Wie bei einem Familientreffen

Von: Karl Stüber
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Sie dürfen zwar noch nicht wählen, aber sind nicht nur im Wahlkampf wichtig: Nordrhein-Westfalens CDU-Parteichef und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers lässt bei seinem Einzug in die Kraftzentrale auch Kinder nicht so einfach am Wegesrand stehen. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Das Lied der Deutschen ist gesungen. Jürgen Rüttgers hat reichlich Applaus genossen. Das Parteivolk hat ihm in der Kraftzentrale (Langhaus) ausgiebig zugejubelt. Nun badet er auf dem Weg nach draußen in der Menge, lässt sich mit einer Rollstuhlfahrerin ablichten, schüttelt alten Parteifreunden und ihm völlig Unbekannten die Hand.

Da wird er vor der Tür von Dirk Walgenbach angesprochen - und der Landesvater nimmt sich Zeit für den Mariadorfer. Der 45-Jährige ist arbeitslos, schon seit 14 Monaten. Bald wird er „in Hartz IV fallen”, wie er erzählt. Dabei steht vor dem Ministerpräsidenten ein ausgebildeter und berufserfahrener Elektro-Ingenieur, also eine Fachkraft, die doch eigentlich am Arbeitsmarkt immer noch und nun wieder gebraucht wird. Eigentlich! Walgenbach hat alles versucht, hat bei Fortbildungsmaßnahmen hervorragend abgeschnitten. Alles ist dokumentiert.

Rüttgers nimmt die Bewerbungsunterlagen mit, will sie weiterleiten. Ja, Walgenbach hat sich auch bemüht, Lehrer zu werden, antwortet er auf eine Nachfrage von Rüttgers. Aber bislang hatte sich nur eine Grundschule für ihn interessiert - und dann ist doch nichts draus geworden. Walgenbach weiß, dass Rüttgers ihm nicht so einfach einen Job aus dem Ärmel schütteln kann. Aber vielleicht doch!?
Artikel„Ich bewundere den Mann”

„Rüttgers ist ein Politiker, wie man sich ihn wünscht”, sagt Walgenbach. „Ich bewundere den Mann.”

Der Oberste aller Christdemokraten im Lande hatte sich zuvor einmal mehr als Staatsmann zu profilieren gesucht. Die Kanzlerin hatte den Weg nach Alsdorf nicht nehmen können, weil sie in Berlin Griechenland mit retten helfen musste. Das Kabinett dort ohne Chefin? Nein, das sahen auch die Besucher der CDU-Wahlkampfveranstaltung auf dem Annagelände ein. Und Rüttgers erklärte ja ganz genau, dass auch Nordrhein-Westfalen Interesse daran haben muss, dass die Helenen nicht pleite machen - wegen des dann weichen Euros, der Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Arbeitsplätze.

Das hätte Merkel nicht besser machen können. Und die Formation „Millennium Dance and Trumpets” hatte in der Wartezeit das Publikum mit „Griechischer Wein” aufs Thema eingestimmt.

Rüttgers erreichte mit seiner Rede auch ansonsten das in der Halle versammelte (Wahl-)Volk. Er sprach über die Leistungen der schwarz-gelben Landesregierung, malte die linke Gefahr an die Wand („Die Linken haben schon einmal einen Staat ruiniert”), geißelte die Verantwortlichen der Finanzmärkte, ging hart mit der Schulpolitik der politischen Gegner ins Gericht („Einheitsschule? Es gibt doch auch keine Einheitskinder.”) und fand gar lobende Wort für Pädagogen: „Es ist ein harter Job, heute Lehrer zu sein.” Reichlich Applaus - derweil Kinder laut auf der Hüpfburg in der Kraftzentrale tobten. Eine Kleine mit Schnuller im Mund steuerte zielsicher auf die Treppe zu, die zum Podium hinaufführte. Da winkte ihm Peter Steingass, Vorsitzender der CDU Alsdorf freundlich zu: Das Kind drehte ab. CDU-Kreisparteichef Axel Wirtz (MdL/Stolberg) fiel Steingass lachend in den Arm. Ja, es war wie bei einem Familientreffen, nicht nur, weil NRW-Familienminister auch zum Publikum sprach. Auch die Landtagskandidaten Reimund Billmann (Herzogenrath) und Rolf Einmahl (Aachen) lieferten Wortbeiträge. Es herrschte Harmonie.

Derweil mussten die Beschäftigten der Service GmbH des Medizinischen Zentrums Würselen und die Verdi-Funktionäre draußen außer Ruf- und Störweite bleiben. Ihnen wurde als Auflage der Demo ein fester Platz zugewiesen, so dass sie ihre Vorstellungen über einen anständigen Tarifvertrag nicht anbringen können - zur Enttäuschung von Gewerkschaftssekretär Harald Meyer und gut 60 Mitstreitern.

Nebenbei: Über das von Alsdorf so sehr gewünschte neue Schulzentrum auf dem Annagelände, in dem Realschüler und Gymnasiasten endlich in angemessenen Räumen unterrichtet werden sollen, und die dafür notwendige Landeshilfe in Millionenhöhe sagte Rüttgers in seiner Rede nichts. Im Gegenteil, er brachte keine Kohle mit, sondern nahm welche mit - allerdings süße Kohle aus Alsdorf, und die wurde ihm auch noch geschenkt.
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