Wer braucht ein Europäisches Klinikum?

Von: Axel Borrenkott
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Schwierige Balance: Zwischen den ökomischen Zielen des Uniklinikums und den akademischen Interessen der Medizinischen Fakultät der RWTH gibt es immer wieder einmal naturbedingte Spannungen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Medizin & Technik”. Wenn immer dieser spezielle Markenartikel der RWTH gehäuft hervorgehoben wird, darf man annehmen, dass hier sowohl Kompetenz behauptet wie Optimierungsbedarf gesehen wird. Ernst Schmachtenberg, der neue Rektor, hat diese Marke weit oben auf seiner Prioritätenliste.

Und Johannes Noth, seit Januar hauptamtlich Dekan der Medizinischen Fakultät, sieht eben darin die Chance, seinen Fachbereich endgültig aus dem Schatten der übrigen Fakultäten zu holen.

Die Geschichte von Medizin und Technik als Traktor aus drohenden Abgründen ist schon etwas älter. Vor zehn Jahren sah sich die 1966 gegründete Aachener Medizinfakultät mit einer, alles in allem, ziemlich unschmeichelhaften Bewertung ihrer Qualität durch den Wissenschaftsrat konfrontiert.

Die jüngeren Gutachten bescheinigen erfolgreiche Aufholjagd in manchen Bereichen - zumal in den Forschungsschwerpunkten, auf die man sich seither konzentriert. Doch noch immer ist ein guter Mittelplatz in der klinischen Forschung in Nordrhein-Westfalen eher Ziel als Ergebnis. In der Lehre immerhin hat Aachen dank des Modellstudiengangs auch national erheblich an Image gewonnen.

Zielkonflikte

Eine weitere Bedrohung ergab sich aus der Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Lage der sechs Universitätskliniken von NRW. Sie brachte das - seit 2001 als Krankenhausbetrieb selbstständige - Aachener Klinikum immer wieder einmal in die Diskussion um eine mögliche Privatisierung.

Medizin und Technik, also die Verzahnung der medizinischen mit der ingenieurtechnischen und naturwissenschaftlichen Kompetenz der RWTH, Êwurde als „Alleinstellungsmerkmal” eine Überlebensstrategie. Die Annäherung an das Klinikum von Maastricht eine andere.

Nun besteht zwischen beiden Strategien eine mögliche Konkurrenz. Sie hat auch zu tun mit der unvermeidlichen Spannung zwischen den ökonomischen Zwängen des Krankenhausbetriebs einerseits und den Interessen von universitärer Forschung und Lehre andererseits.

Auffällig war jedenfalls, dass Rektor Schmachtenberg auf der Präsentationsschau des RWTH im Januar nicht ein Mal „Maastricht” in den Mund nahm, aber nachdrücklich „Medizin und Technik”, dieweil Klinikumschef Henning Saß recht häufig Maastricht erwähnte.

„Uns kann es nur Recht sein, dass Medizin und Technik als vordringliches Ziel so prominent herausgestellt wird”, sagt Johannes Noth (66). Bei allem „Bemühen um konstruktive Zusammenarbeit”, das der Dekan mehrfach unterstreicht, formuliert Noth eine gewisse Distanz zum Vorhaben der Klinikumsleitung, baldmöglichst viele Strukturen von Maastricht und Aachen zusammenzuführen und die Etablierung eines gemeinsamen kardiovaskulären Zentrums (auf dem grenzüberschreitenden Avantis-Gelände) voranzutreiben.

„Wir müssen uns fragen, was die Fakultät alles schultern kann, und ob es da nicht Prioritäten gibt”, sagt Noth und gibt sie deutlich genug zu erkennen: Aus Sicht der Fakultät heiße es volle Kraft voraus für die Verbesserung der klinischen Forschung, für die Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich und für den Campus Melaten, auf dem es auch ein Cluster „Medizin und Technik” geben soll.

All diese Aktivitäten stützen die drei Forschungsschwerpunkte von Fakultät und Klinikum, zu denen neben Medizin und Technik, Klinische Neurowissenschaften und Molekulare Krankheitsentstehung gehören.

Die Parole scheint zu lauten: nichts gegen Maastricht, aber alles mit Maß. Ein gemeinsames kardiovaskuläres Zentrum könne eine großartige Sache sein. Aber nur, wenn dies tatsächlich der Start eines künftigen europäischen Klinikums wäre. Eben diese Vision propagiert Klinikumschef Henning Saß. Und selbst der künftige Kaufmännische Direktor, der im Oktober kommt, ist jetzt schon darin eingebunden.

Die Fakultät möchte offenbar aber zunächst den Nachweis haben, dass es für ein so gigantisches Unternehmen überhaupt Bedarf gibt. Nur dann würde es Sinn machen, Millionen für das Gefäßzentrum zu sammeln, das außerdem nur eine Chance habe, wenn es international anerkannte Kliniker an sich binden könnte.

„Aufbruchstimmung”

Der Dekan Johannes Noth hat sich offensichtlich das Ziel gesetzt, die „Aufbruchstimmung” der gerade auch seine Fakultät beflügelnden Exzellenzinitiative in der Hochschule zu nutzen und den „hohen Ansprüchen” an eine stärkere Rolle der Fakultät „Taten folgen zu lassen”, wie er in seiner Neujahrsansprache betonte.

Immerhin 17 Neuberufungen von Professoren seit Anfang 2008 („unser Generationenwechsel”) heben diese Stimmung wie auch die auffallende Vermehrung der Drittmittel, die für gestiegene wissenschaftliche Qualität spricht.

Campus Melaten

Die Fakultät 10 der RWTH sieht sich also auf einem gutem Weg, der vor Maastricht erst einmal nach Melaten führen soll. Diskussionen über die Route sind garantiert.

Wohl kaum versehentlich lässt sich der künftige Kaufmännische Direktor Peter Asché mit diesem Satz zitieren: „Der angestrebte Ausbau der Kooperation mit dem Universitätsklinikum Maastricht zum ersten Europäischen Universitätsklinikum ist eine spannende Aufgabe, der ich mich gern im Team mit meinen Vorstandskollegen widmen werde.”

Zu diesen Vorstandskollegen gehört qua Amt auch der Dekan der Fakultät - wie umgekehrt der Ärztliche Direktor Mitglied des Dekans ist. Der Rektor der RWTH wiederum sitzt im Aufsichtsrat des Klinikums. Für Kooperation ist also grundsätzlich gesorgt.
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