„Wer wird Millionär?“: Wenn Lampenfieber zum Blackout führt

Von: Christopher Gerards
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Richtig wäre Antwort C gewesen, Tanja Fuß hat Antwort D gewählt. Zuvor war noch kein Kandidat bei „Wer wird Millionär?“ bei der ersten Frage ausgeschieden. Foto: RTL, dpa
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Hat 2010 an der Bonner Uniklinik eine Lampenfieber-Ambulanz eröffnet: Psychiaterin und Neurologin Déirdre Mahkorn.

Köln/Aachen. Tanja Fuß hat Dienstag gar nichts mehr sagen wollen, sie hat nicht reagiert auf Anfragen, geredet haben andere, zum Beispiel ein Sprecher von RTL. „Sie kriegt hunderte Anrufe, sie will erst mal Ruhe haben“, sagte er und klang sehr verständnisvoll. Er vergaß nicht, hinzuzufügen, dass er auch eine Liste früherer Black-Outs bei „Wer wird Millionär?“ per E-Mail schicken könne.

Am Montagabend haben fünf Millionen Menschen gesehen, wie die 20 Jahre alte Tanja Fuß aus Aachen, Modedesign-Studentin in Mönchengladbach, die erste Frage in Günther Jauchs Sendung nicht hat beantworten können. RTL vermeldete einen historischen Augenblick, „Bild“ brachte die Geschichte auf dem Titel, und in den Online-Foren diskutierte die Republik die Frage, ob Spott nun angebracht sei oder nicht.

Wir haben einmal nachgefragt, ob die Sache wirklich so einfach ist, wie sie erscheint: bei Déirdre Mahkorn, Psychiaterin und Neurologin aus Köln. 2010 hat sie an der Bonner Uniklinik für Musiker eine Lampenfieber-Ambulanz eröffnet.

Hallo Frau Mahkorn, eine kurze Frage: „Seit jeher haben die meisten… A: Dober Männer, B: Cocker Spaniels, C: Schäfer Hunde oder D: Riesen Schnauzer?“

Mahkorn: Die Kandidatin hat „Riesen Schnauzer“ geantwortet, ja. Ich sehe eigentlich überhaupt nicht fern, aber heute Morgen haben mich Patienten auf die Sendung angesprochen, da habe ich‘s mir heute nochmal angesehen.

Richtig wäre C gewesen. Wirklich schwer ist die Frage nicht, oder?

Mahkorn: Nö. Aber wenn Sie in so einer exponierten Situation sind, dann wird die Frage schwer. Das Studio, die Scheinwerfer, der große Moderator, das Millionenpublikum – und gleichzeitig müssen Sie eine Frage beantworten. Der Körper meldet sich dann mit großer Wucht: Man beginnt zu schwitzen, bekommt Herzrasen. Die Aufmerksamkeit geht ins Symptom.

Die Aufmerksamkeit geht ins Symptom?

Mahkorn: Ja, plötzlich denkt man an mehrere Dinge: an die Frage an sich, aber auch daran, wie peinlich es wäre, dieselbe nicht beantworten zu können. Und in der Regel gewinnt das Körperliche. Es tritt ein sogenannter Blackout ein.

Dann haben die meisten Riesen Schnauzer.

Mahkorn: Dann haben die meisten Riesen Schnauzer.

Günter Jauch hat drei Mal nachgefragt, ob Tanja Fuß wirklich diese Antwort wählen wolle. Hätte er der Kandidatin noch mehr helfen sollen?

Mahkorn: Ich habe die Sendung zuvor eine ganze Weile nicht mehr gesehen, aber ich glaube, dass er manchmal sehr stark hilft. Es ist eine Quiz-Sendung, man kann durchaus fragen: Welche Verantwortung hat er als Moderator?

Im Internet hat Frau Fuß jetzt einigen Spott abbekommen, es geht zum Beispiel darum, wie es heutzutage um das deutsche Bildungssystem bestellt ist. Warum finden manche Menschen so viel Gefallen daran, andere scheitern zu sehen?

Mahkorn: Schadenfreude, würde ich sagen. Diese Leute sehen, dass andere Menschen auch fehlbar sind, und vielleicht steigern sie auf diese Weise ihr eigenes Selbstwertgefühl. So sag‘ ich das mal ins Unreine.

Es gibt auch Leute, die finden: Wenn die Kandidatin sich in eine solche Sendung setzt, trägt sie selbst Schuld, dass im Nachhinein über sie gespottet wird.

Mahkorn: Ich glaube, dass den meisten Kandidaten tatsächlich nicht klar ist, welche Konsequenzen ihr Auftritt haben kann. Die mediale Aufmerksamkeit, die Kommentare, wenn man scheitert. Und auch die unvertrauten Rahmenbedingungen dürften den meisten nicht bewusst sein, zum Beispiel, dass es durch die Scheinwerfer sehr warm wird.

Tanja Fuß hat nach ihrem Ausscheiden jedenfalls gesagt, sie sei jetzt um eine Erfahrung reicher. Und sie hat einer Boulevardzeitung gesagt, dass sie den Hauptgewinn bereits erzielt habe: ihren Freund.

Mahkorn: Sie hat sehr schlagfertig reagiert, ja. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht die ganze Berichterstattung verfolgt. Das Wichtigste ist, dass sie Distanz gewinnt, Humor hilft zum Beispiel. Sie sollte der Sendung nicht zu viel Bedeutung beimessen und entscheiden, dass andere Dinge ihr wichtiger sind: zum Beispiel ihr Studium oder eine Partnerschaft. Diese Freiheit hat sie.

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