Wie die Gegner der Spielsucht kräftig mitverdienen

Von: Robert Esser
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Umgemünzt: 300 Runden pro Stunde kann man an einem Geldspielautomaten schaffen - und dabei in 60 Minuten maximal 80 Euro verlieren. Die Zahl der Geräte in Deutschland ist nach der Novellierung der Spielverordnung auf 225.000 Geräte gestiegen. Foto: ddp

Aachen. Buchstäblich unaufhörlich läuten die Alarmglocken gegen das Gebimmel der Automaten. Rund 50.000 Geldspielgeräte lassen in Nordrhein-Westfalen die Kassen klingeln. In Spielhallen, Gaststätten und vor allem bei der Automatenindustrie. Bundesweit kassierte die Branche 2008 auch dank 100.000 neuer Spielgeräte 4,4 Milliarden Euro - eine Umsatzsteigerung um 8,2 Prozent, eine berauschende Bilanz.

Süchte und Begehrlichkeiten schwört die wachsende Gerätezahl nach der Novellierung der Geldspielverordnung 2006 nämlich nicht nur bei Spielern, sondern auch bei Kommunen herauf. Die propagieren zwar wie das Land NRW den Kampf gegen die Spielsucht, profitieren aber andererseits von beglückenden Steuereinnahmen - völlig automatisch.

„Heute dürfen drei statt zwei Geräte pro Gaststätte aufgestellt werden”, erklärt Jürgen Trümper, Geschäftsführer des deutschen Arbeitskreises gegen Spielsucht. „Und auch Spielhallen können mehr aufstellen.”

Trümper analysiert den Geldspielmarkt seit Jahren. „Wenn Sie wissen wollen, was auf dem Sektor los ist, dann fragen sie Trümper”, verweist sogar Westspiel-Sprecherin Katrin Koch.

Westspiel - auch Betreiber des Aachener Casinos mit ausgelagertem Automatencenter - führt die Umsatzeinbrüche in seinen vom Land lizensierten Glücksspieltempeln auch auf die erstarkte private Konkurrenz zurück. Wettbüros, Online-Games - und eben Spielhallen.

Alle zwei Jahre veröffentlicht Suchtexperte Trümper nach der Befragung aller 396 NRW-Kommunen Ranglisten. Wo hängen die meisten Geldspielautomaten pro Einwohner? Wie speisen sie die Steuereinnahmen der Kommunen? Wo verlieren die Spieler das meiste Geld?

Die bislang unveröffentlichte Auswertung für 2008 klingt alarmierend: Übach-Palenberg landet mit 237 Geldspielgeräten für 25400 Einwohner auf Platz 10. Alsdorf, das die Liste 2006 noch mit den meisten Spielautomaten pro Kopf in ganz NRW anführte, kommt laut der Studie aus Herford mit 225 Einwohnern pro Gerät auf Rang 13. Wobei die Stadt auf AZ-Anfrage einräumt, derzeit sogar noch einige Geldspielautomaten mehr genehmigt zu haben: stagnierende 157 Stück in Spielhallen, florierende 68 in Gaststätten. In Alsdorfs Kneipen sind das dreieinhalb Mal so viele wie im Vorjahr. Das garantiert pro Jahr Steuereinnahmen über 400.000 Euro.

Gut doppelt so viel Geld verdient Aachen an Geldspielautomaten - obwohl man fünf Mal mehr Einwohner hat. Nach Angaben der Landesfachstelle Glücksspielsucht schraubte Aachen die Steuereinnahmen aus dem Betrieb von über 500 Automaten von 588.600 Euro im Jahr 2002 auf 948.960 Euro im Jahr 2006 hoch. 2008 kletterten die Einnahmen knapp an die Millionen-Marke. In 30 Spielhallen locken in der Kaiserstadt laut Stadtverwaltung 295 Geldspielautomaten. Hinzu kommen 234 Geräte in 147 Gaststätten.

Das ergibt im NRW-Vergleich Platz 218, unter den 30 Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohnern liegt Aachen indes auf dem letzten Platz - mit den wenigsten Spielautomaten pro Kopf. „Allerdings fließt das Automatencasino der Spielbank nicht in die Berechnung ein”, schränkt Trümper ein. Nach seiner Kalkulation haben Spieler in Aachen außerhalb des Casinos im vergangenen Jahr 7,3 Millionen Euro versenkt - eine Million mehr als noch vor sechs Jahren.

Haus und Hof verzockt

Wer Haus und Hof verspielt hat, landet mit etwas mehr Glück eher früher als später bei Julia Voell von der Aachener Suchthilfe. Seit 26 Jahren kümmert sich die Caritas-Einrichtung um Spielsüchtige. „Hier wurde echte Pionierarbeit geleistet”, sagt Voell. Über die Jahre sei die Zahl der Klienten spürbar gewachsen, bestätigt die Suchtexpertin. Therapien - speziell auf Betroffene zugeschnitten - vermittelt man ambulant und stationär.

Trotz der dramatischen Schicksale: Weder Voell noch Trümper schimpfen auf die Glücksspielbranche. „Wenn man die Spielsucht wirksam eindämmen will, muss man nur geltendes Recht umsetzen”, meint er. „Wenn ein Boris Becker im Fernsehen mit Sprüchen wie Wecke den Spieler in Dir für Geldpoker werben darf, während für Casinos Werbeverbote gelten, kann irgendwas nicht stimmen”, nimmt Trümper den Gesetzgeber in die Pflicht. Er fordert die Schließung dubioser Wettbüros. Und schlägt nur in Sachen Online-Games lautstark Alarm: „Der Anteil der Süchtigen - gerade beim Poker - ist auf fast 15 Prozent hochgeschnellt. Da würde ich mir beim Glücksspiel im Internet ein bisschen mehr China in Deutschland wünschen.”

Fast barrierefrei läuft die Akquise neuer Zielgruppen weiter. Am Computer zuhause wie in Spielhallen und Gaststätten, wo im Unterschied zu den Casinos kaum Ausweiskontrollen abschrecken. Der Verband der deutschen Automatenindustrie erwartet statt Finanzkrise 2009 ein Umsatzplus von drei Prozent. Und die öffentliche Hand spielt mit.
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