Wie das Buch in den Laden kommt

Von: Andrea Zuleger
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Region. Im Oktober treffen sich auf der Buchmesse in Frankfurt die wichtigsten Verlage, die Buchhändler, die Autoren und die Medien. Ein Riesenrummel ist das, den manche auch als eher unnötigen Zirkus betrachten. Doch was hat ein kleiner lokaler Buchhändler mit dem gigantischen Event in Frankfurt zu tun? Muss man da noch hin, um zu wissen, was wichtig ist, um nichts zu verpassen, oder um Bücher einzukaufen?

„In allererster Linie ist es wichtig für die Kontaktpflege“, sagt Marcus Mesche. Der 38-Jährige ist Inhaber der Buchhandlung Gollenstede in Heinsberg und fährt zwar jedes Jahr hin, aber eben nicht mehr, um Bücher einzukaufen, sondern um auf dem neuesten Stand zu sein, und vor allen Dingen, um persönliche Kontakte zu den Verlagen zu halten oder aufzubauen, die er in seinem Buchladen in der Provinz dann anbietet.

Als „Weltstadt der Ideen“ wirbt Frankfurt für die Buchmesse. Von dem, was in der Großstadt ankommt, muss Mesche dann vor seinem inneren Auge abgleichen, was in der Provinz auch ankommen könnte. Und dazu muss er seine Kunden gut kennen. „Persönlich“, das ist ein Wort, das Marcus Mesche oft benutzt.

Denn in Zeiten wie diesen ist es ein bisschen das Zauberwort, das ihm das Überleben des Traditionsgeschäftes sichert. Zeiten wie diese, damit sind die Veränderungen gemeint, die das moderne Leben mit sich bringt: Internetbuchhandel, große Ketten, die die Existenz kleinerer Läden bedrohen, der Trend zum digitalen Buch, die Schnelllebigkeit, die dem Lesen dicker Bücher entgegensteht.

All diesen Trends will Marcus Mesche damit begegnen, dass er besser als jede Kette weiß, was zu den Kunden in seinem Beritt passt. Das beginnt bei der Ausrichtung der Bestellung und endet bei der Präsentation im Laden, die in Heinsberg zum Beispiel so sein muss, dass „man auch mit einem Kinderwagen oder einem Rollstuhl problemlos durch den Laden kommt und stöbern kann“, sagt Mesche.

Ein gutes Gespür für Menschen, für Bücher, für Trends, dazu eine große Portion Geschäftstüchtigkeit und viel, viel Heimatverbundenheit: Das sind die wichtigsten Talente, die ein Buchhändler auf dem Land mitbringen muss, meint Marcus Mesche. Am wichtigsten fast ist das Gespür für die Kunden.

Tausende Titel

Denn zweimal im Jahr kommt ein mannshoher Haufen Kataloge in den Laden. Aktuell sind jetzt die Frühjahrskataloge dran. Tausende von Titeln: anspruchsvolle Literatur, Kunstbücher, Kinderbücher, aber auch Kochbücher, Strickanleitungen, Gartenpflege, Krimis...

Wer hier den Überblick verliert, hat schon verloren. Aber auch derjenige, der seine Kunden zu sehr nach seinen eigenen Bildungs-Vorstellungen erziehen will, ebenso wie derjenige Buchhändler, der seiner Kundschaft nur Unterhaltungslektüre anbietet und sie dabei unterschätzt.

„Hier verkaufen wir andere Bücher als in der Großstadt. Was auf den Bestseller-Listen steht, sollte man zwar vorrätig haben. Aber es heißt nicht unbedingt, dass das bei uns dann ein großer Hype wird“, sagt Mesche. Der enge Kontakt sowohl zu Kunden als auch zu Verlagen ermöglicht es, dass er manchmal, wenn er einen Buchtitel sieht, direkt den dazu passenden Kunden im Kopf hat: „Man kennt sich halt hier und weiß, was der Einzelne liest“, erklärt Mesche.

Die Schnelligkeit hat in manchen Bereichen sogar Vorteile. Heute bestellt man aktuell nach Bedarf. Und so ist auch die Buchmesse nicht mehr der Ort, wo man palettenweise die Titel bestellt. Man schaut sich die Kataloge mit dem Team an, man überlegt, was laufen könnte, schaut, ob regionale Autoren dabei sind, „aber bestellt wird nicht zweimal im Jahr, sondern jede Woche“.

