Erkelenz - Wie die Kohle die Gesellschaft spaltet

Wie die Kohle die Gesellschaft spaltet

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
15186296.jpg
Im Geisterdorf Immerath lebt kaum noch jemand. Foto: Gerhards
15186290.jpg
Täglich werden dort Mauern eingerissen, weil die Kohlebagger näher kommen. Foto: Gerhards
15186468.jpg
Deswegen musste auch Wilfried Lörkens sein mittlerweile abgerissenes Haus Palant verlassen. Foto: CUH
15186305.jpg
Dieser Prozess läuft seit langem gegen den Widerstand der Umsiedler. Seit einigen Jahren kommen neue Kohlegegner, die Aktivisten von „Ende Gelände“.

Erkelenz. Das Schild wirkt völlig deplatziert. Ein Hofladen verkauft Kartoffeln, mitten in Immerath. An dem Bauernhaus stehen Blumenkästen mit hübschen Chrysanthemen auf den Fensterbänken. Auf dem Hof sind vier Kinderroller in einer Reihe abgestellt. Das Schild, die Blumen, die Ordnung. Das sind letzten Atemzüge eines sterbenden Dorfes.

Alle anderen Häuser an dieser Straße, die zur bereits entweihten Kirche führt, sind offensichtlich nicht mehr bewohnt und verfallen. Die Türen sind mit Brettern vernagelt, die Rollläden heruntergelassen. Andere Straßenzüge sind schon komplett abgerissen. Immerath stirbt in Etappen.

Auch an diesem sonnigen Augustmorgen verschwindet ein Stück des Dorfes. Die meisten Einwohner sind längst weg. Im neuen Ort Immerath. Oder sonst wo. „We stay“ („Wir bleiben“) steht mit weißer Farbe an einer Hauswand – über zugemauerten Fenstern. Sie sind nicht geblieben. Zum 30. Juni sollen laut Statistik der Stadt Erkelenz noch 66 Menschen im alten Immerath gelebt haben. Das ist kaum vorstellbar.

1,2 Milliarden Tonnen Braunkohle

In Immerath hat der Energiebedarf vieler gegen das Recht auf Heimat gewonnen. RWE baggert ab. In fünf bis sechs Jahren sollen die gigantischen Braunkohlebagger dort angekommen sein. Das alles geschieht mit Erlaubnis der Landesregierung, mit dem Segen des Bundesverfassungsgerichts. Weil unter dem Erkelenzer Ortsteil Braunkohle liegt, sehr viel Braunkohle. 1,2 Milliarden Tonnen Kohle darf RWE in Garzweiler noch fördern.

Der Kampf gegen die Kohle und das Unternehmen RWE Power, das sie abbaut, ist für Wilfried Lörkens vorbei. Er hat diesen Kampf verloren. Er ist umgezogen, aus Alt-Borschemich in den Umsiedlerort Borschemich (neu). Aus der jahrhundertealten Wasserburg Haus Palant in ein modernes Einfamilienhaus. Aus einem gewachsenen Ort mit dörflichen Strukturen in ein riesiges Neubaugebiet. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mussten in Deutschland mehr als 50 Orte den Braunkohlebaggern weichen. Autobahnen wurden verlegt, Äcker, Wiesen und Wälder abgebaggert. Und rund 35 000 Menschen umgesiedelt. Wilfried Lörkens ist einer von ihnen.

Lörkens versucht zu vergessen, was einmal war. „Zu viel darüber nachzudenken, tut einem nicht gut“, sagt Lörkens, 65 Jahre. Haus Palant war streng denkmalgeschützt, es war so etwas wie ein Dorfmittelpunkt. Viele Schützenfeste sind dort gefeiert worden. Jetzt ist es weg. Für immer.

Ein paar alte Möbel hat Lörkens noch aus seinem Geburtshaus mitgebracht. Aber es sei einfach nicht dasselbe. „Man kann das nicht vergleichen. Ich habe gerne hinter den dicken Mauern von Haus Palant gewohnt“, sagt er. Aber am Ende blieb ihm nichts anderes übrig, als das Angebot von RWE anzunehmen. Das seien zähe Verhandlungen gewesen, die Drohung, ihn zu enteignen, habe im Raum gestanden. Also gab Lörkens seinen ganz persönlichen Kampf um Heimat und seinen Geburtsort auf.

