Wenn getötete Affen zu Helden werden

Von: Marlon Gego und Martin Oversohl
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„Nias wird seinen Pflegern als feinfühliger Orang Utan in Erinnerung bleiben“, sagte gestern Duisburgs Zoodirektor Achim Winkler. Nias war durch den Fehler eines Pflegers am Montagabend aus seinem Gehege entkommen und erschossen worden. Foto: Zoo Duisburg/Kuster/www.zoo-foto.de, dpa
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Tanzbär der jungen Bundesrepublik: der Schimpanse Petermann während eines Fernsehauftritts.

Duisburg/Köln. Als Nias Anfang der 90er noch jung und gerade aus Rotterdam in den Duisburger Zoo gekommen war, hatte er für einige Monate so etwas wie den Status eines Superstars. Es gibt nicht mehr so furchtbar viele Orang Utans in europäischen Zoos, und junge Tiere, die dazu noch so etwas wie einen für die Zoobesucher sichtbaren Charakter haben, werden schnell zu etwas gemacht, das sie gar nicht sind und sein können, wie später zum Beispiel auch der Berliner Eisbär Knut.

Nias wuchs schnell heran, und je größer er wurde, desto mehr wurde er ein Zoobewohner wie die anderen auch. Er lebte ein für die Zoobesucher unauffälliges Orang-Utan-Leben, bis er am Montagabend auf der Flucht aus seinem Gehege erschossen wurde.

Petermanns letzte Stunde

Ein Pfleger hatte einen Schieber am Orang-Utan-Gehege falsch gesichert, so konnte Nias aus seinem Gehege zunächst in einen anderen Trakt entkommen. Dort traf er auf das Orang-Utan-Männchen Bayu, es entwickelte sich ein Streit. Viele männliche Orang Utans seien Machos, sagte Zoodirektor Achim Winkler, Nias aber sei die Ausnahme gewesen.

Während des Streits mit Bayu sei Nias daher in Panik geraten und deswegen durch ein Oberlicht geflüchtet. Er lief auf einen Außenzaun des Zoos zu, ein Pfleger schoss ihm in den Rücken. Bayu, der im Gehege geblieben war, wurde lediglich betäubt. Zoodirektor Winkler sagte, ihn zu betäuben, sei bei Nias nicht möglich gewesen. Bis das Mittel gewirkt hätte, wäre Nias längst über den Zaun geklettert und auf die Straße gerannt.

Weil Affen dem Menschen einigermaßen ähnlich sind, wird in ihre Fluchtversuche oft eine Menge hineininterpretiert. Die in dieser Hinsicht am besten dokumentierte Affenflucht in der Geschichte der Bundesrepublik ist die des Schimpansen Petermann, der es in den 50er Jahren zu einiger Prominenz gebracht hatte.

Der jungen Bonner Republik hatte Petermann einige Jahre lang als Tanzbär gedient, im Fernsehen, im Karneval, in der Werbung, natürlich auch im Kölner Zoo. Mit Frack, Zylinder und Sektglas in der Hand hatte er der Nation im Fernsehen ein frohes neues Jahr 1953 gewünscht, na ja.

Petermann galt nach dem Erreichen der Geschlechtsreife als Problemaffe, der mit Menschen nicht mehr zurechtkam. Er hatte vergessen und verstört im gekachelten Affenhaus des Kölner Zoos vor sich hingedämmert, als seine letzte Stunde schlug. Am 10. Oktober 1985 entkam er aus seinem nachlässig verschlossenen Käfig, schlug einen Pfleger nieder und stürzte sich auf den damaligen Zoodirektor Gunther Nogge, der ahnungslos das Affenhaus betrat. Petermann biss Nogge ins Gesicht und in die Hände.

Nach einer Minute gelang es Pflegern, das wütende Tier von Nogge loszureißen, doch Petermann entkam. Als er kurz darauf erschossen wurde, soll er die linke Faust in den Himmel gestreckt haben. Etwa so wie Che Guevara früher, der letzte Gruß eines Entrechteten an die anderen Entrechteten dieser Welt, zu denen Petermann Jahrzehnte lang gehört hatte. Ein Kölner Mythos.

Dass sich um Nias Tod irgendwann ähnliche Mythen ranken, ist zwar unwahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen. Denn wie in Köln ist auch die jüngere Duisburger Stadtgeschichte derart arm an echten Helden, dass aus einem Affen ein Held werden konnte beziehungsweise noch werden könnte, dessen Namen man auch Jahre nach seinem Tod noch kennt.

Wie damals bei Petermann auch, so rief die Nachricht von Nias‘ Erschießung umgehend die Tierschützer auf den Plan. Der Deutsche Tierschutzbund erklärte, es sei grundsätzlich „anzuzweifeln, ob Primaten wie Menschenaffen in Tiergärten artgerecht zu halten sind“, sagte ein Sprecher des Tierschutzbundes, den sozial und kognitiv sehr hoch entwickelten Tieren sei in Gefangenschaft kaum gerecht zu werden.

Eine Feststellung, die man vermutlich auf die allermeisten Tierarten übertragen kann, und die das Zoo-Wesen generell in Frage stellt. Und die den Schluss nahelegt, dass auch Nias nichts anderes wollte als seine Freiheit. Ein Held muss unschuldig sterben, damit er weiterleben kann. Kommentar

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