Wenn Leichen helfen, Leben zu retten

Von: Stephan Johnen
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Das ist das Leichenkühlhaus d
Das ist das Leichenkühlhaus des „Center of Surgical Anatomy” in Obermaubach im Kreis Düren. Dort werden Leichen gelagert, an denen Medizinstudenten lernen zu operieren. Foto: Stephan Johnen

Düren. Die Lebenden verdanken den Toten mehr als sie denken. Im Operationssaal beispielsweise; in Augenblicken, in denen jeder Handgriff, jeder Schnitt sitzen muss. Bereits im Studium erarbeiten Studenten an Präparaten des menschlichen Körpers dessen Aufbau.

Sie lernen, Veränderungen an Organen zu erkennen, studieren Operationstechniken ein. Je näher an der Praxis, desto besser das Resultat. Später, bei der Facharztausbildung, sind die anatomischen Institute ebenfalls auf Körperspenden angewiesen. Auf Menschen, die ihren Körper nach dem Ableben in den Dienst der Wissenschaft stellen.

„Es mangelt nicht an Interessenten”, sagt Dirk Schuster, Facharzt für Anatomie, der in der Pathologie des Dürener Krankenhauses arbeitet. Mangel herrsche vielmehr bei der Möglichkeit, seinen Körper zur Verfügung zu stellen. „Die Kapazitäten sind begrenzt”, sagt Andreas Prescher, der am Universitätsklinikum Aachen Chef der Prosektur ist, des Leichenwesens. Aus „räumlichen und personellen” Gründen nehme das Klinikum gegen eine finanzielle Beteiligung von 500 Euro Körperspender nur noch aus dem Stadtgebiet an. Interessierte aus dem Umland hätten kaum eine Chance, ihren Körper zur Verfügung zu stellen.

Qualitätsmedizin erhalten

Aus diesem Grund hat der Dürener Anatom Dirk Schuster eine gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Kreuzau-Obermaubach gegründet, die Körperspenden annimmt - und der Forschung zur Verfügung stellt. „In den USA gibt es eine solche Gesellschaft auf nationaler Ebene”, sagt Schuster. Ziel soll sein, mit Präparaten den Bedarf an medizinischen Fortbildungskursen und der Forschung zu decken.

Der Engpass offenbart sich nicht unbedingt in den Hörsälen. „Die Unis haben für die Ausbildung der Studenten gewisse Kontingente”, sagt Andreas Prescher. So werde auch in Aachen gestorbenen Spendern Formalin-Lösung in den Körper gepumpt; anschließend kommt dieser für sechs Monate in ein Formalin-Bad. Erst nach dieser Prozedur ist der Körper fertig für den Seziersaal, für die Grundausbildung der angehenden Mediziner.

Für die Facharztausbildung reiche dieses Kontingent jedoch nicht aus, zumal für das Erlernen technisch anspruchsvoller Operationstechniken diese Präparate unzulänglich seien. Durch die Einbalsamierung verändere sich beispielsweise die Konsistenz des Gewebes. „Das Präparat ist nicht so präsentierbar, wie Ärzte später Patienten im OP vortreffen”, erklärt Schuster. „Die profunde anatomische Ausbildung an den Leichen ist die absolute Basis und Grundlage für jeden Arzt”, fügt Prescher hinzu.

Ohne Körperspenden sieht er den Qualitätsstandard in der Medizin gefährdet. Eine Gesellschaft wie das „Center of Surgical Anatomy” in Obermaubach sei daher eine Möglichkeit, um den Bedarf an Präparaten - besonders für die Facharztausbildung und Weiterbildungen - über die Kontingente der Universitäten hinaus zu decken. Die Zeiten, in denen entsprechende Kurse in der Pathologie der Krankenhäuser stattfanden, möchte Prescher nicht zurück: „Das ist zurecht aus ethischen Gründen heute nicht mehr möglich.” Der Umgang mit den Körperspendern sei heute von „tiefem Respekt und Dankbarkeit” geprägt. Die Würde der Menschen werde gewahrt.

Doch wie wird jemand Körperspender? Nach einer ausführlichen Information unterschreibt der potenzielle Spender ein Antragsformular und erhält einen Körperspendeausweis. Dirk Schuster rät, diesen Schritt genau mit den Angehörigen zu besprechen und auch den Hausarzt zu informieren. Nach dem Tod wird im Fall der Obermaubacher Gesellschaft eine finanzielle Beteiligung von 870 Euro erhoben und auf ein Treuhandkonto zur Deckung der Kosten überwiesen. „Es fallen keine weiteren Gebühren beispielsweise für die Beerdigung an”, sagt Schuster.

Nur wenn der Körperspender in einem Familiengrab oder einem besonderen Friedhof beigesetzt werden möchte, müsse der Mehrpreis bezahlt werden. Sonst übernimmt die Gesellschaft die Einäscherung und Bestattung in einem Friedwald bei Bad Münstereifel. Auf einer Trauerfeier können Verwandte und Freunde Abschied nehmen. „Etwas schwierig” sei, dass der Leichnam meist erst bestattet wird, wenn alle daraus gewonnenen Präparate unter behördlicher Aufsicht wieder zusammengeführt wurden. Das kann bis zu einem Jahr dauern.

Was dennoch Menschen dazu bewegt, ihren Körper für die Wissenschaft zu spenden? „Oft sind es Menschen, die sehr idealistisch geprägt sind oder die der Medizin viel zu verdanken haben und so etwas zurückgeben möchten”, sagt Dirk Schuster. Die Körperspenden spiegelten aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wider: „Mancher Spender lebt allein, hat keine Verwandten mehr.”

Körperspenden für Fortbildungszwecke nehmen beispielsweise das Institut für Anatomie der RWTH Aachen und das Institut der Anatomie der Universität Köln entgegen. Die Aachener Uniklinik nimmt Körperspenden allerdings nur im Umkreis von 30 Kilometern entgegen.

In Kreuzau-Obermaubach ist das „Center of Surgical Anatomy” beheimatet. Der Dürener Mediziner Dirk Schuster hat die gemeinnützige Gesellschaft gegründet. Infos über Körperspenden, das Prozedere und die rechtlichen Bedingungen gibt es dort unter Tel. 02422/504432.

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