„Wider den tierischen Ernst“: Winfried Kretschmann wird neuer Ordensritter

Von: pep/dpa
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Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte im baden-württembergischen Haigerloch: Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird im Februar dieses Jahres von Bräutelbuben der Bräutelgesellschaft auf einer Stange getragen. Foto: Thomas Warnack/dpa
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Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird neuer Ordensträger des AKV und folgt damit auf Linken-Politiker Gregor Gysi im Narrenkäfig. Foto: AKV

Aachen. Das ist doch wohl ein Witz! Tatsächlich – Winfried Kretschmann hat in seiner politischen Karriere wiederholt dafür gesorgt, dass Kollegen und Kontrahenten sich gedacht haben: Das ist doch wohl ein Witz! Ob sie über den dann auch lachen konnten, stand auf einem anderen Blatt. Der erfolgreichste Grünen-Politiker hat wiederholt für Humor und Ironie im Politgeschäft gesorgt – allerdings auf etwas andere Weise als üblich.

Zum Totlachen!

Das ist doch wohl ein Witz, dachten sich viele Sozialdemokraten, als ihre Partei nach der baden-württembergischen Landtagswahl 2011 als Juniorpartner in eine Landesregierung unter dem grünen Oberrealo Kretschmann eintreten musste. Und in der CDU haben sie sich schlapp gelacht: Die Sozis als kleiner Koalitionär der Grünen!

Das ist doch wohl ein Witz, dachten sich viele Christdemokraten, als ihre Partei nach der baden-württembergischen Landtagswahl 2016 als Juniorpartner in eine Landesregierung unter dem grünen Oberrealo Kretschmann eintreten musste. Und in der SPD haben sie sich schlapp gelacht: Die Partei von Kurt Georg Kiesinger, Hans Filbinger, Lothar Späth, Erwin Teufel und Günther Oettinger – in ihrem Stammland! – als kleiner Koalitionär der Grünen! Zum Totlachen!

Das ist doch wohl ein Witz, denken sich gar nicht so selten viele Grüne, wenn sie manche politische Maßgaben ihres erfolgreichsten Politikers hören. Das ist doch wohl ein Witz, sagt Winfried Kretschmann, wenn er manche politische Forderungen aus seiner Partei hört. Wer für so viel Witz in der Politik sorgt, für so viel Durcheinander, wer über so viel Klartext, so viel Nähe zum Alltag der Menschen, so viel Bodenständigkeit und gelassene Gläubigkeit verfügt, der ist der richtige Mann für den Orden Wider den tierischen Ernst, hat sich der Aachener Karnevalsverein (AKV) gedacht. Am 27. Januar ist es so weit.

Der AKV würdigt Kretschmann als „konservativen Bewahrer und grünen Erneuerer“, als pragmatischen Humanisten und schnellen Denker. Einen solchen Mann der Öffentlichkeit als neuen Aachener Ordensritter persönlich vorzustellen, so, wie es in der Vergangenheit die Regel war, hätte sich sicher gelohnt, aber die Nachricht kam am Montag ganz schlicht als Pressemitteilung zu den Redaktionen. Also keine Pressekonferenz, keine Reise zum Ritter, kein Blitzlichtgewitter. Das ist ungewohnt, habe aber lediglich an Terminproblemen gelegen, beteuerte AKV-Präsident Werner Pfeil am Montag.

Winfried Kretschmann ist Deutschlands erster und bislang einziger grüner Ministerpräsident. Im März 2016 machte der 69-Jährige die Grünen, deren Gründungsmitglied er ist, erstmals zur stärksten Kraft bei einer Landtagswahl in Deutschland. Sein Motto lautet: „Ich bin in erster Linie meinem Land verpflichtet, dann kommt irgendwann auch die Partei und meine Person auch ganz hinten.“

Der frühere Lehrer Kretschmann ist verheiratet, Vater dreier Kinder und katholisch. Er zeigt sich wirtschaftsnah. Mit seinen Haltungen bringt er seine eigene Partei regelmäßig in Wallung. Kritiker werfen ihm vor, grüne Ideale zu verkaufen – zum Beispiel in der Asylpolitik, wenn es um die Festlegung sicherer Herkunftsstaaten geht. Aber auch Kretschmann regt sich oft über seine Grünen auf, etwa darüber, dass sie das Jahr 2030 für das Ende des Verbrennungsmotors nennen. Er ist gegen die Nennung einer Jahreszahl. Ein heimlich aufgenommenes Video dokumentiert seinen Wutausbruch zu dem Thema.

Die „ganz eigene Welt“

Aber statt Wut setzt Kretschmann lieber auf Humor. „Mir gefällt es, dass man in der Fasnacht und im Karneval Rituale übt und dabei in eine ganz eigene Welt eintritt, die an den restlichen Tagen des Jahres komplett außen vor bleibt“, hat Kretschmann dem AKV gesagt. Das Schöne an der Sache ist, dass seine ganz eigene Welt übers Jahr hinweg nicht außen vor bleibt. Ob oder wie weit das im edlen Aachener Sitzungskarneval ankommt, wird sich Ende Januar erweisen.

 

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