Lange haben sich die Bewohner von Borschemich, Immerath und den anderen Orten, die dem Tagebau weichen müssen, dagegen gewehrt. Ohne Erfolg. Die Bagger rücken mit jedem Tag näher. Und jetzt kommen andere, die gegen den Tagebau sind. Tausende Kohlegegner schlagen in dieser Woche im Klimacamp am Lahey-Park bei Erkelenz-Kückhoven ihre Zelte auf. Sie sind nicht unmittelbar selbst betroffen. Sie kommen aus ideologischen Gründen. Sie wollen das Weltklima retten. Deshalb fordern sie einen sofortigen Ausstieg aus der Braunkohle. Gipfeln soll der Protest in der Aktion „Ende Gelände“. Was genau geplant ist, ist derzeit nicht bekannt. Alles deutet darauf hin, dass die Aktivisten wieder versuchen, die Bagger im Tagebau Garzweiler lahmzulegen. So wie im August 2015, als mehr als 800 Klimaaktivisten in den Tagebau eindrangen. Das Ausrufezeichen hinter der Aktion soll diesmal noch dicker werden.

Die Polizei, der RWE-Konzern und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) befürchten, das die Aktivisten ihr Ziel auch mit Gewalt erreichen wollen. Man wappnet sich für das Wochenende, für das Massenproteste angekündigt sind. Die Polizei schreibt vor dem Klimacamp Landwirte an, auf deren Flächen die Aktivisten ihre Zelte aufschlagen könnten. Vielleicht um Druck aufzubauen. Die Behörden verschärfen die Grenzkontrollen. Straftaten will die Polizei konsequent verfolgen. Man ist alarmiert nach den G 20-Ausschreitungen vom Hamburg.

Über Parallelen zu Hamburg spricht auch Manfred Maresch. Er ist Bezirksleiter bei der IGBCE. „Wir finden Proteste vollkommen in Ordnung. Wir demonstrieren auch oft. Aber Gewalt darf kein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein“, sagt er. Man müsse sich das einmal vorstellen, sagt Maresch. „Man arbeitet an einem Großgerät. Und dann kommen 1000 Leute oder mehr auf einen zu. Und die haben nichts anderes im Kopf, als dieses Gerät zu besetzen.“ Das sei eine Bedrohungssituation. Und die führe zu Stress, Angst und einer Abwehrhaltung.

Wie diese Abwehrhaltung aussieht, verdeutlicht eine Szene der Proteste aus dem Jahr 2015. Die große Gruppe mit Hunderten Demonstranten ist bereits im Tagebau. Sie geht auf den Bagger 258 zu. Aber die Aktivisten werden nicht durchkommen. RWE-Arbeiter blockieren den Weg mit großen Geländewagen. Sie bilden eine Kette. Aus ihren Blicken spricht Entschlossenheit. Bis hierher und nicht weiter. Es kommt nicht zu einer Auseinandersetzung – vielleicht auch, weil viele Polizisten im Tagebau sind. Aber die Frontlinie ist klar und unverrückbar. Die einen wollen den Kohleabbau stoppen, weil er das Weltklima schädigt. Die anderen wollen Kohle fördern, weil das ihren Arbeitsplatz garantiert.

In diesem Augenblick wird deutlich, dass es kein Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß gibt. Es ist nicht nur der Kampf des einzelnen Aktivisten gegen die Profitinteressen des Großkonzerns RWE. Es geht dabei auch um stolze Arbeiter, die dem Tagebau einen Job verdanken, mit dem sie den Kredit für ihr Haus abbezahlen können. Rund 9000 Menschen sind im Rheinischen Revier direkt in der Braunkohle beschäftigt. Doppelt so viele Jobs in weiteren Unternehmen hingen an der Braunkohle, sagt Lutz Kunde, Leiter des Tagebaus Garzweiler.

Die Leute, die die Bagger in Richtung Immerath und Borschemich steuern, leben vom Tagebau. Aber sie leben auch in der Region, die von gigantischen Gruben gezeichnet ist. „Wir sind Teil der Region. Wir sind keine Fremdkörper. Unsere Mitarbeiter sind Erkelenzer, sind in den Kirchengemeinden und den Vereinen aktiv“, sagt Kunde. Die Region lebt mit dem Tagebau, der ein riesiges Loch in sie hineinfrisst. Das soll erst Mitte des Jahrhunderts vorbei sein, sagt Kunde.

All die Mitarbeiter sorgen dafür, dass jährlich rund 37 Millionen Tonnen Braunkohle im Tagebau Garzweiler gefördert werden. Und ohne die gehen die Lichter in Deutschland aus. Das sagt zumindest RWE. „Wir sind diejenigen, die die Versorgungssicherheit garantieren. Wir sind die Partner der erneuerbaren Energien, die gewährleisten, dass der Industriestandort Deutschland weiter funktioniert“, sagt Kunde. Für die Grundlast im deutschen Stromnetz seien die Windkraft und Solarenergie gut, aber bei Wolken und Windstille gehe es nicht ohne Braunkohle, sagt er.

