Wenn Tausende Aachener Händchen halten

Von: Oliver Schmetz
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Da kann man schon mal Luftsprünge machen: Die Menschenkette gegen die Pannenreaktoren im belgischen Tihange fand in Aachen riesige Resonanz. Foto: Michael Jaspers
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Gerda Wartenberg bildete neben dem Eäzekomp das letzte Glied der Kette), an der in Deutschland, Holland und Belgien rund 50.000 Menschen teilnahmen.
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Der neunjährige Lukas schleppte seine Mama Claudia Pappers mit zur Anti-Atom-Demo. Er hatte in der Schule von der Aktion gehört. Foto: Michael Jaspers
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Nachwuchs für die Anti-Atom-Bewegung: Der neunjährige Robin Schmidt brachte am Markt Kettenbänder unters Volk. Foto: Michael Jaspers
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Die Kette hält: Vom Rathaus bis zur Vaalser Grenze hielten sich Tausende Menschen an den Händen. Foto: Albrecht Peltzer

Aachen. Das letzte Glied der Kette ist nicht Kaiser Karl, sondern Gerda Wartenberg. Mit einem kleinen Stühlchen hat sich die Aachenerin an diesem Sonntagmittag den Platz direkt neben dem Eäzekomp gesichert. Genau dort endet aus Sicht der Organisatoren die riesige Menschenkette zwischen dem Standort der belgischen Pannenmeiler in Tihange und Aachen, an der sich rund 50.000 Menschen beteiligen – auch wenn die vielen tausend Menschen, die sich in Aachen an den Händen halten, vermutlich eher das Gefühl haben, dass die Kette vor ihrem Rathaus beginnt.

Und genau dort sagt Gerda Wartenberg nun, dass es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, gegen Atomkraftwerke auf die Straße zu gehen, weil es ihr um die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder geht. Und sie sagt, dass sie ihren Ehrenplatz ja gerne an den Kaiser neben ihr abtreten würde. Bloß findet sich niemand, der auf den Brunnen klettern will, um Karl mit einem knallgelben Kettenband zum Anti-Atom-Demonstranten zu machen...

Aber auch ohne kaiserliche Unterstützung setzt die Kaiserstadt an diesem Tag ein imposantes Zeichen. Zwischen 14.45 und 15 Uhr gelingt es auf Aachener Stadtgebiet tatsächlich, die Kette zwischen dem Rathaus und der Vaalser Grenze zu schließen – auch wenn das Händchenhalten etwas schwieriger als gewohnt ist, wenn Tausende mitmachen wollen. Da muss man dann auch schon einmal improvisieren, was die Demonstranten aber problemlos hinkriegen. Statt „Abschalten, Abschalten“ ertönen auf Jakobstraße und Vaalser Straße auch „Weitergehen, Weitergehen“-Sprechchöre, damit stadtauswärts die Lücken geschlossen werden. Und wenn alle Stricke reißen, werden einfach die Jacken und Pullis ganzer Großfamilien aneinandergeknotet. So kann man auch Meter machen. Hauptsache, die Kette hält.

Der Wind bläst, die Sonne strahlt

Ist ja auch ganz schön schwierig, so etwas zu organisieren. Auch mancher Öcher hat an diesem Tag keine Lust, den ihm zugewiesenen Demo-Standort zwischen irgendwelchen belgischen Käffern einzunehmen, sondern geht lieber ins Städtchen. Macht der Oberbürgermeister ja schließlich auch, weil er seinen Platz, wie Marcel Philipp freimütig einräumt, dann „doch eher am eigenen Rathaus“ sieht.

Zupass kommt den Organisatoren immerhin, dass der Tag keine Verkettung unglücklicher Umstände für sie bereithält, wie sie in Atomkraftwerken möglicherweise zum GAU führen würde. Soll heißen: Es regnet zum Beispiel nicht. Und der Wind bläst zwar kräftig, aber unterstreicht damit nur, dass man auf Atomkraft verzichten kann. Dass sogar das Sönnchen mitunter ein paar energiereiche Strahlen vom Himmel schickt, trägt dazu bei, dass ganz schön viele Menschen unterwegs sind.

Vor allem in der Innenstadt stehen sie so dicht, dass man locker mehrere Menschenketten bilden könnte. Und die Menge ist bunt gemischt. Da stehen „AKW Nee“-Veteranen, die vermutlich schon in den 80ern gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf demonstriert haben, neben ihren Kindern und Enkeln. Da werden junge Antifa-Aktivisten vom Rathauspförtner aufgeklärt, dass die Rathaustreppe keine Plakatwand ist. Da steht der ganz normale Öcher in luftiger Freizeitkluft neben Anzugträgern, zu denen auch der OB und sein Gast aus den Niederlanden, Heerlens Bürgermeister Ralf Krewinkel, gehören.

Die Mama zur Demo geschleppt

Und da werden Mütter von ihren kleinen Söhnen mal eben zur Anti-Atom-Demo mitgeschleppt. Claudia Pappers ist das so widerfahren, weil ihr neunjähriger Lukas in der Schule vom Atomstrom hörte, sich weiter informierte und dann seine Schlüsse zog. „Ich hatte gar keine Wahl“, lacht die Mama, „aber ich finde das gut.“ Bei Demian-Karl lief das anders herum, aber der Dreijährige nuckelt auch noch am Schnuller, während er im Kinderwagen mit einem „Stoppt Tihange“-Fähnchen winkt. „Ich protestiere hier auch für die nächste Generation“, sagt seine Mutter Camelia Donner und streichelt ihrem Sohn über den Kopf.

Und dann ist alles ganz schnell vorbei. Menschenketten sind sehr kurze Angelegenheiten. Gegen halb vier ist der Platz neben Karl wieder frei. Doch nächsten Sonntag bekommt er erneut Besuch: Wenn die Tour de France durch Aachen rollt, soll er ein Gelbes Trikot tragen – falls sich jemand traut, zu ihm hinaufzuklettern.

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