Wenn es im Fernsehen eine Buchsendung gibt, erfahren die Buchhandlungen oftmals durch Vorankündigungen, was Denis Scheck und Co. besprechen. „Ein paar davon sollte man dahaben“, sagt Mesche.

Bei Gollenstede gibt es heute kein großes Lager mehr, in dem die Bücher liegen und darauf warten, dass genügend Leser kommen. „Das ist ja dann teurer Raum, der nichts einbringt“, sagt Mesche. Heute ist die Buchhandlung vorne großzügig, aber das Lager klein. Früher waren Buchhandlungen Orte, wo man sich zwischen enggestellten Regalen durchquetschte, oft waren ihre Lager größer als der Verkaufsraum.

So ein Geschäft hätte heute keine Chance mehr, ist Mesche überzeugt: „Buchhandlungen sind auch Wohlfühlräume.“ Hier setzt man sich hin, um sich ein Buch näher anzuschauen. Außerdem beschränken sich heute die Buchhandlungen nicht auf das Kerngeschäft Buch, sondern bieten Geschenke, Tickets und Zeitungen an. „In einem kleinen Ort sind Buchhandlungen ein Synonym für Kultur. Dort finden Lesungen statt und werden Tickets für alle Kulturtermine verkauft.“

Und hinzu komme auch das Thema Leseförderung: Kleine Buchhandlungen veranstalten auch Lesungen an Schulen oder sind Mitglied bei „Mentor“, einem Verein, der gezielt Kindern mit Leseschwäche ehrenamtlich hilft.

Ein paar Titel gibt es im Jahr, die werden von Heinsberg-Birgden bis Berlin, von Untermaubach bis Oberammergau gelesen. Titel von Ken Follett gehören zum Beispiel dazu: „Das ist halt Massenware, aber da bestelle ich dann auch mal eine halbe oder ganze Palette, also so rund 150 Exemplare. Denn da weiß ich einfach, dass sie weggehen“, erklärt Mesche.

Der 38-Jährige ist seit 2001 Buchhändler – „Quereinsteiger, wie fast alle in der Branche. Ursprünglich habe ich Groß- und Außenhandel für Südamerika gelernt“. Aber in seiner Familie ist das nichts Besonderes: Sein Vater Reiner Gollenstede war ursprünglich bei der Verbraucherzentrale, seine Mutter Ärztin.

Nächstes Jahr vor genau 30 Jahren gründeten sie Gollenstede. Einen ausgebildeten Buchhändler hat die Familie jedoch auch vorzuweisen. Bruder David Mesche ist Buchhändler in Berlin, hat dort vier Buchhandlungen und auch die Initiative „Woche der unabhängigen Buchhandlungen“ (WuB) ins Leben gerufen. Eine Initiative, die Anfang November für eine Woche die Kreativität, die Individualität der kleinen Buchhandlungen feiern will.

Allen Unkenrufen zum Trotz sind sie bis jetzt weder durch Internetriesen, noch durch Ketten verschluckt worden. „Wir merken, dass die Leute durch das Internet informierter sind, wenn sie in die Buchhandlung kommen, aber das muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein“, stellt Mesche klar.

Ein Vorteil, den der Buchhandel gegenüber dem Handel in anderen Branchen habe, sei die Buchpreisbindung, die zum Glück noch nicht gefallen sei. Denn ansonsten könnten Ketten und Internethandel Bücher zu Dumpingpreisen verhökern. „Denn durch die hohen Stückzahlen, die sie auf die Filialen der Ketten verteilen können, kaufen sie bei den Verlagen natürlich günstiger ein.“

Das Zauberwort

Aber das Entscheidende – und da kommt es wieder, sein Zauberwort – sei der persönliche Kontakt: „Den bekommen die Kunden in den kleinen Läden, und das haben sie auch zunehmend gemerkt.“ Denn es habe sich rumgesprochen, dass sich das Kaufen vor Ort lohnt.

Ärgern kann sich Marcus Mesche aber über Menschen, die sich alles im Internet besorgen, sich dann aber über mangelnde Infrastruktur in den Dörfern und Städten beschweren. „Es hängt einfach alles zusammen: Wer lokal einkauft, bringt auch wieder Gewerbesteuer in die Kassen der Kommunen. Man kann nicht gleichzeitig bester Amazon-Kunde sein und einen kostenfreien Kindergartenplatz vor Ort fordern.“

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