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Wie der Adler die Eifel von oben sieht

Von: Gudrun Klinkhammer
Letzte Aktualisierung:
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Fliegen wie ein Vogel: Ein Film, den die Adlerdame „Branka“ mit einer Kamera an ihrem Fuß über der Oleftalsperre gedreht hat, vermittelt einen Eindruck vom Vogelflug. Foto: Greifvogelstation Hellenthal
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Ohne Widerstand: Karl Fischer befestigt die Kamera am Adlerfuß. Foto: Klinkhammer
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Die kleine Kamera: Der Vogel lässt sie sich widerstandslos befestigen. Foto: Klinkhammer
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Kondor Santiago und Partnerin Lucy, Foto: Greifvogelstation Hellenthal

Hellenthal. Die Videobilder, die eine kleine Kamera am Fuß des Adlers gemacht hat, sind beeindruckend: Majestätisch schwebt das Tier aus der Greifvogelstation in Hellenthal über der Eifel. Plötzlich kippt der Vogel in gut 1000 Metern Höhe ab. Er lässt sich einfach nach vorne fallen und stürzt zu Boden. Die Windgeräusche lassen die Geschwindigkeit von bis zu 260 Kilometern pro Stunde erahnen.

Die kleine Kamera am Fuß des Adlers kommt mit der Fokussierung der Linse gar nicht mehr nach. Das Filmmaterial macht das umso beeindruckender.

Die Möglichkeit, einem Greifvogel eine Kamera mit auf den Flug zu geben, ist nicht neu. Doch die Technik, die bisher gängig war, gefiel Karl „Kalli“ Fischer nicht. Dem Chef und Mitinhaber der Greifvogelstation in Hellenthal gefiel das Geschirr nicht, das den Tieren umgebunden wurde, um eine eckige Kamera damit im Schulterbereich zu befestigen. „Das Geschirr drückte den Tieren auf die Sehnen und behinderte sie beim Fliegen“, sagt Fischer. Er hat deswegen etwas Neues ausprobiert, bei dem niemand mehr die Vögel festhalten muss, um ihnen diverse Gurte umzulegen.

Den Adler stört es offenbar nicht

Tatsächlich: Ganz locker stehen die Tiere vor dem erfahrenen Falkner auf einem Holzkant oder einem Tisch. Während er mit ihnen plaudert, ohne sie in irgendeiner Weise zu fixieren, legt er ihnen ein kleines Band mit einer sehr flachen Kamera um das Bein und befestigt es mit einem schlichten Knoten. „Komm, Branka, jetzt sei keine Zicke“, flachst er mit einer 17-jährigen Adlerdame, die direkt vor ihm steht und ihn aus klugen Augen nahezu liebevoll mustert. Mensch und Tier bewegen sich wirklich auf Augenhöhe.

Würde dem Adler etwas nicht passen, hätte er die Möglichkeit, seinem Gegenüber mit dem mächtigen Schnabel im Bruchteil einer Sekunden schmerzhafte und gefährliche Verletzungen im Gesicht zuzufügen. Doch der Vogel bleibt ganz ruhig, während sich der Falkner am rechten Fuß zu schaffen macht. Überlegen es sich die mächtigen Tiere in letzter Sekunde doch noch anders, dann ist es ein Leichtes für sie, die Kamera in wenigen Sekunden mit scharfem Schnabel zu entfernen. Branka tut das nicht. Von der großen Flugwiese im Wildfreigehege Hellenthal aus geht die Adlerdame samt Kamera in die Luft. Sie fliegt Richtung Oleftalsperre und nutzt die Thermik, um sich in die Höhe zu schrauben.

Die Kamera, die etwa 140 Gramm wiegt, ist so am Bein angebracht, dass die Linse im Flug bei „eingeklapptem Vogelfahrwerk“, wie Fischer es nennt, genau zur Erdoberfläche zeigt. Branka ist gut fünf Kilogramm schwer. In menschlicher Obhut und bei guter Pflege, sagt Fischer, können Tiere wie Branka 50 Jahre und älter werden.

240 Vögel beheimatet die Station. Viele von ihnen können wie Branka mit einer Kamera in die Luft gehen. Gut die Hälfte der Tiere befindet sich im Zuchtprogramm – das bedeutet, sie werden gezüchtet, um die Art zu erhalten.

Doch warum bindet Fischer ihnen die kleinen Kameras überhaupt an den Fuß? Um Einblicke in jene Zeit zu erhalten, die die Vögel nicht in der Greifvogelstation verbringen, sagt der Falkner. „Wir sehen jetzt, was ein Vogel tatsächlich macht, wenn er Richtung Oleftalsperre verschwindet.“

Was tun sie wirklich?

Manchmal steht er einfach nur im Baum und knabbert zum Zeitvertreib ein paar Blätter. Ein anderer rennt eine Runde über den Waldboden oder genießt die Sonne auf einem Schuppendach. Fischer schmunzelt, als er sagt: „Wir sind überrascht, wie weit die Vögel doch rausfliegen, das sind viel mehr Kilometer, als gedacht. Das hatten wir nicht auf dem Radar.“

Es gibt aber auch noch eine andere Situation, in der die ganz besondere Vogelperspektive gefragt ist. Dann nämlich, wenn die Kameravögel zur lebenden Drohnen werden. Denn: „Eine Drohne macht Krach und benötigt Strom, das gilt für unsere Vögel nicht.“ Bei Veranstaltungen wie etwa den Karl-May-Festspiele in Elspe sind die imposanten Vögel aus Hellenthal dabei.

Auch hier setzen Fischer und sein Team auf einen lockeren Umgang. So werden die Tiere in den Autos, die sie zu den Veranstaltungsorten bringen, nicht in irgendwelche Käfige gesteckt. Stattdessen verbringen sie in der Regel die Fahrt auf dem Rücksitz. Die Adler, die eine Tageszeitung auf 400 Metern Entfernung in aller Schärfe lesen können, lockt Kalli Fischer mit einem „Hoi“-Ruf und einem Brocken Fleisch an den Ausgangspunkt zurück. Lautlos landen sie nach ihrem Sturzflug punktgenau auf dem abgewetzten Falknerhandschuh des 59-Jährigen, von dem aus sie gestartet sind.

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