Aachen - Wenn Norbert Blüm rhetorische Ohrfeigen verteilt

Wenn Norbert Blüm rhetorische Ohrfeigen verteilt

Von: Nadine Preller
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Norbert Blüm bei seiner letzte
Norbert Blüm bei seiner letzten Vorlesung in Aachen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Sich unterordnen? Klein beigeben? Nichts für Norbert Blüm, der ganz groß erscheint, wenn er seine rhetorische Keule schwingt: „Sozialistische Experimente tränkten die rote Fahne mit dem Blut der Ermordeten. Und der Kapitalismus kürt sich als vermeintlicher Sieger.”

Alles Verlässliche, Stabile müsse dem Tsunami des Liberalismus weichen. „Der Mensch braucht neue Werte”, sagt der Ex-Minister. Wo diese zu finden seien, darüber sprach Blüm in der Vorlesung „Im Koma - Zustandsbeschreibung der katholischen Soziallehre?” im Rahmen der Hemmerle-Professur an der RWTH Aachen.

Koma - das alles entscheidende Wort. Entschlafen oder Erwachen? Der Mensch hat es in der Hand, sagt Blüm. „Warten wir, bis eine neue Ordnung durch das Chaos entsteht, oder ergreifen wir die Chance, etwas zu verändern?” Blickt Blüm gen Westen, sieht er die USA. „Die erkennen langsam die Werte des solidarischen Sozialstaates, Beispiel Krankenversicherung. Und was macht Deutschland? Die Kehrtwende.” Den Mittelweg finden, das ist Blüms Ziel. Den Weg zwischen dem liberalen Recht des Individuums und dem Sozialismus, „der den entlaufenen Bauernsöhnen, dem geschundenen Proletariat gezeigt hat, dass sie etwas wert sind”.

Blüm, der sich stets als Progressiver verstand, verteidigt heute das Alte, Traditionelle: die christliche Soziallehre. Blüm sieht sie als Schnittstelle zwischen Liberalismus und Sozialismus. Untrennbar verbunden ist die Lehre für ihn mit Gerechtigkeit, zuvorderst mit dem Thema Arbeit. Denn Kämpfer für eine gerechte Arbeitswelt, das ist der einstige Werkzeugmacher immer geblieben.

„Im Moment aber herrscht eine Pseudogerechtigkeit ohne Beteiligung der Arbeiter am Produktiveigentum”, meint der Ex-Minister, der für mehr Solidarität zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wirbt. Die Streitlust beim Thema Arbeit ist Blüm also nach wie vor geblieben. Das Etikett Herz-Jesu-Marxist heftet ihm immer noch an. Blüm stört das wenig. Er sagt, was er denkt. Zuhörer findet er nach wie vor.

Alte wie Junge füllten den Hörsaal während der Vorlesungen im Sommersemester. Ulrich Lüke, Professor für Systematische Theologie, hatte Blüm die Hemmerle-Professur - 1996 vom Bistum Aachen eingerichtet - angeboten. Zur Abschiedsvorlesung gratulierten neben Lüke auch Weihbischof Johannes Bündgens sowie RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg. Blüm feierte am selben Tag seinen 75. Geburtstag. Auf den Mund gefallen ist er nach wie vor nicht: „Wir brauchen ein bisschen Pfeffer im Arsch der christlichen Soziallehre”, ruft er beim Abgehen den Zuhörern zu. Ob sie entschlafe oder erwache, das liege an ihnen.

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