Gewerkschafter Manfred Maresch ist ein Mann, der so komplizierte Dinge wie die Energiewende mit einfachen Worten erklären will. „Wenn 14 Tage keine Sonne scheint und wenig Wind weht, dann steht die Produktion bei Saint Gobain in Herzogenrath still. Eine Glaswanne braucht Energie. Und zwar eine Menge Energie“, sagt er. Die Alternativen Gas und Steinkohle seien zu teuer. Man kann die Worte von Maresch und Kunde so deuten: Ohne Braunkohle geht der Industriestandort Deutschland den Bach runter.

Ein Teil der Wahrheit ist aber auch, dass der Strom aus der Braunkohle einen dicken Batzen zum jüngst präsentierten Milliardengewinn des RWE-Konzerns beiträgt. Dem Unternehmen und den Aktionären geht es natürlich am Ende um den Profit.

So kann man auch die Worte von Dirk Jansen deuten. Er ist Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Und er sagt, dass Deutschland nicht auf den Braunkohlestrom aus Garzweiler und Hambach angewiesen ist: „Wir haben massive Überkapazitäten bei den fossilen Kraftwerken, wir haben auch die höchsten Netto-Stromexporte ins Ausland seit langem. Wir brauchen die Braunkohle also nicht mehr.“ Wegen dieser Braunkohle werde Deutschland seine Klimaziele „krachend“ verfehlen, „wenn wir nicht bis 2020 noch die dreckigsten Braunkohlekraftwerke abschalten“.

Mehr als Steine und Mörtel

Vor Ort ist der Tagebau aber erst einmal ein massiver Einschnitt in eine jahrtausendealte Kulturlandschaft. In Kückhoven wird Anfang der 90er Jahre ein 7000 Jahre alter Holzbrunnen gefunden. Es ist also sicher, dass damals schon Menschen in der Nähe des heutigen Tagebaus lebten. Was Menschen fühlen, wenn sie diesen Landstrich wieder verlassen müssen, wird im Februar 2016 deutlich. Als der Abriss der Borschemicher Kirche beginnt, kommt eine Handvoll Borschemicher, um einen letzten Blick auf ihr Gotteshaus zu werfen. Wer diesen Menschen ins Gesicht schaut, sieht, dass die Kirchenwände nicht bloß aus Steinen und Mörtel bestehen. In ihnen stecken auch Erinnerungen und das Gefühl, zu Hause zu sein.

Und dann schaut Jansen vom Aussichtspunkt bei Mönchengladbach-Wanlo in den Tagebau. An diesem klaren Morgen sieht man genau, wie sich das Schaufelrad in die Erdschicht hineinfrisst. Jansen redet nun über all die negativen Auswirkungen des Tagebaus auf die Natur. Zum Beispiel auf das Grundwasser. Weil es wegen des Tagebaus stark abfalle, werde der Grundwasserlandschaft des Niederrheins ein irreparabler Schaden zugefügt, und der Internationale Naturpark Maas-Schwalm-Nette hänge schon jetzt am Tropf der RWE-Pumpen. Oder das Kippenproblem. Im Tagebau kämen „versauerungsempfindliche Sedimente“ an die Oberfläche. Kommen sie mit Sauerstoff oder Wasser in Kontakt, bilden sich Säuren, „die zu ökologischen Zeitbomben werden können“. Dadurch könne auch der gigantische Restsee irgendwann einmal zu einem 2300 Hektar großen „Säurebecken“ werden.

Betrachtet man den Tagebau aus der Vogelperspektive, dann geht es um das große Ganze. Um die Energiewende, um internationale Klimaabkommen und um die Zukunft des Planeten Erde. Wer näher herangeht, sieht dann aber wieder Menschen wie Wilfried Lörkens. Er hat sich angeschaut, wie seine Wasserburg abgerissen wurde. „Ich hätte mir das vielleicht besser nicht angeguckt. Da kam vieles hoch. Da wurde alles kaputtgemacht, was ich über Jahrzehnte mühevoll aufgebaut habe“, sagt er. Alles wofür er gekämpft habe, was er mit seinen eigenen Händen gebaut und restauriert habe. Sein neues Haus haben Firmen hochgezogen. Das sieht zwar schick aus, aber es macht Lörkens nicht glücklich. „Wenn man selber dafür geschwitzt hat, ist das ein ganz anderes Gefühl“, sagt er. Vielleicht dauert es auch deshalb noch etwas, bis die Einwohner von Borschemich (neu) wieder von Heimat sprechen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert