter forschen. Denn was die rheinischen Bräuche betrifft, gibt es noch viel zu entdecken.

„Knusper, knusper, knäuschen. Wer knuspert an meinem Häuschen?“ Diesen Satz aus dem Märchen Hänsel und Gretel haben wohl die meisten schon einmal gehört. Und auch, dass es sich bei diesem Häuschen um ein Pfefferkuchenhaus handelt, ist bekannt.

Lebkuchen im Advent

Aber warum werden gerade in der Adventszeit Lebkuchenhäuschen gebacken? Die Volkskundler des LVR sind dem auf die Spur gegangen. „Die Vorstellung von Häusern aus essbaren Materialien reicht mindestens bis in das 15. Jahrhundert zurück“, sagt Döring. „Damals kamen die Vorstellungen vom Schlaraffenland mit nachwachsenden Knusperhäuschen auf.“ Schon der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs schrieb: „Drey Meyl hinter Weynacht liegt das Schlauraffenland“ und dort seien die Häuser „deckt mit Fladn, Leckkuchen die Hußthür und Ladn“.

Humperdincks Märchenoper

Die Vorstellung vom Pfefferkuchenhäuschen hat auch Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ geprägt. Bei ihrer Uraufführung stand 1893 in Weimar ein echtes großes Lebkuchenhaus auf der Bühne. Für den Komponisten gab es als Dankeschön ein kleines essbares Hexenhaus. Seitdem gehören Pfefferkuchenhäuschen und das Backen dieser kleinen Kunstwerke für viele Familien zur Adventszeit dazu.

Säutünnes, Värke Tüenes oder Schweinetines: Der Heilige Antonius hat viele Namen. Und er hat auch eine ganz besondere Funktion. Bei Schweinegrippenalarm könnte es helfen, ihn anzurufen. Und bis in das 20. Jahrhundert hinein war das bei Seuchenkrankheiten von Mensch und Vieh üblich. „Sein Namenstag am 17. Januar war mit vielen eigentümlichen Bräuchen verbunden“, sagt Döring. Von der Brotsegnung über das Schlachten von Antonius- schweinen zur Unterstützung der Armen bis zum Segnen des Antoniuswassers, das dann etwa bei Schweinepest gereicht wurde – die Bräuche sind vielseitig. Heute wird der Heilige Antonius in erster Linie bei Alltagssorgen um Hilfe angerufen – und natürlich bei Schweinegrippenalarm.

Im christlichen Kalender

„Karneval ist im christlichen Kalender verankert“, sagt Döring. Das Fest entwickelte sich aus praktischen Gründen. Denn vor Beginn der Fastenzeit mussten alle verderblichen Lebensmittel aufgebraucht werden. „Seit dem 13. Jahrhundert geschah dies im Rahmen öffentlicher Gelage“, sagt Döring. Karneval entwickelte sich schnell zum Fest mit Tanz, Musikanten und Maskierung. Ab dem 17. Jahrhundert fanden die ersten Maskenbälle und das Maskentreiben auf den Straßen statt.

Maskenzug durch Köln

In Düsseldorf prägte der Hof das Bild des Karnevals. Denn dort brachte die zweite Frau des Kurfürsten Johann Wilhelm II., Anna Maria Luisa, italienische Bräuche mit an den Düsseldorfer Hof. Bei den Kölnern und Aachenern bürgerten sich die Maskenbälle erst im Laufe des 18. Jahrhunderts ein. Die französischen Revolutionstruppen verboten das Fest 1795.

27 Jahre später kamen in einem Kölner Gasthaus einige junge Männer zusammen, die die Idee des Karnevals wieder aufleben ließen. Am Fastnachtsmontag 1823 zog der erste Maskenzug des reformierten Karnevals durch Köln. Zwei Jahre später hatte auch Düsseldorf seinen eigenen Fastnachtsmontag-Zug. Von 1826 bis 1829 zogen Bonn, Düren und Aachen nach. Der rheinische Karneval war geboren.

<i><b>Zum Nachlesen: Zwei Bücher voll mit Bräuchen</b>

Nachlesen können Sie die beschriebenen und weitere Bräuche zum Beispiel in Alois Dörings Buch „Rheinische Bräuche durch das Jahr“, erschienen im Greven Verlag Köln 2006 (2. Auflage 2007, 440 Seiten mit 230 Abbildungen, ISBN 978-3-7743-0377-5, 24,90 Euro).

Oder lesen Sie folgendes Buch des Volkskundlers Alois Döring, wenn Sie noch mehr über rheinische Bräuche wissen wollen: „Heilige Helfer. Rheinische Heiligenfeste durch das Jahr“, ebenfalls erschienen im Greven Verlag Köln 2009 (ISBN 978-3-7743-0432-1, 19,90 Euro).</b>

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